Sind Ziele notwendig? Ist der Weg das Ziel? Oder doch eine Vision?

Wie in den letzten Jahren war ich auch heuer weitwandern. Viele Parallelen zwischen dem Wandern und dem „richtigen“ Leben haben sich dabei aufgetan. Vielleicht sprechen wir deswegen auch gerne von unserem Lebensweg?

Meine erste Weitwanderung vor dreizehn Jahren stellte ich unter das Motto „Mich gehen lassen“. Es war eine Wanderung ohne Ziel. Ich wollte meine Heimat sehen, Menschen erleben und das Gehen genießen. Ist dieses Motto im „richtigen“ Leben zulässig? Was halten wir von einem, der sich gehen lässt? Es hat einen fahlen Beigeschmack. Er ist zu passiv. Deshalb verurteilt dies die Leistungsgesellschaft.  Keinen bestimmten Weg zu wählen und dorthin zu gehen, wo man will, bedeutet, sich die Freiheit im vollen Ausmaß zu nehmen und zu genießen. Vielleicht beunruhigt auch das die Gesellschaft? Der durchbricht bestehende Normen und wird damit schon verdächtig: Wer weiß, was der alles vorhat?

Dabei war dieses „mich gehen lassen“ nur teilweise passiv. Bei jeder Kreuzung und bei jeder Weggabelung musste ich eine Entscheidung treffen, die durch viele Einflüsse geprägt war. Trotz oder vielleicht wegen des fehlenden Ziels war meine erste Weitwanderung eine meiner schönsten. Vielleicht sollten wir uns öfter gehen lassen?

Andererseits gibt es auch den Spruch „Der Weg ist das Ziel.“[1] Der Hintergrund dieses Ausspruchs ist: Die Anstrengungen, einen Weg zu gehen, reichen für die Ertüchtigung aus. Das Gehen stärkt uns und macht uns fit fürs Leben. Das Ziel wird dadurch zweitrangig. Zu diesem Thema gibt es eine Unzahl verschiedener Sichtweisen, weshalb dieses Blog auch „Einfach zum Nachdenken“ heißt.

Ohne Ziel zu gehen, bedeutet, auf unmittelbare Erfolgserlebnisse und die damit verbundene Stärkung des Selbstvertrauens beim Erreichen des Ziels zu verzichten. Bedeutet, auf einen Motivationsschub und die Motivationsenergie zu verzichten, die wir für die nächste Etappe vielleicht brauchen. Bedeutet aber auch, sich nicht auf einen bestimmten Weg konzentrieren zu müssen, um nicht vom Ziel abzuweichen. So bleiben mehr Zeit und mehr Energie zum Genießen des Weges.

Ohne Ziel zu gehen, bedeutet aber nicht, dass man nicht irgendwo ankommt. Bei Alice im Wunderland fragt Alice die Katze Grinse-Miez nach dem Weg. Die Katze fragt Alice, wo sie hinwill. Nachdem für Alice das Ziel nicht wichtig ist, ist es auch gleich, welchen Weg sie nimmt. Alice will nur irgendwo hinkommen. „O, das wirst du ganz gewiss,“ sagte die Katze, wenn du nur lange genug gehest.“ Es stellt sich dabei die Frage, ob dieses irgendwo dann auch wirklich passt und wie lange wir gehen wollen oder können. Wenn du keine Erwartungen hast, kannst du auch nicht enttäuscht werden. Hast du keine Erwartungen?

Ohne Ziel zu gehen, bedeutet auch, dass man sich nicht vergehen kann. Es bedeutet aber nicht, dass man sich nicht verirren kann. Verirren, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, ist wahrscheinlich noch brutaler als sich mit einem Ziel zu verirren. Ohne Ziel gibt es keine Orientierung und es wird ein reines Umherirren. Angst- und Panikattacken sind mögliche Folgen. Das hat mit Wandern nichts mehr gemein. Leider finden wir immer wieder - manche behaupten, immer mehr – Menschen, die umherirren, ohne zu wissen, wohin sie wollen und wohin sie gehören. Wie können wir solchen Menschen helfen? Wohin sollen wir sie führen, wenn sie nicht wissen, wohin sie wollen, wenn sie orientierungslos sind? Wir können sie „nur“ begleiten. Mehr als da zu sein, können wir nicht. Aber das ist schon sehr viel.

