Jeder sucht die Wahrheit. Wer hat sie?

Fußballfans in Linz schwärmen entweder für Schwarz-weiß (Gibt’s sonst noch wen?) oder für Blau-weiß (Besser als ganz alleine). Für jeden ist sein Club der wahre. Die anderen werden manchmal nicht einmal ignoriert. Eine gegenseitige Annäherung ist kaum vorstellbar. Ein ähnliches Gruppenverhalten ist bei gesellschaftspolitischen Gruppierungen erkennbar.

Als soziales Wesen schließt sich der Mensch Gruppen an, in denen er sich daheim fühlt. Diese Bindung muss nicht körperlich, sie kann auch geistig oder intellektuell passieren. Die Ursachen dafür sind unter anderen:

·      Die Suche nach einer „sozialen Heimat“: Bei Gleichgesinnten fühle ich mich zu Hause.

·      Das Sicherheitsbedürfnis, ein emotionales Grundbedürfnis: Die Gruppe schützt mich.

·      Die Angst vor dem Alleinsein, vor der Einsamkeit und vor der Isolation.

·      Die Bestätigung der eigenen Meinung (Selbsterfüllende Prophezeiung): Die Gruppe ist wie ich. Dort wird meine Meinung bestätigt. Da gehöre ich in.

·     Das Streben nach Sicherheit: Hier kann ich sagen, tun und lassen, was und wie ich bin, ohne Anstoß zu erregen.

·   Die Macht der Gruppe: In der Gemeinschaft sind wir stark und mächtig. Da werde ich wahrgenommen, da werde ich be- und geachtet.

·        ……..

Gruppen[1] wollen ihre Mitglieder zusammenhalten und unternehmen alles, damit die Gruppe stark ist, stark bleibt und stärker wird. Sie sind gekennzeichnet durch Einseitigkeit und durch ihre Abgrenzung gegenüber anderen. Schon diese Einseitigkeit selektiert Informationen, steuert, gestaltet und interpretiert sie – manchmal unbewusst, meist aber bewusst. So schützt sich die Gruppe. 

Um Entwicklungen in der Gesellschaft annähernd zu verstehen[2], unterteile ich die gesellschaftspolitischen Gruppierungen: Im ersten Schritt trenne ich jene Menschen, die sich fast zwanghaft einer Gruppe anschließen, von denen, die keiner Gruppe zuzurechnen sind. Die erste Gruppe (Ein Anschluss wird gesucht.) teile ich in die Etablierten einerseits und in die Alternativen andererseits. Bei beiden gibt es viele Untergruppen.

Die etablierten Gruppen bewegen sich im bestehenden System, welches sie akzeptieren und nutzen. Dazu gehören unsere politischen Parteien. Die Etablierten üben die Macht in der Gesellschaft aus. Die Beweggründe, um Anhänger, Wähler oder sogar offizielles Mitglied einer etablierten Gruppe zu werden, sind neben den allgemeinen Bedingungen für eine Gruppenbildung (Siehe oben) vielfältig:

·     Gewohnheit: Das System wird seit mehr als 100 Jahren gelebt. Ob das System wirklich gut ist, wird zu wenig hinterfragt.[3]

·     Es ist empfehlenswert und vorteilhaft, sich auf die Seite der Macht zu stellen. Mit der Macht sind meist auch finanzielle Vorteile verbunden.

·       Das bestehende System zu erhalten, gibt Sicherheit.

·  Bestechung und Täuschung: Machtausübung und Machtmissbrauch durch die Herrschenden werden einerseits durch Geschenke an die Bürger und andererseits durch perfekt aufbereitete Halbwahrheiten und durch unverfrorene Lügen gesichert.

Wie der Fisch das Wasser und der Mensch die Luft nicht mehr bemerken, da sie nicht nur Gewohnheit, sondern Selbstverständlichkeit geworden sind, spüren wird diese Beeinflussung oft nicht mehr unmittelbar.

·  So mangelhaft das bestehende System ist, so wenig Alternativen sind sichtbar. Am Ausspruch Churchills „Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen aller anderen,“ dürfte doch sehr viel Wahrheit liegen.

·      Vererbung: Schon der Großvater und der Vater waren hier dabei.

·      …….

Die Alternativen stehen im Gegensatz zu den Mächtigen. Das Erkennen der Manipulation und des Machtmissbrauchs, die eigene Machtlosigkeit, die Starre des Systems etc. sind die Hauptursachen, warum viele Menschen in alternativen Gruppen landen.

