„Nur“ eine Wanderung oder doch ein Stück Lebensweg? Weisen Wegweiser den Weg oder weisen sie uns weg?

 

Wie in den letzten Jahren war ich auch heuer weitwandern. Viele Parallelen zwischen dem Wandern und dem „richtigen“ Leben haben sich dabei aufgetan. Vielleicht sprechen wir deswegen auch gerne von unserem Lebensweg?

Zuletzt habe ich meine Gedanken zum Wandern mit einem Führer geäußert. Finden wir keinen Führer, wollen oder können wir uns keinen Führer leisten oder wollen wir uns nicht führen lassen ….., können wir uns für einen markierten Weg entscheiden. Wegweiser, Wegtafeln und Markierungen erleichtern die Wegfindung. In den letzten Jahren wurden diese Wegweiser vereinheitlicht: Sie sind gelb, haben ein einheitliches Format und geben Auskunft über den Schwierigkeitsgrad, das Ziel, die Nummer des Weges sowie über die Gehzeit bis zum Ziel. Daneben gibt es für einige Wege eigene Markierungen mit eigenen Farben und Zeichen.

Auch im „wirklichen“ Leben gibt es Wege, die schon jemand für uns markiert hat. Sie sollen uns durch das Leben führen. In den ersten Lebensjahren werden wir nicht gefragt, ob wir diesen Weg gehen wollen. Wir müssen, da wir alleine noch nicht zurechtkommen. Manche gehen den vormarkierten Weg ein Leben lang.

Bei einer markierten Wanderung können wir meist einfach feststellen, wo und wie der Weg verläuft, wie lange und wie schwierig er sein wird. Und wir kennen das Ziel. Selten kann das einer von seinem Lebensweg behaupten. Alles ist denkbar: toll, unterhaltend, erfolgreich, unklar, unsicher, gefährlich, abwegig …. Vielleicht würden wir ihn nicht gehen, wenn wir ihn vorher schon genau erforschen könnten.

Wegweiser helfen uns, das Ziel zu erreichen und schaffen Sicherheit. Sie zeigen uns einen Weg, gleichzeitig zeigen sie aber viele andere Wege nicht. Ist der markierte Weg wirklich deiner oder gehst du ihn nur, weil er der einzig Markierte ist? Haben es die Wegbetreuer mit dir gut gemeint, damit du sicher an dein oder doch eher an ihr Ziel kommst? Könnte es sein, dass dieses „gut gemeint“ auch das Gegenteil von „gut“ ist?

Welche Wegweiser und Markierungen stehen auf unserem Lebensweg? Die Pflicht zu einem Namen, die Schulpflicht, ein bestimmtes Verhalten und Beschränkungen unserer Willkür sind durch Gesetze geregelt. Soweit der Gesetzgeber nicht seine Macht missbraucht, schützen diese unseren Lebensweg und sichern ein friedliches Zusammenleben. Sie zeigen verbotene Wege, die nicht gangbar sind, und abgesperrte Wege.

Neben den Gesetzen gibt es viele Gewohnheiten, Regeln, Bräuche etc. Sie sind die täglichen Wegweiser, die wir meistens beachten, ohne sie wirklich immer zu sehen. Sie haben sich automatisiert. Sie zeigen uns sanft aber bestimmt den Weg. Kein Gesetz greift ein, wenn wir die Richtungspfeile nicht beachten. Aber das Nichteinhalten ist mit Sanktionen verbunden, die bis zum Ausschluss aus der jeweiligen Gemeinschaft reichen. Dadurch sind sie äußerst wirksam. Die Anweisungen, Hinweise und gruppenspezifischen Regeln beginnen sehr oft mit dem bedenklichen Wörtchen „man“: „Man benimmt sich ordentlich. Man ist nicht vorlaut. Man ….“, um ein paar harmlose zu nennen.

Wer stellt diese Wegweiser auf? Alle - die Eltern, die Freunde, die Verwandten, die Gesellschaft, der Staat, die Kirche usw. – sind daran beteiligt. Keiner von ihnen kann dir sagen, ob der markierte Weg für dich der richtige ist, ob er dich glücklich und erfolgreich machen wird. Das Wichtigste für alle ist, dass du ihn gehst, dass du davon nicht abweichst, dass du kein Abweichler bist. Auf dem markierten Weg fällst du nicht auf. Und so lange niemand einen anderen Weg geht, fallen auch die auf dem gemeinsamen Weg nicht auf: Ist der Mensch wirklich so ein Herdentier? Ich fürchte: Ja

Wohin der Weg führt, wird oft gar nicht hinterfragt. Vielleicht weiß es auch keiner. Wichtig ist nur, dass du ihn gehst. Dabei geben die Wegweiser meist nur die Richtung vor. Das genaue Ziel und schon gar nicht die Zeit bis zum Ziel sind selten bekannt.

