Wenn der Seele zum Kotzen ist

Wir ernähren uns falsch, essen zu viel oder zu wenig, zu einseitig, zu schädlich …… und der Körper zeigt dies rasch auf. Bei großer Gefahr scheidet er die Schadstoffe sofort aus: Erbrechen, Durchfall usw. Ohne unmittelbare Gefahr werden „unsere Sünden“ erst allmählich erkennbar. Wir werden zu dick, zu mager, kraftlos, antriebslos … und somit krank. Körper, Geist und Seele sind eine Einheit und Krankheiten wirken auf alle drei Bereiche.

In den letzten Jahrzehnten haben viele Menschen ihr Gesundheitsbewusstsein verändert. Wir ernähren uns gesünder, betreiben mehr Sport usw. Höhere Einkommen haben diese Entwicklung nicht nur begünstigt, sondern überhaupt erst ermöglicht.

Krankheiten sind Botschafter. Manche Krankheiten weisen auf eine falsche Ernährung hin. Oft überhören oder verdrängen wir dies, um nicht unseren Lebensstil ändern zu müssen. So wollen wir eigentlich nicht wirklich gesund werden, sondern es sollen nur die Folgen der falschen Lebensweise verschwinden. Dabei unterstützen uns die Medizin und die Pharmazie. Die machen nichts falsch, sondern genau das, was ihre Kunden wollen und brauchen. Bedenklich sind nur die Methoden, mit denen sie unsere Schwächen ausnutzen, und die überhöhten Preise und Gewinne.

Aber wir nähren nicht nur unseren Körper, wir versorgen auch unseren Geist und unsere Seele mit allen unseren Wahrnehmungen, unseren Empfindungen und unseren Gedanken. Und die Menge zusätzlicher Nahrungen ist in den letzten Jahrzehnten teilweise explosionsartig gewachsen. Die Gefahr, dass wir zu viel, zu unkontrolliert aufnehmen und danach süchtig werden, ist hoch. Folgende Beispiele sollen nur den Umfang dessen, was wir unserer Seele zumuten, andeuten. Um für das Leben fit zu sein, benötigen wir ein höheres Wissen und ein ständiges Ausweiten unseres Wissens. Die täglichen Informationen, die uns jederzeit über das gesamte Weltgeschehen informieren, sind unüberschaubar geworden. Die Unterhaltungsindustrie nützt unsere Neugierde, unsere Sensationslust, unser Verlangen nach Abwechslung und Ablenkung etc. aus. Wir unternehmen Vieles, um im Leben „weiterzukommen“. Nicht alles davon tut der Seele gut. Die Entwicklungen der Angebote für unseren Geist uns für unsere Seele in den letzten Jahrzehnten sind vergleichbar mit der Entwicklung des Nahrungsangebotes: Zu gering war in der Nachkriegszeit das Angebot an Lebensmittel und zu niedrig die Durchschnitts- einkommen, um sich damals „überfressen“ zu können. Das Problem ist aber nicht das gestiegene Angebot, sondern der übermäßige Konsum, sowohl für den Körper als auch für die Seele.

Wenn wir unseren Körper so füttern, wie wir dies unserer Seele zumuten, bemerken wir rasch, dass die Hose um den Bund etwas eng wird (Zu heiß gewaschen?) und dass wir uns nicht mehr ganz so wohl fühlen. Die Seele muss alles verarbeiten, was wir erleben und in uns aufnehmen. So wie dem Körper ist auch der Seele oft zum Kotzen und zum Zusammenbrechen. Das passiert aber nur in lebensbedrohlichen Situationen. Werden die Belastungen zu hoch, schreien Seele und Körper nach Hilfe. Ihre Sprache sind die Krankheiten.

Vielleicht reagiert die Seele langsamer als der Körper oder wir verdrängen ihre Stimme. Wir schütten sie zu mit teuer erkauften Aufstiegen im Beruf, mit finanziellen Erfolgen, mit gesellschaftlichem Ansehen, mit tollen Urlauben etc. Reicht diese Ablenkung nicht, nehmen wir Zuflucht bei Suchtmittel (Alkohol, Rauschgift, Medikamente, Kaufsucht, Abenteuersucht …). Damit betäuben wir die Seele[1] oder wir betäuben uns, um die Seele nicht zu hören. Die Folgen sind psychische Erkrankungen, die auch körperliche Gebrechen folgen lassen (Einheit von Körper, Geist und Seele): Schlafstörungen, Burnout, Angstzustände, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen etc.