2023 ging ich einen Teil des südösterreichischen Jakobsweges. Ein Motto der Pilger auf dem Weg ist: Es kommt darauf an, dass du auf etwas zugehst, nicht dass du ankommst. Einzig die Richtung hat einen Sinn. Dass ich weite Teile meines Lebens danach gelebt habe, wurde mir auf dem Weg noch einmal bewusst. Ich hatte in meinem Leben nie konkrete Ziele, die ich verkrampft angestrebt habe. Ich ging aber in eine bestimmte Richtung – manchmal auch in Schlangenlinien und auf Umwegen. Etappenziele lagen natürlich auf meinem Weg: Matura, Abschluss des Studiums, Beförderung zum Abteilungsleiter, Gründung einer Familie usw. Ich war aber nicht auf Ziele fixiert. Ich folgte eher einer Vision, der Vision von einem glücklichen, erfolgreichen und erfüllten Leben.

Ziel und Vision unterscheiden sich stark voneinander. Ich will es mit Wanderungen zu erklären versuchen. Wenn ich von Leonding aus eine Wanderung mit dem Ziel Eferding mache, ist in Eferding mein Ziel erfüllt. Und was kommt dann? Rasch muss ein neues Ziel her, um nicht ziellos zu sein. Das Erlebnis, das Ziel erreicht zu haben, ist meist keine lange Emotion, sondern eine kurzfristige – allerdings tolle -  Begeisterung. Davon ist nach kurzer Zeit nicht mehr viel, manchmal sogar gar nichts mehr übrig.

Wenn ich mit der Vision, den Westen zu bewandern und zu erkunden von Leonding aufbreche, komme ich zuerst nach Eferding, dann nach Obernberg am Inn, irgendwann in die Nähe des Flughafens von München usw. Ich kann immer weitergehen, ich bleibe immer auf meinem Weg, ich gehe immer nach Westen. Vielleicht ist diese Vision im Motto „Der Weg ist das Ziel“ eingeschlossen? Vielleicht ist das die Idee der Pilger: Auf etwas zugehen.

Viele Menschen verbeißen sich in ihre Ziele. Sie wollen ein Ziel genau und in einer bestimmten Zeit erreichen. Wenn dies gelingt, haben sie ein tolles Erfolgserlebnis. Verfehlen sie dieses Ziel, ist oft der Frust darüber gefährlich hoch. Wenn ich bei meiner Wanderung in den Westen nicht in Eferding, sondern in Pupping ankomme, bin ich trotzdem von meiner Vision nicht abgewichen. Die Etappenziele bei Visionen erinnern mich etwas an den Bogenschützen, der zuerst geschossen hat und dann um den Pfeil eine Zielscheibe zeichnete. Er trifft immer ins Schwarze und hat seine Freude daran. Ein Stück weiter links oder rechts ändert die Gesamtrichtung nicht.

Dieses Blog habe ich „Einfach zum Nachdenken“ genannt, weil ich nicht belehren und beraten möchte. Dein Leben musst du selbst gestalten, du allein bist dafür verantwortlich. Nach einer Vision für dein Leben zu suchen, möchte ich dir aber aufgrund meiner Lebenserfahrungen empfehlen (Offensichtlich kann ich meinen Beratungsberuf nie ganz ablegen.). Es hat mich zufrieden und trotzdem relativ erfolgreich gemacht. Mich in Ziele zu verbeißen, habe ich gemieden.

 

Juli 2023                                                                                       Alois Markschläger



[1] Das Zitat wird sehr oft Konfuzius zugesprochen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Kopflos oder mit diesem Kopf durch die Wand

Wer oder was bestimmt unser Handeln: Die Vernunft, die Erfahrungen, die „guten“ Emotionen (Liebe, Dankbarkeit, Freude, Freundschaft, Lust …)...