Es geht nicht weiter, obwohl du am richtigen Weg bist

Meine heurige Weitwanderung führte von Graz nach Villach. Von Graz nach Villach führen viele Wege. In meiner Berufszeit bin ich die Strecke einige Male auf der Autobahn gerast. Ein Bergwanderer wird sich eine Route über die Berge suchen. Als Weitwanderer mit Pilgerhintergrund habe ich den Südösterreichischen Jakobsweg gewählt. Von den vielen Wegen ist keiner falsch. Für jeden gibt es einen richtigen.

Nachdem ich den passenden Weg – den Weg, von dem ich angenommen habe, dass er für mich passt - gewählt hatte, habe ich eine erste Planung vorgenommen (Streckenführung, mögliche Etappen, erste Quartierbuchungen, grober Zeitplan etc.). Danach habe ich mich entsprechend ausgerüstet: Reiseführer, Navigationsprogramm etc. Natürlich habe ich auch heuer wieder erlebt, dass Planung und Wirklichkeit nur eine Ähnlichkeit haben. Der Ausspruch, „Erzähle dem lieben Gott deine Pläne, damit er etwas zu lachen hat,“ hat sich bewahrheitet. Entsprechend oft habe ich mich auch heuer verlaufen bzw. vergangen. Zu wenig habe ich auf die Planung und auf die Navigationshilfen geachtet. Zu wenig Energie und Aufmerksamkeit widmete ich der Einhaltung meines Planes. Diese verwende ich lieber für die Bewunderung und für die Beobachtung des Weges. Was nützt es, nicht vom Weg abzukommen, ihn aber dadurch nicht zu bemerken und zu erleben? Da lege ich manchmal lieber eine „Ehrenrunde“ ein.

Ähnlich den Wanderungen verlaufen Lebenswege. Vorstellungen und Ziele bestimmen den Plan. Dann werden Vorbereitungen getroffen und man geht los. Zu stark danach zu trachten, vom geplanten Weg nicht abzukommen, ist aufwendig und wer weiß schon, ob der geplante Weg auch wirklich der richtige ist. Wieviel Schönes mag einem vielleicht entgehen, wenn man nur auf dem gewählten Weg geht? Einen Weg zu gehen, bedeutet, auf die Schönheiten anderer Wege zu verzichten, auch wenn der gewählte Weg vielleicht sicherer ist.

Den größten Teil meiner Wanderung war ich trotzdem auf dem geplanten Weg. Viermal konnte ich allerdings „meinen“ Weg nicht halten, obwohl ich auf dem „richtigen“ war: Das erste Mal stand ich vor einem kleinen Fluss, den ich nicht überqueren konnte (Planungsfehler). Das zweite Mal sperrte ein Zaun, den irgendjemand auf diesen Weg berechtigt oder unberechtigt errichtet hatte, mein Fortkommen. Das dritte Mal hatte ein Wildbach Teile des von mir gewählten Weges weggerissen und ich stand vor einer Geröllhalde. Und ein viertes Mal war mein Weg aufgrund eines drohenden Erdrutsches behördlich gesperrt.

Welche Möglichkeiten gibt es in solchen Situationen? Man kann umkehren und sich einen neuen Weg suchen. Man kann das Hindernis auch als eine Chance für Extraleistungen sehen. Über den Fluss hätte ich schwimmen können, was mit einem Rucksack mit ca. 14 kg wirklich eine besondere Leistung gewesen wäre. Den Zaun hätte ich niederreißen oder übersteigen können, ohne zu wissen, ob nicht irgendwo noch ein weiterer Zaun oder ein Zaunwächter steht. Die Unterbrechung durch die Geröllhalde konnte ich durch eine Suche nach dem richtigen Weg auf der anderen Seite überbrücken. Den drohenden Erdrutsch hätte ich unter Gefährdung meines Lebens einfach ignorieren können.

Die vier Situationen konnte ich lösen und meine Wanderung fortsetzen. Ob ich immer die beste Lösung gewählt habe, weiß ich nicht. Aber ich bin ans Ziel gekommen. In allen vier Situationen hätte ich mich auch niedersetzen und warten können, ob jemand kommt, der mich wegträgt. Abgesehen davon, dass sich dafür nur schwer jemand gefunden hätte, hätte ich damit auch meine Wanderung beendet, was ich so absolut nicht wollte.

Auch im „richtigen“ Leben, auf unserem Lebensweg, sind wir oft gut und planmäßig unterwegs. Aber plötzlich treten Schwierigkeiten auf und Hindernisse finden sich auf unserem Weg. Dabei meine ich wirkliche Schwierigkeiten, nicht die kleinen Steine, die am Weg liegen und die einfach zu übersteigen oder zu umgehen sind. So zum Beispiel: An den Tod eines Lebenspartners, der dich lange begleitet hat. An den Tod eines Kindes, das deinen Weg erhellt hat. An eine Krankheit, die ein Weitergehen wie bisher nicht mehr zulässt. An eine Scheidung, die dir die Orientierung auf dem Weg nimmt. ….

Bei einer Wanderung ist man gefordert, sofort eine Entscheidung zu treffen. Auf dem Lebensweg bleibt uns oft noch eine Nachdenkpause. Eine Wanderung können wir rasch beenden, ohne dass etwas Weltbewegendes passiert. Was machen wir aber im wirklichen Leben? Natürlich können wir uns hinsetzen und warten, ob uns jemand wegträgt. Wenn die Energie für Alternativen fehlt, ist das vielleicht ohnehin die einzige Lösung. Dann bleibt nur die Hoffnung, dass die „richtigen“ Menschen kommen, die uns wegtragen, und dass sie uns an den richtigen Platz tragen.

Beim Wandern hilft es fast immer, Einheimische um eine Lösung zu bitten. Die kennen meist Aus- und Umwege. Diese Einheimischen gibt es auch im „richtigen“ Leben und diese helfen gerne. Auch wenn sie gerne helfen, fragen musst du schon selbst.

In schwierigen Situationen ergeben sich beim Wandern sehr oft völlig unerwartete Lösungen. Immer wieder bleiben bei Unwettern Autofahrer stehen, um mich mitzunehmen. Heuer war ich in Slowenien schon am Ende meiner Kräfte, als ein Autofahrer unaufgefordert stehen blieb, mich zu meinem Quartier brachte und mit mir ein Bier trank. Nur wenn wir die Aussicht verlieren, ist es aussichtslos. Wenn wir vertrauen, dürfen wir uns auch etwas zutrauen.

Gläubige Menschen sind davon überzeugt, dass Gott sie - vor allem in schwierigen Zeiten - nicht verlässt. Dazu gibt es ein schönes Gedicht:


Fußspuren im Sand

Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.

Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen
war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte,
dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur
zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn: "Herr, als ich anfing,
dir nachzufolgen, da hast du mir versprochen,
auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten
meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am
meisten brauchte?"

Da antwortete er: "Mein liebes Kind, ich liebe dich
und werde dich nie allein lassen,
erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen."

Ich wünsche dir nicht, dass du auf deinem Lebensweg keine Schwierigkeiten hast. Das wäre kein menschliches Leben. Ich wünsche dir aber, dass du Lösungen für deine Schwierigkeiten findest und dass dich möglichst viele Menschen auf den schwierigen Stellen begleiten oder dass dich dein Gott auf die Schultern nimmt.

 

Juli 2023                                                                                       Alois Markschläger

 

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