Die künstliche Intelligenz (KI) – Segen oder Fluch? Teil 1

 

Teil 1: Der Einzug von KI in unsere Gesellschaft

„Sei fleißig und lerne brav, damit es Dir einmal besser geht!“ Diese Botschaft meiner Eltern habe ich mit Einschränkungen (Mir geht es gut genug.) an meine Kinder weitergegeben. Dabei war es bisher nicht so bedeutend, was man gelernt hat, da es fast für jedes Wissen und für jede Ausbildung interessante Beschäftigungen mit einem entsprechenden Einkommen gab. KI wird in den nächsten Jahren unserer Arbeitswelt derart verändern, dass ich für meine Enkeln keine Lernempfehlung mehr habe.

Durch einen weiteren technischen Fortschritt wird die Entwicklung der letzten Jahrhunderte in der Arbeitswelt fortgeführt und vielleicht sogar abgeschlossen. Was ist in den letzten 2000 Jahren mit der Arbeit passiert?

Bei den Römern und Griechen gab es kaum Maschinen. Die waren nicht notwendig. Ein Großteil der Arbeiten – bis zur Erziehung der Kinder – wurde von Sklaven erledigt. Die waren billiger als Maschinen.

Extrem billige Arbeitskräfte gab es bis in das 18. und 19. Jahrhundert. Danach stiegen die Kosten der Arbeit durch mehrere Faktoren: Das Angebot an Menschen ging durch Kriege, Seuchen, Auswanderungswellen zurück. Mit der beginnenden Aufklärung und den ersten Versuchen einer Demokratisierung entstand ein „Wertbewusstsein“ der Arbeiterschaft. Um die Lücke am Arbeitsmarkt zu schließen und um der drohenden Kostenerhöhung zu entgehen, wurden Maschinen entwickelt. In diesem ersten Maschinenzeitalter[1] wurden vor allem einfache Industriearbeiten ersetzt.

Mit unbedeutenden Schwankungen hält diese Entwicklung bis heute an, wobei der Ersatz der menschlichen Arbeitskraft durch Maschinen auch durch einen höheren Bedarf und durch die stark steigenden Arbeitskosten überproportional gesteigert wurde. Zusätzlich wirkten die beiden Weltkriege aufgrund der unvorstellbaren Vernichtung von Menschen und von Sachwerten sowie das Bevölkerungswachstum beschleunigend. Dabei wurde die menschliche Arbeitskraft vor allem durch Energie ersetzt. Die Umweltschädigung dadurch ist unübersehbar. In einem zweiten Maschinenzeitalter wurden Maschinen mit einer „einfachen Intelligenz“ in Form von Robotern eingesetzt, die nicht nur einen, sondern meist mehrere Arbeitsgänge erledigen.

Aufgrund der Mechanisierung, der Industrialisierung und teilweise auch der Digitalisierung fielen trotz der höheren Produktionsmengen viele Arbeitsplätze weg. Wie viele Tätigkeiten es inzwischen nicht mehr gibt, wird mir beispielsweise bewusst, wenn ich meine Jobs als Mittelschüler und Student betrachte: Von insgesamt zehn verschiedenen Tätigkeiten gibt es maximal noch drei. Für alle anderen braucht man heute keine Menschen mehr.

Die Verfechter der Industrialisierung versuchten die negativen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt dadurch abzuschwächen, dass sie darauf verwiesen, dass die eingeschlagene Entwicklung nicht nur Arbeitskräfte freisetzt, sondern auch neue Arbeitsplätze schafft. Beides ist richtig. Die Verfechter haben nur übersehen, dass dieser Ersatz nicht im Verhältnis 1:1 erfolgt. Erstens können die freigesetzten Mitarbeiter nicht für die neuen Aufgaben eingesetzt werden. Zweitens ist die Anzahl der freigesetzten Kräfte wesentlich höher als die neu geschaffenen Stellen. Denke beispielsweise daran, wie viele Arbeiter heute und vor 60 Jahren für den Rohbau eines Einfamilienhauses eingesetzt werden (Wenn du es selbst nicht erlebt hast, frage deine Großeltern.). Mit einem Maschineneinsatz ist wirtschaftlich zwangsweise ein Verlust von Arbeitsplätzen verbunden: Die Entwicklung und der Einsatz von Maschinen ist nur dann wirtschaftlich, wenn die dadurch anfallenden Zusatzkosten (Maschinen, Energie, Instandhaltung etc.) niedriger als die dadurch eingesparten Arbeitskosten sind. Dies bedeutet weniger Arbeit für die Menschen.

