KI Teil 3: Ob besser oder schlechter, anders wird Vieles


KI und der Wegfall von Arbeitsmöglichkeiten werden unser soziales Verhalten beeinflussen. Viele bestimmen ihre Position in der Gesellschaft und die damit verbundene Anerkennung derzeit über ihren Beruf. Auf die Frage „Wer bist Du?“ kommt oft die Antwort Lehrer, Schlosser, Mechaniker, Buchhalterin … Fällt diese Arbeit weg, geht ein Teil der Persönlichkeit verloren. Dies spüren heute bereits Arbeitslose, aber auch Pensionisten (Dies ist wahrscheinlich eine Ursache für einen Pensionsschock.). Wie werden sich in Zukunft die Freigestellten definieren? Wird ihre Persönlichkeit, wird ihre Anerkennung in der Gesellschaft darunter leiden? Wer sind wir, wenn wir keinen Beruf mehr haben?

KI wird es uns erlauben, den eingeschlagenen Weg der letzten Jahrzehnte weiterzugehen. Es ist der Weg von der Arbeitsgesellschaft der Nachkriegszeit in die Freizeitgesellschaft. Wir haben konsequent die Arbeitszeit reduziert und das Einkommen erhöht. Der Stellenwert der Arbeit sinkt immer stärker. Das Ideal der „Arbeitswut“ ist in den letzten Jahren eher der „work life balance“ gewichen. Arbeit und Leben haben inzwischen dieselbe Wertigkeit: Aus „leben, um zu arbeiten“ ist bereits ein „arbeiten, um zu leben“ geworden.

Setzt sich diese Entwicklung fort - und viele Zeichen deuten darauf hin, wird die Freizeit die Arbeit auf unserer Werteskala überholen und völlig verdrängen. Kehren wir wieder zu den Idealen unserer Ursprungskulturen, die der Griechen und Römer, zurück: Der freie Bürger muss nicht, darf nicht arbeiten. Dafür waren bei den „Alten“ die Sklaven und bei uns sind die Maschinen, Roboter und Computer zuständig. 

In den letzten Jahrhunderten war es eine gesellschaftliche Verpflichtung, einer Arbeit nachzugehen. Sogar die Existenzberechtigung eines Menschen wurde an die Arbeit geknüpft: „Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht zu essen,“ war eine gebräuchliche und anerkannte Volksweisheit. Werden wir radikal umdenken müssen? Werden die, die noch arbeiten müssen, die sozial Niedrigeren sein? Die noch arbeiten müssen, sind nicht einmal so viel wert, dass es sich lohnt, sie durch Maschinen und Computer zu ersetzen. 

Auch die Machtverhältnisse im Staat werden sich verändern. Die Finanzierung des Staates trägt heute noch eine hohe Anzahl von Menschen. Allerdings wächst die Anzahl derer, die von der öffentlichen Hand mehr erhalten, als sie an den Staat zahlen, stetig. Dass es nicht der Staat, sondern die verbliebenen Steuerzahler sind, die sie erhalten, ist Vielen - auch vielen Politikern – nicht mehr bewusst.

Die Macht der Gewerkschaften wird reduziert werden, da die Mitgliederzahlen sinken: Ohne Arbeit brauche ich keinen Arbeitervertreter. Die bisherige Entwicklung – 1972 waren noch ca. 53% der Erwerbstätigen Gewerkschaftsmitglieder, 2022 nur noch 27% - wird sich fortsetzen.

Um die Gewinne der „Besitzenden und Mächtigen“ in einem für sie erforderlichen Ausmaß zu halten, braucht es keinen Massenkonsum mehr, vielleicht reicht eine kleine Anzahl von Menschen. Was wird mit dem „Menschenüberschuss“ passieren? Wird man (Wer ist „man“?) sie verhungern lassen, werden sie durch Kriege vernichtet werden, werden sie in Armut dahinsiechen, werden ….? Ich weiß es nicht.

Einleitend habe ich auf den Satz unserer Eltern hingewiesen, dass wir es besser haben werden, wenn wir fleißig sind und brav lernen. Aber was sollen unsere Jugendlichen heute lernen, wenn wir gar nicht genau wissen, welche Berufe und Tätigkeiten noch bei uns Menschen bleiben werden? Erste Zeichen dieser Unsicherheit sehen wir heute schon in den Arbeitslosenzahlen: Ca. 50.000 Menschen mit höherer Schulbildung oder mit einem Hochschulabschluss sind heute bereits arbeitslos.[1] Haben wir am Markt „vorbeigebildet“?