Die verschiedenen Untergruppen haben weder bei den Etablierten noch bei den Alternativen eine gemeinsame Haltung. Das Verbindende ist nur, entweder für oder gegen das System zu sein. In beiden Systemen dominieren die Einseitigkeit sowie die Manipulation der Information. Faszinierend dabei sind die alternativen Gruppen. Sie trennen sich von den Etablierten wegen deren Einseitigkeit und Manipulation, um dasselbe System sofort in einer neuen Gruppe zu praktizieren.

Die „Informationskultur“ ist in beiden Gruppierungen dieselbe: Informationen der „anderen Seite“ werden als manipuliert, gesteuert, erlogen und erstunken etc. abgelehnt. Die „eigenen“ Informationen sind die Wahrheit. Beide glauben innigst an „ihre Wahrheit“, die die einzig „richtige Wahrheit“ ist. Niemand will wahrhaben, dass fast alle Informationen – auch die eigenen – oft nur Halbwahrheiten sind und dass sie selbst von ihren Machthabern und Meinungsbildnern gesteuert, manipuliert und missbraucht werden. Das Verhalten in beiden Systemen ist völlig gleich. Es unterscheiden sich nur die Personen, die informieren und die manipulieren. Jeder ist davon überzeugt, dass er die richtige und alle anderen die falsche Information haben, wodurch eine Annäherung unmöglich wird. Die Basis für eine Kommunikation fehlt.

Wie gefährlich ein durch Halbwahrheiten gesteuertes System ist, wird oft erst nach dem Zusammenbruch von dieses Systems deutlich. Welche Halbwahrheiten und welche Meinungsmanipulationen das System getragen haben, wird oft erst im Nachhinein und mit dem erforderlichen Abstand bewusst. Wenn du zu nahe an einer Mauer stehst, siehst du sehr wenig. Extrembeispiele solcher gescheiterten Systeme sind das Dritte Reich, der kommunistische Ostblock, die linksradikalen Bewegungen der 68-ger Generation etc. Erst heute erkennen wir die Lügen, die Halbwahrheiten und die gezielte Manipulation dieser Systeme. Die Menschen damals hatte diese Chance kaum. Einige Machtsysteme, die auf Halbwahrheiten und Manipulation aufgebaut sind, existieren noch immer und es wird immer derartige Systeme geben. Die Ursachen dafür ist unser Drang zur Gruppenbildung und die Steuerung durch einige wenige Mächtige.

Es gibt aber auch „asoziale“ Menschen, Menschen, die nicht in Gruppen drängen. Ihre Anzahl wage ich nicht einmal zu schätzen. Hierher gehören die, die das System der etablierten und der alternativen Gruppen erkannt und diese verlassen haben, ohne sich einer neuen Gruppe anzuschließen. Ein Teil von ihnen findet sich bei den Nichtwählern. Aber auch viele Wähler gehören keiner Gruppe an. Manche gehen trotz ihrer „Neutralität“ wählen, damit jene an die Macht kommen, bei denen der Schaden überschaubar bleibt.

Viele verlassen etablierte Gruppen, um sich - weitgehend unbewusst - einer neuen Gruppe anschließen, die es in der Gesellschaft offiziell gar nicht gibt (informelle Gruppen). Trotzdem sind diese Gruppen mächtig und „gestalten“ auch die Wahrheit. Ich denke dabei vor allem an die „Medien-Gruppen“. Die Gruppenmitglieder übernehmen die Meinung einer Tageszeitung, von Rundfunk und Fernsehen, von den sozialen Medien etc. Solche Gruppen sind zum Beispiel: Die ZIB-Seher, die Kronen Zeitung-Leser, die Bild Zeitung-Leser etc. In verschiedenen Gesprächsrunden wird die Mitgliedschaft bei diesen Medien-Gruppen recht deutlich (Sage mir, was du denkst, und ich sage dir, was du liest.). Eigentlich wird auch hier eine Gruppe verlassen, um sich sofort einer neuen anzuschließen. Im Unterschied zu den Alternativen wird dieser Wechsel aber nicht bewusst vollzogen. Die Macht dieser informellen Gruppen ist meist unvorstellbar hoch.

Die Menschen, die sich weder einer offiziellen noch einer informellen Gruppe anschließen, um der Irreführung und der Täuschung zu entgehen, sind meines Erachtens eine erschreckende Minderheit. Sie suchen möglichst viele Informationen, um keine aufbereitete Wahrheit aufnehmen zu müssen. Sie suchen die Objektivität und sie leben ihre Freiheit.