Wie können wir den Fehlentwicklungen - trotz aller positiven Wirkungen - der letzten Jahrzehnte begegnen, um unsere Seele zu schützen? Der erste Schritt dazu ist die Entwicklung eines „Seelenbewusstseins“ -  eines Bewusstseins, das in den letzten Jahrzehnten wahrscheinlich als „unmodern“ verloren ging. Dies bedeutet, sich dessen bewusst zu sein, dass alles, was wir an Information, an Unterhaltung, an Zielen, an Gedanken, an Erlebnissen … aufnehmen, unsere Seele verarbeiten muss. Wie beim Essen müssen wir entscheiden, was für uns lebenswichtig, was noch genussvoll, was ungesund, was gefährlich etc. ist. Kleine Sünden - wie eine Schokolade zwischendurch - wird auch die Seele, ohne Schaden zu nehmen, verarbeiten. Wir allein entscheiden, was wir lesen, was wir im Fernsehen sehen, was wir im Handy anschauen, mit wem wir uns unterhalten, welche App wir lesen usw. Weniger ist mehr, viel mehr. Das fällt nicht leicht. Aber Einschränkungen fallen auch in der Ernährung nicht leicht. Außerdem behauptet niemand, dass es leicht fallen muss. Auch Krankheiten fallen nicht leicht. Wir müssen nicht nur für uns entscheiden, was wir aufnehmen wollen. Grundzüge davon sollen in die Erziehung unserer Kinder übernommen werden (Siehe dazu meinen Blog: Mehr Psychologen für unsere Kinder oder weniger Informationen? vom 10. Aug. 2024)

So wie den Körper können wir auch unsere Seele pflegen. Leider sind einige Gewohnheiten der „Alten“ verloren gegangen oder werden manchmal sogar belächelt. An einige sollten wir uns erinnern.

Im Religionsunterricht habe ich noch von der täglichen Gewissenserforschung gehört. Diese hat trotz eines teilweisen Missbrauchs der Kirche zur Manipulation der Gläubigen eine wichtige Funktion für unsere Seele. Am Abend überlege ich mir, was mich den ganzen Tag beschäftigt hat und was das mit mir bewirkte. Damit können die Erlebnisse und Eindrücke des letzten Tages bearbeitet werden und die Seele kann Vieles unter „erledigt“ ablegen. Ich selbst habe diese Gewissenserforschung und die Vorbereitung für den nächsten Tag bei einem Abend- oder Nachtlauf gemacht. Das hat dem Leib und der Seele gut getan.

Früher gab es die Institution des Beichtvaters. Dem konnte man alles erzählen. Und er behielt es für sich. Ihm konnte man seine Sorgen sagen. Er konnte einen Rat geben. Er hat der Seele geholfen und hat sie vielleicht entlastet. Suche dir deinen Beichtvater oder eine Beichtmutter, mit dem du deine Seele entlasten kannst.

Die „Gute Nacht-Geschichte“ sollte eine gute Stimmung für die Seele schaffen, damit diese in der Nacht in Ruhe arbeiten konnte. Der Fernseher hat die „Gute Nacht-Geschichte“ ersetzt. Ein Großteil unserer Fernsehprogramme schafft diese Grundstimmung nicht, sondern belastet mehr als sie entlastet. Sie schaden aber nur dann, wenn du sie konsumierst.

In der Meditation versuchen wir, in unsere Mitte, wo immer die ist, zu gehen. So können wir die Seele beim Verarbeiten von Ereignissen unterstützen. Außerdem lernen wir dabei Achtsamkeit und Gelassenheit. Noch intensiver als die Meditation wirken Exerzitien. Die Instrumente gibt es noch. Du musst sie nur praktizieren.

Jeder Kulturkreis hat einen Tag in der Woche, an dem geruht wird. Da findet auch die Seele ihre Ruhe. Diese Zeit fehlt der Seele, wenn wir den Sonntag mit Abenteuern füllen.

Geringere Belastungen kombiniert mit einigen wirksamen Institutionen haben in der Vergangenheit zu weniger seelischen Erkrankungen geführt. Darauf sollten wir uns besinnen und danach sollten wir unser Leben orientieren: Die Vergangenheit nicht kopieren, aber kapieren!

Ob du gesund an Leib und Seele bist, hängt von dir ab. Du bist Körper, Geist und Seele.

 

 September 2024                                                                                          Alois Markschläger



[1] Für eine Sucht sehe ich vor allem zwei Ursachen: Sie ersetzt Erlebnisse, die wir nicht bekommen, gerne aber hätten, oder sie verdrängt Erlebnisse, an die wir nicht erinnert werden wollen.

 

 

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