Unser gesamtes Bildungswesen ist zu revolutionieren. Sachwissen ist nur noch begrenzt erforderlich. Das hat bereits Google für uns übernommen. Das Wissen und die Fertigkeiten für viele produktive Tätigkeiten wird von Menschen nicht mehr verlangt werden, wenn Roboter und Maschinen unsere Aufgaben übernehmen. Damit werden wir viele Fähigkeiten und Kenntnisse verlieren. Generationen nach uns werden darüber staunen, dass noch vor wenigen Jahrzehnten Blinddarmoperationen von Menschen durchgeführt wurden. Es wird für sie so unerklärlich sein, wie wir darüber staunen und es uns eigentlich nicht vorstellen können, wie die Pyramiden gebaut werden konnten oder wie der Petersdom geplant, abgewickelt und gebaut wurde. Alles ohne EDV, ohne Kräne, ohne Maschinen, ohne …..

Da das Einkommen eines wesentlichen Teils der Bevölkerung durch die Mächtigen „bewilligt“ und nicht verdient werden wird, wird es über eine bestimmte Grenze nicht hinausgehen. Auch im „alten Rom“ gab es nur so viel Brot und Spiele, dass damit eine Revolution der Massen verhindert wurde. Die Einkommen werden für einen derart umfangreichen Konsum wie derzeit nicht mehr reichen. Massenbewegungen im Konsum (Urlaub, Kleidung, Freizeit, Verkehr …) werden wegfallen. Auswirkungen werden in allen Bereichen der Gesellschaft spürbar werden. Viele Betriebe werden aufgeben müssen.

Möglicherweise hilft dieser Entwicklung unserer Natur. Der Individualverkehr wird weniger, da weniger Menschen zur Arbeit fahren werden, weniger in den Urlaub fliegen oder fahren werden, die Produktion von Luxusgütern stark reduziert wird ….. Es kann sein, dass uns die KI durch die von ihr verursachte Arbeitslosigkeit die Natur und das Klima rettet. Unter diesem Aspekt erscheinen die heutigen massiven Investitionen in unsere Infrastruktur (Straßen, Bahnausbau, Brücken …) nicht besonders weitsichtig, was bei teilweise kurzsichtigen Entscheidungsträgern auch nicht verwundert. Außerdem würde es das Ende jeder politischen Karriere bedeuten, wenn heute jemand den Bau einer Autobahn deswegen ablehnt, weil wir sie in 20 Jahren ohnehin nicht mehr benötigen.

Seit Menschengedenken versuchen wir, dem lieben Gott näher zu kommen und die Welt zu beherrschen. Wir wollen göttlich werden. Viel ist uns dabei gelungen, auf Vieles könnten wir verzichten. Aber bisher konnten wird keinen Menschen erzeugen. Da war uns eine Grenze gesetzt. Wie weit sind wir heute von dieser Allmacht noch weg? Wie weit ist es uns bereits gelungen, eine menschliche Intelligenz zu schaffen? Ich neige noch immer zu der Behauptung, dass KI nur die mechanische Intelligenz ersetzt und die emotionale, die soziale, die mentale … Intelligenz ausschließlich bei uns Menschen bleibt. Aber manchmal kommen mir doch ernste Zweifel, ob sich hier nicht eine Entwicklung verselbständigt, die wir nicht mehr im Griff haben und Goethe diese Entwicklung in seinem Zauberlehrling bereits geahnt hat, als er schrieb:

Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd‘ ich nun nicht los.

In die Ecke,
Besen, Besen!
Seid‘s gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur zu seinem Zwecke,
erst hervor der alte Meister. 

Ist KI ein weiterer Schritt unseres Hochmuts, der uns einredet, bereits göttliche Kräfte zu haben oder ist es eine menschliche Entwicklung? Wissen wir, wer der Meister ist und wo wir ihn finden, wenn wir alleine nicht mehr zurecht kommen?

Sind es Horrorgeschichten oder sind es interessante Visionen, die sich in meinem Kopf entwickeln (Man wird ja noch träumen dürfen.)? Werden wir durch KI der Freiheit beraubt oder werden wir von sklavischer Arbeit befreit? Die Antwort hängt davon ab, was wir mit der durch KI gewonnenen Zeit unternehmen. Die Herausforderung besteht darin, die gewonnene Freizeit und Freiheit sinnvoll zu füllen. Der Spruch „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ zeigt die Gefahren einer nicht mit Sinn gefüllten Freizeit. Um die Chancen voll nützen zu können, müssen wir unser Bildungssystem auf die neuen Verhältnisse ausrichten: Nicht für die Schule, sondern für die Freizeit lernen wir, sollte im Vordergrund stehen.

Über mögliche Chancen der gewonnenen Freizeit schreibe ich im vierten Teil

 

Leonding, 23.09.2023                                                            Alois Markschläger 

 


[1] Zur Auflockerung ein Witz (In den Witzen einer Nation erkennst du ihre Probleme.): Ein junger Mann, gut gekleidet, besteigt ein Taxi und sagt zum Taxler: „Bitte in das teuerste Lokal der Stadt. Ich möchte heute feiern.“ Der Taxler fragt ihn: „Was feiern Sie denn!“ Darauf der junge Mann: „Meine Promotion als Mediziner.“ Der Taxler: „Sehr gut. Soweit war ich auch vor einem Jahr.“

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