Solange du von diesem Weg nicht abweichst, bist du zwar in einem geschützten Bereich unterwegs, wirst aber nichts Neues entdecken. Hätte Columbus keinen abweichenden Weg gewählt, wäre Amerika viel später entdeckt worden (Die Ureinwohner wären ihm sicher dankbar gewesen. Vor allem die, die die Entdeckung nicht überlebt haben.).

Bei einer Weitwanderung bin ich einem markierten Weg gefolgt und nach kurzer Zeit stand ich mitten in Dornenstauden, die über zwei Meter hoch waren. Der Weg wurde irgendwann angelegt, aber später nicht mehr gepflegt. Ich bin zwar nicht in Panik geraten, habe einen „Ausweg“ gefunden, aber etwas mulmig war es schon und leicht zerschunden war ich auch. Wie viele von uns werden auf einen Weg geführt, der nicht mehr intakt oder für sie zu schwer ist? Verzweifelt landen sie im Dornengestrüpp und können nicht mehr weiter. Die Wegweiser, die sie dahin geführt haben, und die Menschen, die diese Wegweiser aufgestellt haben, sind die Schuldigen. Aber die sind nicht mehr da, um zu helfen. Die haben sie „nur“ hingeführt. Wer führt sie wieder raus? Aufgrund solcher Erfahrungen überzeuge ich mich nach Möglichkeit bei Einheimischen vom richtigen Weg, auch wenn ich fast sicher bin, auf dem richtigen Weg zu sein. Wo sind die Einheimischen, die wir fragen können, ob wir auf dem richtigen Lebensweg sind?

Die Zeitangaben auf den Wegweisern sind für die Zeiteinteilung und für die Planung der Wanderung nützlich und angenehm. Bei meiner ersten Weitwanderung habe ich eine 60-Minuten-Etappe (Angabe am Wegweiser) in etwa 30 bis 35 Minuten geschafft. Nach zwölf Jahren benötige ich dafür ca. 45 Minuten. Es ist nicht der Weg, der die Zeit bestimmt, sondern der Wanderer. Mein Körper, wahrscheinlich auch meine Seele, haben jetzt eine andere Geschwindigkeit. Auch im Leben treffen wir immer wieder auf Zeit- und Leistungsvorstellungen und Leistungsvorgaben. Die müssen aber nicht für jeden die richtigen sein. Ein Freund, der für seine Matura nicht die vorgesehenen acht, sondern zehn Schuljahre benötigte, begründete dies so: „Die ganze Welt – Eltern, Lehrer, Mitschüler etc. – war bereit zum Aufsteigen. Aber ich war noch nicht so weit.“ Nicht alle nehmen sich die Freiheit und ihr Recht auf ihre eigene Geschwindigkeit, wenn „man“ eine vorgeschriebene Zeit hat. Vielleicht auch ein möglicher Grund für ein Burnout? Zusätzlich haben die „Schnellen“ einen Nachteil: Die Gefahr, an schönen, wertvollen Dingen blind vorbeizurasen, ist höher. Langsamer kann mehr sein.[1]

Markierte Wege verlangen Aufmerksamkeit und Konzentration. Übersiehst du eine Markierung, bist du plötzlich auf einem falschen Weg. Wenn du Glück und etwas Erfahrung hast, merkst du das rasch. Mir ist es aber auch schon passiert, dass ich an einem markanten  Holzstoß nach zwei Stunden Wanderung ein zweites Mal vorbeikam. Ich hatte eine Ehrenrunde gedreht. Passiert mir häufig. Gott sei Dank selten im „wirklichen“ Leben. Vom rechten Weg abzukommen, kann unterhaltsam und/oder lehrreich sein. Du kannst aber auch in eine Sackgasse oder auf einen gefährlichen Weg geraten. „Zurück an den Start“, ist noch das Einfachste, was die passieren kann.

Einige meiner Wander- und Lebenserfahrungen – beides betreibe ich schon einige Zeit – darf ich dir als Empfehlungen, um das Wort „Ratschläge“[2] zu vermeiden, weitergeben:

·    Trainiere auf markierten Wegen, bis du geübt bist!

·    Verzichte manchmal auf markierte Wege und suche deine eigene Markierung (Ich bin einmal von Lambach nach Gmunden mit dem Traunstein als einzigen Orientierungspunkt gegangen.)!

·    Abkürzungen sind meist Umwege, aber für Menschen ohne Geduld, wie ich einer bin, recht lehrreich.

·    Probiere etwas Neues, weiche vom markierten Weg ab – aber nicht bei Nebel und im Hochgebirge!

·    Suche dir stille Wege: Du wirst du viel lauter jubilieren, ohne dass dich jemand hört.

·    Schau dir die „Wegmacher“ an, die deinen Weg markiert haben!

·     Lass dich beim Gehen auch mal gehen!

 

Ich wünsche dir wunderschöne Wanderungen und einen schönen Lebensweg.

 

Juni 2023                                                                               Alois Markschläger



[1] Zu dem Thema gibt es ein tolles Buch von St. Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit

[2] In den Ratschlägen stecken zu viele Schläge.

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