Gendern? Ja - aber richtig!

Dem Großteil von uns wurde erklärt, dass „gendern“ eine geschlechtsneutrale Wortwahl bedeutet. Da es eine solche in der deutschen Sprache kaum gibt, entstanden daraus sprachliche Gewaltlösungen und Zwangsbeglückungen. Wenn wir Herrn Google (Natürlich ist er auch Frau Google) fragen, bedeutet „gendern“, „das Gender-Mainstreaming (auf etwas) anwenden“. Damit war ich so gescheit wie vorher. Aber Google hilft ja weiter. Unter Gender-Mainstreaming versteht man (Hr./Fr. Google sind ja inzwischen die anerkannten „man“.) „die Verwirklichung der Gleichstellung von Mann und Frau unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Lebensbedingungen und Interessen“. Gendern ist damit ja viel mehr als eine sprachlich unzumutbare Formulierung. Alle Bemühungen, um eine Gleichstellung zu erreichen, sind damit gemeint. Unter diesem Aspekt bin ich auch für das Gendern. Mit einem Begriff wie „Gleichheit aller“, „Gleichstellung“ oder ähnlichen Ausdrücken blieben uns viele Missverständnisse erspart.

Warum aber verwenden wir einerseits für die Bemühungen um die Gleichstellung von Mann und Frau nicht unsere Sprache, die wahrscheinlich alle verstehen, und warum reduzieren wir andererseits den Begriff so stark, dass keiner mehr weiß, was damit eigentlich wirklich gewollt ist? Ich habe zwei Vermutungen, warum wir hier getäuscht werden oder getäuscht werden sollen. 

Meine erste Vermutung besteht darin, dass es seit Jahrhunderten Gruppen gibt, die eine Sprache verwenden, die nicht jeder versteht. Solange sie nicht jeder versteht, sind die, die sie verstehen oder zumindest vorgeben, sie zu verstehen, die Gescheiten. Und damit zählen sie sich zur Elite. So waren Latein und Griechisch die Sprachen der Wissenschaften. Reste davon finden wir noch in der Medizin (Das darf doch nicht sein, dass jeder versteht, welche Krankheit er hat. Da käme er ja den „Göttern in Weiß“ zu nahe.). Erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) werden die katholischen Messen nicht mehr in lateinischer, sondern in den Landessprachen gehalten. Inzwischen wurden Latein und Griechisch durch Englisch und durch spezielle Fachsprachen mit einer Unmenge von Fremdwörtern ersetzt. Um die zu verstehen, muss man schon ein Fachidiot sein (Lass dir beispielsweise von einem EDV-Spezialisten erklären, warum dein Laptop den einen oder den anderen Fehler macht!).
So hat auch das Wort „gendern“ Einzug in unsere Sprache gefunden.

Meine zweite Vermutung, warum mit „Gendern“ nur eine geschlechtsneutrale Formulierung gemeint ist, erregt meine Besorgnis mehr als die erste. Ist man – wer immer dieser „man“ ist – vielleicht gar nicht daran interessiert, eine Gleichstellung zu erreichen? Genügt es, wenn wir zumindest so sprechen, als ob es diese Gleichstellung bereits gebe? Will man von den eigentlichen Problemen und von den erforderlichen Maßnahmen ablenken oder sie sogar verhindern? Wird mit der Reduktion auf eine richtige Wortwahl nicht gerade das Gegenteil der Gleichstellung erreicht? Ist es nicht eine Scheinheiligkeit, so zu sprechen, als wäre alles in Ordnung, um nicht aktiv werden zu müssen? Ich überlasse es dir, dem Leser, der Leserin, das zu beurteilen.

Damit du weißt, was ich meine, biete ich dir einige Beispiele dazu:

Personalinserate und die Personalsuche müssen geschlechtsneutral gestaltet werden[1]. Wie schaut aber die Besetzung verschiedener Berufe und Positionen in der Realität aus? Warum gibt es trotzdem so viele Putzfrauen und so wenig Putzmänner? Warum gibt es so viele Kindergärtnerinnen und so wenige Kindergärtner? Warum gibt es so viele Geschäftsführer und weniger Geschäftsführerinnen? …. Nicht gegendert beim Inserat? Die richtige Sprachwahl verändert nur wenig bis gar nichts. Gleichstellung ist zu leben und nicht nur zu sprechen.
Ein weiteres Beispiel: Bei einem meiner Kunden gibt es eine wirklich „ungesunde“ Abteilung mit hoher Schmutz- und Geruchsbelastung. Alle 10 Mitarbeiterinnen in dieser Abteilung sind Mitarbeiterinnen und es ist kein Mitarbeiter unter ihnen. Bei richtigem Dreck wird nicht mehr gegendert.

