Wie in den letzten Jahren war ich auch heuer weitwandern. Viele Parallelen zwischen dem Wandern und dem „richtigen“ Leben haben sich dabei aufgetan. Vielleicht sprechen wir deswegen auch gerne von unserem Lebensweg?
Wie finde ich den richtigen Weg zu meinem Ziel? Vor dem Navi gab es Land- und Straßenkarten, mit deren Hilfe Wanderer Ihren Weg suchten. Davor haben die Himmelsgestirne, Sonne, Mond und Sterne, sowie die Erzählungen anderer Reisender dafür gesorgt, den richtigen Weg zu finden.
Wenn du dir keine dieser Möglichkeiten zutraust oder dir diese Arten zu aufwendig sind, nimmst du dir einen Führer, der dir den Weg zeigt und der dich begleitet. Den richtigen Führer für deine Wanderung zu finden, ist nicht immer einfach. Ein optimaler Führer sollte dich und deine Ziele gut kennen. Folgende Fragen stellen sich bei der Auswahl eines Führers oder Begleiters: Kennt er den Weg zu Deinem Ziel? Kennt er deine Möglichkeiten, um für dich den richtigen Weg zu wählen? Kennt er deine körperliche Konstitution, um beurteilen zu können, was dir zuzutrauen ist? Weiß er, was du auf deiner Wanderung sehen und erleben möchtest? Ist es ihm wichtig, deinen Weg und nicht einen für ihn einfachen und lukrativen Weg zu gehen? ….. Sobald du dir einen Führer wählst, dem du vertrauen möchtest, hast du einen Teil deiner Verantwortung und deiner Freiheit aufgegeben, du hast dich jemand anvertraut, dem du jetzt auch traust. Du vertraust darauf, dass er den richtigen Weg für dich kennt und du gehst mit ihm.
Die Wahl eines Führers solltest du äußerst bedächtig treffen. Sobald blindes Vertrauen dominiert, ist es besser, wenn du dir einen Blindenhut wählst. Der wurde darauf trainiert, alle Gefahren von dir fernzuhalten. Manche Führer haben auch andere Absichten. Diese sind mehr Verführer als Führer. Nicht selten werden sie auch zu „Irrführern“, die nur ihre und nicht mehr deine Interessen sehen. Von solchen Führern können unsere Vorgenerationen elendslange Lieder, leider nur Trauerlieder, singen.
Auch im „richtigen“ Leben gibt es immer wieder Etappen, die wir mit einem Führer gehen. Damit opfern wir einen Teil unserer Freiheit, damit verzichten wir auf die Chance, aus unseren Fehlern zu lernen. In vielen Lebensetappen ist diese Hilfe toll und manchmal auch die einzige Möglichkeit, einen bestimmten Weg zu gehen oder Neues zu lernen. Es gibt uns Sicherheit zu wissen, dass da jemand ist, der die Gefahren unseres Weges kennt, der uns, wenn notwendig, auch bei der Hand nimmt und uns über gefährliche Stellen begleitet und der uns beschützt.
Irgendwann müssen oder sollten wir uns aber bewusst machen, dass wir selbst für unsere Wanderung verantwortlich sind. Aus der Führung sollte eine Begleitung werden. Und auch diese muss einmal wegfallen, wenn wir selbstständig und selbstverantwortlich werden wollen oder werden müssen.
In unserem Leben werden wir aber nicht nur geführt, oft werden wir auch selbst zu Führern, was uns manchmal gar nicht bewusst ist. Da gibt es Menschen neben uns, die unsere Führung, unsere Unterstützung und unsere Liebe brauchen. Wenn du schon einmal bewusst Führung übernommen hast, hast du nicht nur die damit verbundene Macht, sondern auch die damit verbundene Verantwortung gespürt. Mit der Übernahme der Führung verzichtest auf einen Teil deiner Freiheit. Du kannst jetzt nicht mehr überall hinwandern, wo es für dich interessant und lustig ist. Du hast Verantwortung übernommen. Viele von uns erleben dies mit der Geburt ihrer Kinder. Wir erhalten eine neue Rolle. Nicht Wenige kommen in eine Konfliktsituation und kämpfen mit der Entscheidung zwischen der Freiheit, ihr Leben so gestalten zu können, wie sie es gerne hätten, und der Verpflichtung, die Führung und Begleitung ihrer Kinder zu übernehmen.
Sobald du Führung übernommen hast oder sie dir zugefallen ist, bist du dafür verantwortlich, gute Führungsarbeit zu leisten. Laotse hat die Qualität der Führung in etwa so eingeteilt: Unter einem schlechten Führer leiden die Geführten, bei einem guten Führer fühlen sie sich wohl und bei einem ausgezeichneten Führer bemerken sie nicht, dass sie geführt werden. Das bedeutet, die Macht der Führung in Demut auszuüben. Vielleicht kommt aus einem ähnlichen Gedankengang unser Bild des Schutzengels: Ein Engel, der sich immer um dich bemüht, ohne dass du es bemerkst.
Zu einer guten Führung gehört auch ein guter Abschluss. Gute
Führer lernen denen, die ihnen anvertraut sind, irgendwann ihren Weg allein zu
finden. Sie sind bereit ihre Macht und ihre Verantwortung wieder abzugeben.
Darin liegt auch der Unterschied zwischen Führern und Verführern: Führer
gebrauchen ihre Macht und geben sie wieder ab. Verführer missbrauchen ihre
Macht und wollen sie nie abgeben.
Die Abgabe der Macht und der Verantwortung erfolgt nicht immer liebevoll und zärtlich. Eine recht drastische Abgabe der Verantwortung finden wir in der Natur. So wirft der Adler seine Jungen aus dem Nest, sobald er davon überzeugt ist, dass sie schon fliegen können, aber noch nicht fliegen wollen. So lernen die Jungen fliegen: Vielleicht etwas brutal, aber natürlich und gesund. Dabei behalten die Adler-Eltern aber so lange ihre Verantwortung, bis die Jungen wirklich fliegen können. Schaffen sie das nämlich nicht mit dem Hinauswurf, fangen sie die Alten auf, bevor sie am Boden zerschellen: Vielleicht doch nicht brutal, sondern nur natürlich und gesund.
Ja, solche Gedanken tauchen beim Wandern immer wieder auf.
Ich wünsche dir viele Wege, die du alleine gehen kannst, und gute Führer, wenn du alleine nicht den richtigen Weg findest.
Juni
2023
Alois Markschläger
Ich liebe deine Bildsprache. Dem Vergleich mit andere Sachen im Leben.
AntwortenLöschenDanke dir Lois!! Meines Erachtens ist es ein Zeichen von Bequemlichkeit die Führung (zB zurück zu unserem Lebensweg) einem anderen zu übergeben. Das müssen wir schon selber erledigen, so unbequem es auch sein mag. Ja...eine konstruktive Begleitung ist hilfreich, stimmt!! So fein, dass du deine Gedanken mit uns teilst!
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