Ehrgeiz – Ehre oder doch Geiz?

Im „Ehrgeiz“ finden sich „Ehre“ und „Geiz“. Die Ehre ist eine Achtung, die einer Person von der Gesellschaft entgegengebracht wird. Ein übertriebenes Ehrgefühl kann aber auch negative Folgen haben. Wenn etwa für die Ehre das Leben eingesetzt wird (Ehrbegriff bei Duellen sowie der missbrauchte militärische Ehrbegriff), ist das die Ehre nicht wert.

Im Gegensatz zur Ehre gilt der Geiz als negative Eigenschaft und ist nicht gut angeschrieben. Ist der Ehrgeiz, die Kombination aus Ehre (positiv) und aus Geiz (negativ), positiv oder ist er eher abzulehnen? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. So wie bei vielen Dingen im Leben gilt auch hier die Aussage: Die Dosis macht das Gift.

Woher kommt eigentlich unser Ehrgeiz? Warum ist einer krankhaft ehrgeizig und dem anderen geht fast alles am A… vorbei? Die Anerkennung ist ein emotionales Grundbedürfnis. Anerkennung von Dritten hebt unser Selbstbewusstsein und unseren Selbstwert. Um Anerkennung zu erreichen, manchmal zu erzwingen, setzen wir verschiedene Aktivitäten. Dafür braucht es auch den Ehrgeiz.

Ehrgeiz bedeutet, nach oben, an die Spitze, zu streben. Der Ehrgeiz bildet sich bereits in der Kindheit. An meinem Beispiel möchte ich das zeigen: Als Zweitgeborener hatte ich einen um zwanzig Monate älteren Bruder. Der war immer größer, stärker, älter, gescheiter … als ich. Zusätzlich war unser Freundeskreis auch in seinem Alter. Aufgrund fehlender Jahre, Größe, Stärke … erhielt ich kaum die Anerkennung, die ich gebraucht hätte. Die Anerkennung meiner Eltern genoss ich zwar, hat mir aber bei meinen Freunden nicht weitergeholfen. Nur mit besonderen Eigenschaften und Leistungen konnte ich mir Anerkennung erobern. Dafür brauchte es eine starke Portion Ehrgeiz. Und den entwickelte ich und habe ihn in etwas abgeschwächter Form bis heute behalten. Mein Bruder benötigte diesen Ehrgeiz nicht. Er war auch ohne besondere Anstrengungen bei uns der größte, der stärkste … Wozu hätte er Zusatzleistungen erbringen sollen?

Die individuelle Ausprägung des Ehrgeizes wird meines Erachtens bereits sehr früh fixiert. Dabei wird nicht nur die Anerkennung in der Familie (Eltern, Geschwister, Verwandte), sondern auch in den anderen sozialen Gruppen gesucht (Kindergarten, Nachbarschaft, Schule, Freundeskreis, Gemeinde …). Während ein zu viel an Anerkennung keinen Ehrgeiz aufkommen lässt, bedeutet ein zu wenig möglicherweise die Entwicklung eines krankhaften Ehrgeizes. Die Vielzahl der möglichen Quellen für die Anerkennung erschweren es, für jede einzelne die optimale Dosis festzulegen. Gefährlich für den Selbstwert ist eine Entwicklung, in der trotz fehlender Anerkennung kein Ehrgeiz entwickelt wird, weil er negativ besetzt ist und nicht entwickelt werden darf.

Der Ehrgeiz wirkt in vielen Bereichen positiv: Das eigene Selbstvertrauen, der Selbstwert und die Persönlichkeit werden durch Erfolge und durch die Anerkennung gestärkt. Großartige Leistungen haben (in der Regel) einen großartigen Nutzen. Ehrgeizige Menschen wollen ihre Ziele erreichen und sich ihre Wünsche erfüllen. Dafür entwickeln sie Disziplin, Ausdauer, Willensstärke usw. Ihr Ehrgeiz macht sie zu bedeutenden Menschen.