Die hier aufgezeigten Entwicklungen – zusätzlich erforderliche Arbeitskräfte, die am Arbeitsmarkt nicht unmittelbar zu finden sind, einerseits und wachsende Arbeitslosenzahlen andererseits – sehen wir deutlich in den Arbeitsmarktdaten der letzten 50 Jahre: Aufgrund einer gut florierenden Wirtschaft stieg die Anzahl der Erwerbstätigen von ca. 3,08 Mio. im Jahre 1973 auf etwa 4,42 Mio. im Jahre 2022 (+ 44%). In demselben Zeitraum stieg die Anzahl der Arbeitslosen von ca. 44.000 auf derzeit etwa 320.000 (+ 627%) und die Arbeitslosenquote stieg von 1,5% auf etwa 7% (nach einer geschätzten Bereinigung aufgrund von Corona). Der Bedarf an Arbeitskräften ist in diesen Jahren kontinuierlich gewachsen. Trotzdem stiegen die Arbeitslosen. Fachleute sprechen von einer „strukturellen“ Arbeitslosigkeit, wenn sowohl der Bedarf an Arbeitern als auch die Zahl der Arbeitslosen steigen.

Die Verdienste der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften in den letzten 175 Jahren (Am 11.04.1848 gründete die erste Arbeiterversammlung in Berlin das „Central-Komite`“ für Arbeiter.) sind gewaltig. Die teilweise erkämpften Vorteile haben allerdings auch die Arbeitskosten erhöht und die Automatisierung beschleunigt. Ich bin mir nicht sicher, ob dies den 320.000 Arbeitslosen in dieser Form bewusst ist. Wo viel Licht ist, da gibt es auch Schatten. Auch heute gehen die Bestrebungen der Gewerkschaft eher in die Richtung, weniger zu arbeiten und mehr zu verdienen, und nicht so sehr in die Erhaltung der Arbeitsplätze.

Derzeit stehen wir vor oder sind bereits mitten im dritten Maschinenzeitalter, dem Zeitalter der künstlichen Intelligenz (KI). Mit dem verstärken Einsatz der Digitalisierung können künftig Arbeiten automatisiert werden, die bisher nur Menschen erledigen konnten. Große Teile der Arbeiten von Ärzten, Architekten, Schriftstellern, LKW-Fahrern, Piloten, Beratern … werden künftig von Maschinen und Computern übernommen werden. Es werden viele „gehobene“ Jobs und Berufe, für die eine höhere Ausbildung erforderlich war, für Menschen wegfallen. Laut einer Studie der Universität Oxford sind in den nächsten Jahrzehnten ca. 47% aller heutigen Berufe gefährdet, durch Computer und durch Automatisierung ersetzt zu werden.

Die Computer werden die Menschen nicht nur ersetzen, sie werden die Arbeiten auch schneller, besser und billiger erledigen. Somit fallen die Kosten, die Qualität und die Quantität werden aber steigen: Eine Entwicklung, von der jeder Betriebswirt träumt. Gleichzeitig werden die Arbeitslosenzahlen steigen und qualifizierte Arbeitskräfte werden fehlen. Eine Entwicklung, von der keiner träumt. Eine Zahl über die Höhe der zu erwartenden Arbeitslosen abzugeben, ist nicht möglich, da zu viele unbekannte Faktoren (Reaktion der Konsumenten, der Politik, der Arbeitslosen etc.) hier wirken. Solche Berechnungen schaffen wir Menschen nur schwer, mit der KI hätten wir da bessere Chancen.

Durch die weltweite Verbilligung der Produktion werden auch die Billiglohnländer in Schwierigkeiten kommen. Die KI-Produktion wird billiger als die Arbeitskräfte in Fernost. Wir haben die Chance, dass die Arbeit wieder zu uns kommt. Allerdings nicht zu unseren Menschen, sondern zu unseren Maschinen und zu unseren Computern.

 

Leonding, 10.09.2023                                                                        Alois Markschläger

 

 Vorschau auf weitere Folgen:

Teil 2: Wie KI unsere Gesellschaft verändern kann

Teil 3: Wie KI unser soziales Verhalten ändern wird

Teil 4: Welche Möglichkeiten uns KI bringen wird

 



[1] Vergleiche dazu Philipp Blom: Was auf dem Spiel steht 5. Aufl., Hanser, München 2018


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