Das Wie und nicht das Was bestimmt die Qualität unserer Gespräche

 

Dialog oder Diskussion?[1]


Durch die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte (E-Mail, Social Media etc.) ist die Häufigkeit unsere Kontakte gestiegen. Die Gespräche wurden aber weniger. Das ist schade. Das Gespräch hat eine andere Qualität als die schriftliche Kommunikation.

Der schriftlichen Form fehlen zwei Elemente: Beim Sprechen ist nicht nur unser Gehirn aktiv, es redet der gesamte Körper mit (nonverbale Kommunikation). Die Lautstärke, der Tonfall, das Tempo etc. unserer Stimme (paraverbale Kommunikation) lassen auch die Seele mitsprechen. Im Gespräch werden Körper, Geist und Seele – also die gesamte Person und Persönlichkeit – spürbar. Das fehlt den Briefen, Mails, What’s App, SMS usw.

Bei Gesprächen unterscheide ich zwischen dem Erzählen, dem Informieren oder Berichten sowie dem Monolog einerseits und dem Zwiegespräch, einem Gedankenaustausch zwischen zwei oder mehreren Personen, andererseits. Beim Erzählen und beim Berichten wirken keine Emotionen mit, die der Gesprächspartner verursacht. Andere Emotionen sind natürlich vorhanden (Beispiel: Bericht über einen Unfall oder über ein freudiges Ereignis etc.). Das Zwiegespräch kann Dialog oder Diskussion sein. Im Zwiegespräch werden die persönlichen Emotionen der Gesprächspartner nicht nur aktiv, sie bestimmen weitgehend das Gespräch.

Einige Beispiele zum Unterschied von Dialog und Diskussion:

  • Dialog:
    •      Was denkst du dazu?
    •      Wie kommst du zu dieser Ansicht?
    •      Welche Emotionen kommen bei dir bei diesem Thema auf?
    •      Hast Du schon einmal Alternativen in Erwägung gezogen?
    •      Wie stark bist du auf deine Meinung eingeschworen und warum?
    •      ……

 

  • Diskussion:
    •      Diese Ansicht ist nicht zulässig!
    •      Das ist doch reiner Unsinn!
    •      Zu meinen Vorschlägen gibt es keine vernünftige Alternative!
    •      Wenn wir so entscheiden, laufen wir dem Untergang in die Hände!
    •      Deine Meinung ist völlig veraltet!
    •      So kommen wir zu keiner Lösung!
    •      ….

Merkst du den Unterschied? – Beim Dialog steht immer ein Fragezeichen.

In der Diskussion will jeder seine Ansicht, von der er überzeugt ist, als die wahre durchsetzen. Der Gesprächspartner soll davon überzeugt, zumindest dazu überredet werden. So hat die Diskussion immer etwas mit einem Kampf um die Macht, um die Bestimmung der anderen zu tun. In der Diskussion wird hin-, aber auch zurückgeschossen. Was der andere behauptet, soll nicht verstanden, es muss widerlegt werden. Auf die Vielfalt der Sichtweisen wird verzichtet.

Seinen Standpunkt zu ändern oder zu verlassen, ist im Dialog möglich, ohne sein Gesicht zu verlieren, da es keinen Sieger und keinen Verlierer gibt. Jeder nimmt sich, was er braucht. Der andere muss nichts annehmen, wenn er nicht will. Eine ideale Win-win-Situation.

Im Dialog geht es darum, den anderen kennen zu lernen und zu verstehen. Wir lernen, gemeinsam zu denken. Durch Hinterfragen vermeiden wir, dass einer etwas anderes sagt, als der andere hört und denkt. Der Dialog ist wie das Fließen eines Stroms zwischen zwei Ufern. Es entstehen Einsichten, die alleine nicht erreicht werden können. Annahmen werden nicht verteidigt, sondern untersucht und hinterfragt.

Wir glauben immer, dass es nur eine richtige Meinung gibt. Daraus entstehen Konflikte. Der Dialog erlaubt auch eine Zweinigkeit[1], in der mehrere Ansichten Gültigkeit haben.

Beim Dialog gibt es keinen Grund, seine Stimme zu heben und lauter zu werden. Du und dein Gegenüber wollen ja die andere Meinung hören und passen auf.

Der Dialog ist die Sprache der Demut: Ich weiß, dass meine Meinung wichtig ist, vor allem für mich wichtig ist. Ich weiß aber auch, dass es andere Meinungen gibt, die für meine Gesprächspartner genau so richtig sind, wie meine für mich.

Im Dialog wollen wir andere Standpunkte und Sichtweisen lernen. In der Diskussion lassen wir andere Sichtweisen nur bedingt oder gar nicht zu. Wir wollen sie verdrängen.

Der Dialog ist das Zwiegespräch der Selbstbewussten, der Starken. Mit einem hohen Selbstwert muss ich nicht gewinnen. Ich kenne meine Qualitäten auch ohne einen Sieg.

Bei Diskussionen wird der Standpunkt selten verändert. Beim Dialog suche ich neue Standpunkte. Die Grundhaltung beim Dialog ist die Neugier. Neue Argumente stellen in der Diskussion eine Gefahr dar und können meine Position schwächen.

Der Dialog ist die Kommunikation der Weisen. Im Dialog lernen sie neue Wahrheiten. Und die Summe der Wahrheiten ist die Weisheit.

Im Dialog entsteht Harmonie. Der Dialog ist die Kommunikation der Liebe.

Meine Vision für die Zwiegespräch der Zukunft:

  •  Der Dialog bestimmt unsere Gespräche.
  •  Bei Entscheidungen brauchen wir Diskussionen.
  •  Vor jeder Diskussion gibt es einen Dialog, um das Gegenüber wirklich kennen und   schätzen zu lernen.
  •  Die eigene Meinung ist nur die derzeitige. Durch den Dialog kann sie sich auch ändern.

Ich werde mich bemühen, meine Vision zu leben. Dazu darf ich auch dich einladen. Gemeinsam sind wir stark.


Leonding, 08.08.2023                                                            Alois Markschläger



[1] Den Ausdruck hat Vera Birkenbihl, die sich intensiv mit Kommunikation beschäftigte, geprägt.



[1] Vergleiche dazu auch A. Markschläger, Von den Besten durfte ich viel, von den Anderen viel mehr lernen, BoD, Norderstedt 2022, S 188 ff.

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