So wie eine Prise Salz ein Gericht erst richtig lecker macht, so macht sie zu viel Salz ungenießbar. Dies gilt auch für den Ehrgeiz: Ein zu viel wird zur Gefahr. „Der Ehrgeiz ist der größte Feind des Glücks, denn er macht blind.“ (Jean-Paul Belmondo) Eine Überdosis von Ehrgeiz führt zur Geltungssucht. Und jede Sucht ist eine Krankheit, die Grenzen nicht mehr kennt. Der Ehr-Geiz wird zur Ehr-Gier, zur Habgier nach vermeintlicher Ehre. Jetzt fallen Grenzen: Alle erlaubten, alle gerade noch erlaubten und sogar manche nicht mehr erlaubten Mittel werden eingesetzt, um an die Spitze zu kommen. Krankhaft Ehrgeizige gehen über Leichen. Das Dopingproblem im Sport ist eine derartiger Auswuchs von Ehrgeiz. Übertrieben Ehrgeizige werden blind für die Grenzen ihrer Macht und ihres Körpers. Workaholiker entstehen aus einer teuflischen Mischung von krankhaftem Ehrgeiz und Existenzangst, was bis zur Selbstzerstörung führt. In dieser Phase können auch die Früchte des Ehrgeizes nicht mehr genossen werden. Der Ehrgeiz wird zum Selbstzweck.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, das in der Regel die Gemeinschaft sucht. Schließt sich ein Ehrgeiziger einer Gemeinschaft an und will er dort seinen Ehrgeiz verwirklichen, kann aus dem Ehrgeiz ein Engagement, ein Einsatz für die Gruppe werden. Eine Gruppe gewöhnt jemand den persönlichen Ehrgeiz ab bzw. wandelt diesen in den Einsatz für die Gemeinschaft um. Die Gruppenmitglieder erhalten „ihre“ Anerkennung über die Anerkennung der Leistungen der Gruppe. Es entstehen Teambewusstsein und der Stolz, Mitglied dieser Gruppe zu sein. Bei gut organisierten Gruppen und Teams konnte ich dies bei vielen Unternehmen beobachten. Das bedeutet aber auch, dass krankhaft bzw. übertrieben Ehrgeizige nicht teamfähig sind.

Das Phänomen „Ehrgeiz“ lässt sich besonders anschaulich im Sport beobachten. Ehrgeiz ist eine Voraussetzung für den Leistungssport. Neben dem Leistungssport gibt es auch heute noch die Art von Sport, bei der nicht die Leistung und der Sieg die sportlichen Ziele sind, sondern wo die Freude am Sport oder der Sport als Weg zur Gesundheit im Mittelpunkt stehen. Von diesem Sport spreche ich hier nicht. 

Das Ziel beim Leistungssport ist der Sieg und nur der Sieg. Und Siegen erfordert Ehrgeiz. Daher gibt es einen Paarlauf von Sport und Ehrgeiz. Durch entsprechend hohe Erfolgs- und Siegesprämien wird ein ohnehin oft schon krankhafter Ehrgeiz in unvorstellbare Höhen getrieben. Sehr treffend und ironisch heißt es dazu in einem Lied von R. Fendrich: „Es lebe der Sport! Er ist gesund und macht uns hart.“

Bei Einzelsportarten ist der Ehrgeiz besonders ausgeprägt. Es geht um den Sieg um (fast) jeden Preis. Der Sport ist das Mittel auf dem Weg nach oben. Der Weg zum Ziel und zur Anerkennung führt nur über den Ehrgeiz. Ein Sieg hebt den (manchmal zu niedrigen) Selbstwert und natürlich auch den Kontostand. Durch den Ehrgeiz werden nicht selten körperliche, seelische, moralische und teilweise sogar gesetzliche Grenzen durchbrochen. Der Zweck, der Sieg, heiligt die Mittel. Die Grenze zwischen dem netten sympathischen Sportler und dem unausstehlichen Egoisten ist fließend. Ähnliche Gesetze wie beim Spitzensport gelten meines Erachtens auf der politischen Bühne.

Der Mannschaftssport hat eine andere Dynamik. Den Ehrgeiz entwickelt die Mannschaft. Der Einzelne braucht Ehrgeiz, um in der Mannschaft Fuß zu fassen. Der Ehrgeiz, als Einzelner eine besondere Anerkennung zu erringen ist nur zulässig, wenn die Mannschaft davon einen hohen Nutzen hat. Die Mannschaft hält einen übertriebenen persönlichen Ehrgeiz in Grenzen. Spieler, die nur für ihre eigene Anerkennung spielen, werden ausgeschlossen. Der Ehrgeiz des Einzelnen ist nur zulässig, wenn dieser Geiz (=die Gier, die Habgier) der Gruppe Vorteile bringt. Der Ehrgeiz des Schützenkönigs wird akzeptiert, weil er der Mannschaft mit seinen Toren hilft. Die Ehre steht dem zu, der mit seinem Ehrgeiz allen etwas gibt. Geben und Nehmen gleichen sich aus.

Der Sport formt nicht nur unseren Körper, sondern auch unsere Persönlichkeit und unseren Charakter. Und die beiden sind am Sportplatz dieselben wie zu Hause, unter Freunden oder im Beruf. Viele Jahrzehnte war ich für Personalentscheidungen mitverantwortlich. Für manche Positionen kamen nur Mannschaftssportler in die engere Wahl, für einige (wenige) Aufgaben eignen sich Einzelsportler besser.

Wenn du mit besonderen Leistungen die Anerkennung deiner Umgebung erringen willst, musst du Ehrgeiz entwickeln. Bist du selbstbewusst, musst du diese Anerkennung nicht um jeden Preis erzwingen. Du weißt ja, dass du auch ohne die Anerkennung deiner Umwelt ein großartiger Mensch bist. Umso größer wird da die Freude über deine Leistungen sein. Jetzt kannst du die Anerkennung und deinen Ehrgeiz genießen.

 

November 2023                                                                                   Alois Markschläger

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