Dies versuche ich seit Jahrzehnten und ertappe mich immer wieder dabei, auch „vorgekaute“ Wahrheiten zu übernehmen und für wahr zu halten. Um dem zu entgehen, habe ich schon lange aufgehört, Tageszeitungen zu lesen. Meine Informationen suche und hole ich mir aus allen möglichen und unmöglichen Quellen, um ein „richtiges“ Gesamtbild zu bekommen, was nicht einfach ist: Einerseits ist die Informationsflut schwer zu bewältigen und andererseits sind der Wahrheitsgehalt und der Manipulationsanteil kaum feststellbar. Sehr oft bezweifle ich, ob es eine objektive Information überhaupt geben kann. Nachdem ich die Meinungen aller bestehenden Gruppen sehr kritisch betrachte und beurteile, erwecke ich in Gesprächen oft den Anschein, dass ich grundsätzlich gegen Vieles bin. Gerne nehme ich mir die Freiheit meiner eigenen Sichtweise. Allerdings führt die volle Freiheit auch rasch in die Isolation.

Du und ich werden künftig der einen oder anderen Gruppenmitgliedschaft nicht entgehen (Ich bin schon so alt, dass ich es vielleicht eher schaffe: Ich muss nicht mehr dazugehören.). Um nicht auf „falsche Propheten“ hereinzufallen, bin ich vor allem bei demagogischen Informationen sehr vorsichtig. Demagogisch ist für mich eine Information, die eine starke Emotion bewirkt (Freude, Angst, Zufriedenheit …), aber eigentlich keinen Informationswert zu dem behandelten Thema hat. Ein Beispiel dazu: In einem Bericht über die Gefahr der Manipulation unseres Gesundheitswesens wurde erwähnt, dass der ehemalige US-Präsident Obama zu bedenklichen gesellschaftlichen Gruppen eine Verbindung hat oder hatte. Weder die Art der Verbindung (Geheimbund oder zufälliges Treffen am Fußballplatz) noch die Gefahr der Verbindung wurden genannt. Zusätzlich fiel die äußerst demagogische Nebenbemerkung, dass Obama trotz „seiner Kriege“ den Friedensnobelpreis erhalten hat. Diese Tatsache, die auch mich empört (Emotion), hat keinen Bezug zu dem behandelten Thema und wurde „nur“ dafür missbraucht, den Hörer emotional gegen die angegriffene Gruppe aufzuwiegeln. Den Rest des Videos habe ich nicht mehr konsumiert. Zu offensichtlich war die beabsichtigte Steuerung.

In unserer Gesellschaft gibt es zu viele Menschen, die einer Halbwahrheit nachlaufen. Wenn jeder von uns weniger auf "seiner Halbwahrheit" beharren und die zweite Hälfte der Wahrheit durch die Kommunikation mit der "anderen Seite" suchen würde .... Wie eine solche Kommunikation aussehen könnte, hat mein ehemaliger Deutschprofessor so formuliert:


REGELN ZUR GUTEN KOMMUNIKATION

(Gedanken von G. Jungwirth) 

  Nicht ich bestimme, wann du sprechen darfst, sondern du selbst.

Du darfst mich fragen, was du willst. Ich habe keine Grenze, die nicht du mir setzt.

 Du darfst mir ebenso widersprechen wie ich dir.
 Du darfst ebenso freimütig und laut sprechen wie ich.
 Was wahr ist, ist gleich wahr, ob du es sagst oder ich.
Du darfst mich bitten, worum du willst.
Du darfst mich nicht fürchten, so wie ich dich nicht fürchte.
Worte sind nicht wichtiger als deine, nur weil ich sie sage.
 Ich glaube deinen Worten und vertraue dir, 
so wie du meinen Worten glaubst und mir vertraust.
Ich rede nicht von oben herab zu dir, du redest nicht von unten herauf zu mir.
Wir sprechen zueinander und miteinander als Menschen, 
denen die gleiche Vernunft und gleiche Würde eigen ist.
Wir achten gemeinsam das gleiche Gesetz, 
das uns als Gleiche bindet und zum Frieden verpflichtet.
Wir hören einander gleich aufmerksam zu, weil wir einander gleich ernst nehmen.
Wir sollen verabreden, miteinander Geduld zu haben.

 

Juli 2023                                                                                       Alois Markschläger



[1] Die weiteren Ausführungen konzentrieren sich vor allem auf politische oder gesellschaftspolitische Gruppen.

[2] Vielleicht habe ich es auch ganz gern, jeden Menschen in ein für mich passendes Kasterl einzuordnen, damit die Welt für mich durchschaubarer ist.

[3] Ein Vergleich mit einem schlechten Witz über die Gleichberechtigung drängt sich auf. Die Antwort auf die Frage, warum es so lange keine Gleichberechtigung gab, lautet: „Weil es sich bewährt hat.“ Auch dieser Witz zeigt deutlich, dass man die Probleme einer Gesellschaft in ihren Witzen erkennt.

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