Leben heißt genießen und genießen heißt leben

Mit fortschreitendem Alter steigt der Eindruck (teilweise auch genetisch bedingt), dass die Zeit immer schneller vergeht. Ein nahendes Ende und unsere Endlichkeit werden bewusst. Es ist, wie in einem Auto zu sitzen, das auf einen Abgrund zusteuert. Der Fahrer – du selbst bist nur Beifahrer – bremst nicht. Nein, er gibt sogar noch Gas. Und du kannst nicht raus. Da kann auch Angst aufkommen.

Gedanken, was du auf deiner Reise gemacht hast, was du versäumt hast, was … tauchen auf. Neulich habe ich zu den Themen Endlichkeit und Sterblichkeit den Satz gelesen: „Am Ende sind wir alle gleich und wollen nur mehr Zeit.“ Wir wollen dem Abgrund noch ein wenig entgehen.

Was hätten wir von dieser zusätzlichen Zeit? Würden wir sie anders gestalten als die viele Zeit, die wir bisher schon hatten? Sollten wir uns da nicht lieber an dem Ausspruch orientieren: „Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben.“ 

Wie sollen wir aber diesen Jahren mehr Leben geben? Was macht das Leben zum „wirklichen Leben“? Das „wirkliche Leben“ ist für jeden von uns anders. Alles, was dieses Leben zu einem erfüllten Leben macht, ist zulässig. Du – und nur du - musst es finden.

Ich glaube, dass wir ein Recht auf Glück haben, ein Recht, glücklich zu werden. Dieses Recht ist sogar in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung enthalten. Vielleicht sollten wir unsere Zeit mit einem Leben füllen, das uns glücklich macht.

Für mich ist die Aufforderung, die Zeit mit Leben zu füllen, die Aufforderung: Genieße und sei dankbar! Dabei denke ich beim Genießen nicht an einen flüchtigen und schnellen Genuss, wie er beim Hinunterwürgen einer Leberkässemmel entsteht.

Genießen ist das Zergehenlassen auf der Zunge (Geht vielleicht auch bei der Leberkäse-semmel.).
Genießen bedeutet, etwas als ganzer Mensch mit Körper, Geist und Seele aufzunehmen.
Genießen bedeutet, eins werden mit dem, was wir genießen.
Genießen bedeutet, uns hingeben, uns aufsaugen lassen und dabei selbst aufzusaugen.
Genießen bedeutet, achtsam sein; das zu achten und zu beachten, was ist.
Genießen bedeutet, das richtige Maß zu haben, nicht zu viel und nicht zu wenig – weder Vielfraß, noch Hungerleider.
Genießen bedeutet, mit dem zufrieden sein und sich mit dem bescheiden, was ist – nichts Größeres, nichts Schöneres, nichts Anderes ist notwendig.
Genießen bedeutet lassen, loslassen, sich gehen lassen, sich auf etwas einlassen, zulassen, bedeutet gelassen sein.
Genießen bedeutet, etwas annehmen, ohne es ändern, gestalten, beeinflussen zu wollen. So wie es ist, ist es gut und schön.
Genießen bedeutet, zur Ruhe kommen, zum Beobachter, zum Wertschätzenden, zum Liebenden, zum … werden.

Genießen bedeutet leben.

Um der Zeit Leben zu geben, genieße das, was dich umgibt, was du bekommst und was du bekommen kannst!

Genieße die Freundschaften, die dich weiterentwickeln!
Genieße die Gespräche, mit wem auch immer du sie führst!
Genieße die Zärtlichkeiten, die du gibst und die du bekommst!
Genieße die Liebe in jeder denkbaren Form!
Genieße die Ruhe, wenn sie dich umgibt und dich mit dir allein lässt!
Genieße deine Emotionen, die Freude, das Lachen, die Trauer, die Tränen, den Übermut …!
Genieße die Sonne, den Mond, die Wolken, das Gewitter mit seinen Energien, den Tag, die Nacht, den Regen …, die dich immer umgeben und begleiten!
Genieße das Essen, die Getränke, die dir helfen und dich aufbauen!
Genieße deine Gaben und deine Aufgaben! Wo deine Gaben liegen, liegen deine Aufgaben.
Genieße …
Genieße deine Endlichkeit!

Genieße dich selbst! Wer sich nicht genießt, wird ungenießbar.

Genießen hilft dir, dein Leben nicht nur zu leben, sondern zu erleben und es nicht zu verpassen. Vergiss nicht, dich dafür zu bedanken, wenn du genießen durftest! Vergiss nicht, etwas von deinem Genuss zurück- oder weiterzugeben!

Nicht viele von uns - ich ganz bestimmt nicht - sind von Geburt auf Genießer. Viel zu lange und viel zu oft hat man mir erklärt, was im Leben wichtig sei. Leider war Genießen kaum dabei. Ich werde dieses Genießen nicht sofort und nicht in der gewünschten Perfektion beherrschen. Aber ich beginne noch heute mit dem Training, um meine restliche Zeit mit Leben zu füllen.


Jänner 2025                                                                                  Alois Markschläger

 

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