Unsere Unternehmen sind verpflichtet, ihre Beschäftigten geschlechtsneutral anzusprechen. Sie sind aber nicht verpflichtet, alle Geschlechter anzuhören. So kommen nicht alle zu ihrem gerechten Lohn. Durch die Einhaltung des Kollektivvertrages werden die gesetzlichen Minimalanforderungen ohnehin erfüllt. Das ist scheinheilig. Wenn man schon die Entlohnung von Frauen niedriger hält als die von Männern, sollte man dies auch ehrlich sagen. Natürlich gibt es Argumente für unterschiedliche Löhne und dies wird auch in der Formulierung des Gender-Mainstreamings mit der Passage „unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Lebensbedingungen und Interessen“ berücksichtigt. Und wenn für manche Branchen eine Anpassung der Entlohnung der Frauen an das Lohnniveau der Männer wirtschaftlich nicht zumutbar ist oder vom Unternehmen abgelehnt wird, so soll dies offen gesagt werden. Dann wissen zumindest alle, wohin sie nicht gehen sollen.

Sehr oft wird als Beispiel, wie wenig die Gleichstellung umgesetzt ist, die im Vergleich zu Männern höhere Gewalt an Frauen angeführt. Meines Erachtens hat die Gewalt an Frauen weniger mit der Gleichstellung der Frau, sondern viel mehr mit der Schwäche und Feigheit der Verbrecher zu tun. Unter anderem wird an den Frauen Gewalt ausgeübt, weil bei einer Ausübung von Gewalt an Männern die Gewalttäter wahrscheinlich oft den Kürzeren ziehen würden, während sie den Frauen meist körperlich überlegen sind und es daher wagen.

Leider gibt es auch Bereiche, in denen die Gleichstellung der Geschlechter rasch vollzogen wurde. So geriet der „Kavalier der alten Schule“ in Vergessenheit. Nur selten stehen heute in einer Gesellschaft alle Männer auf, wenn sich eine Frau erhebt. Frauen schlüpfen ohne männliche Hilfe in ihre Mäntel. Kaum sehe ich junge Männer in der Straßenbahn aufspringen, die ihren Sitzplatz einer Frau anbieten. Schade, dass dieser Respekt, diese Achtung und dieses Werben um die Frau mit dem Gendern verloren gingen.
Ebenso rasch und noch erschreckender erfolgten die Gleichstellung und die Anpassung vieler junger Frauen an die „wilden“ Männer. Nicht wenige Mädchen rauchen, saufen und rasen gleich rücksichtslos wie ihre männlichen Altersgenossen. Eine Anpassung in die entgegengesetzte Richtung gefiele mir besser.

Ich habe versucht, die Folgen eines falschen Genderns aufzuzeigen. Wir dürfen uns nicht nur auf die sprachliche Formulierung der Gleichstellung beschränken. Wenn es uns nicht gelingt, wirkliche Veränderungen in der Gleichstellung – ohne Gleichmacherei – zu erzielen, können wir auf scheinheilige Gender-Formulierungen gerne verzichten.
Eine Gleichstellung unter Androhung von Strafen bei Missachtung der Gender-Bestimmungen zu erwirken, halte ich für kontraproduktiv. Strafen sind nie motivierend. Eher sollten wir versuchen, positive Anreize zur Realisierung der Gleichstellung zu finden oder zu erfinden. So kann ich mir beispielsweise ein Gütesiegel für Unternehmen vorstellen, in denen die Lohngerechtigkeit für alle Mitarbeiter bereits umgesetzt ist.
Wie bei vielen erforderlichen Veränderungen gilt auch bei der Umsetzung der Gleichstellung das Motto: Das Alte gilt nicht mehr und das Neue können wir (noch) nicht.

Schon in einem Werbespruch heißt es: Es gibt immer was zu tun.

 

Leonding, 24.08.2023                                                                     Alois Markschläger

 

 



[1] Vor mehr als 15 Jahren bekam ich ein Schreiben des Landeshauptmanns von Kärnten mit einer Strafandrohung im Wiederholungsfalle, weil ich für einen Kunden in einem Inserat einen Fenstermonteur und nicht ein(e) Fenstermonteur(in) gesucht habe. Wer den Job des Fenstermonteurs kennt, weiß, dass mein Inserat richtig formuliert war, da eine Gleichstellung nur unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Lebensbedingungen zu fordern ist.

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