Sind Loslassen, Losbinden, Losreißen Lösungen?

 Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab. (Weisheit der Dakota-Indianer)

Wie leicht fällt es dir, alte Klamotten auf welche Art auch immer zu entsorgen? Wie viele Paar Schuhe stehen seit Jahren ungenützt in deinem Schuhkasten? Wie schwer fällt dir das Loslassen? Viele können kaum bis gar nicht loslassen. Mit vollen Händen kannst du nichts Neues nehmen. Stell dir vor: Du stehst vor einem Buffet, deine Teller sind bis oben hin beladen. Erst jetzt entdeckst du deine Lieblingsspeise. -  Schlecht gelaufen, nicht losgelassen.

Auch die nicht oder nur schwer loslassen können, wissen, dass sie dadurch gebunden und nicht frei sind. Ohne loszulassen sind Veränderungen nur schwer möglich. Neues ist nicht greifbar, so lange die Hände nicht frei sind. Interessantes müssen wir liegen lassen. Uns sind die Hände gebunden. Manches, was uns bindet, tragen und halten wir selbst. Das loszulassen hört sich einfach an: Wir müssen es nur weglegen und schon sind wir frei. Für viele von uns ist dies leichter gesagt als getan.

Zum Loslassen findest du viele gut gemeinte (das Gegenteil von gut) Ratschläge (oft mehr Schlag als Rat), weshalb ich mich auf einen Tipp beschränke: Dem Loslassen kommt man näher, wenn man die Ursachen für das Nicht-Loslassen sucht.

Solche Ursachen können sein: Existenzangst (Ich kündige nicht, weil danach meine Existenz nicht mehr gesichert ist.), Raffgier (Dann habe ich ja weniger als der Nachbar.), Entscheidungsschwäche und Unsicherheit (Ich möchte ja gerne, weiß aber nicht, was ich dann nehmen soll.), aus Bescheidenheit und Zufriedenheit (Ich will ohnehin nichts Neues.), aus alten Botschaften (Das Elternhaus darf ich nicht verkaufen.), aus Gewohnheit (Ich hab‘ mich so an dich gewöhnt …), aus eingebildeten Rechten (Das sind doch meine Kinder.), aus Liebe (Das kann ich niemand antun.), aus Schmerz (Die zugefügten Wunden sind noch immer spürbar.) aus  …… Es kann aber auch sein, dass du in deinen Händen nicht nur deine Sachen hältst. Vielleicht sorgst du dich auch um Dinge, die gar nicht deine sind. Die Probleme anderer Menschen zu tragen, ist nicht nur beschwerlich. Diese Fürsorge steht uns sehr oft gar nicht zu. Für andere die Verantwortung zu übernehmen, bedeutet, jemand seine Verantwortung zu nehmen.

Sobald du die Ursache für dein Nicht-loslassen-können gefunden hast, musst du weitersuchen. Jetzt ist das zweite „Warum“ notwendig, danach das dritte ….. Vielleicht musst du zuerst die Ursache der Ursache oder die Ursache der Ursache der Ursache …. finden und lösen. Oft findet sich erst nach dem fünften „Warum“ die eigentliche Ursache. Viele Ursachen sieht man nicht selbst, weil man sie nicht sehen will oder weil man zu nahe steht. Freunde können vielleicht helfen.

Vieles halten wir in Händen, was wir gerne und freudig genommen haben. Einige – und manchmal gehöre ich auch dazu – rühmen sich, leicht loslassen zu können. Dabei sollten wir darauf achten, dass es ein Weglegen, ein Loslassen und kein Wegwerfen ist. Nichts, was wir gerne gehalten haben, hat sich ein liebloses Wegwerfen verdient. Die Liebe und ein aufrichtiges Danke sollen das Loslassen begleiten. Die Liebe vergeht oft, wenn wir etwas zu lange halten, wenn wir etwas zu fest halten und es fast zerdrücken, wenn …... Der Spruch, „Wenn es am schönsten ist, sollst du aufhören,“ sollte auch beim Loslassen gelebt werden. Dann kannst du immer in Liebe daran denken. Loslassen bedeutet ja nicht vergessen.

Loslassen ist mit Wehmut verbunden. Es muss weh tun. Was beim Loslassen nicht schmerzt, war das Halten nicht wert. Vielleicht ist es nur noch Gewohnheit, dass etwas noch gehalten wird. Die Freude über die neuen Möglichkeiten ist das Trostpflaster für die Wehmut. Diese Freude sollte die Wehmut übertreffen. Das Neue muss es wert sein, das Alte wegzulegen.

Aus mehreren Gründen werde ich demnächst mein über 70 Jahre innig geliebtes Fußballspiel aufgeben. Natürlich kann ich mich jetzt ins stille Kämmerlein zurückziehen und mich bedauern, weil ich mit meinen Freunden dem Ball nicht mehr nachlaufe. Ich kann mich aber auch darüber freuen, dass ich in Zukunft für viel Neues und Interessantes die Zeit finde, die ich dafür bisher nicht hatte. Schön, dass es weh tut. Sonst hätte ich 70 Jahre lang einen falschen Sport betrieben.

Loslassen eröffnet uns Chancen auf etwas Neues. Jedes Loslassen ist gleichzeitig ein kleines Sterben. Ist das Loslassen des Lebens auch die Chance auf etwas Neues? Wir können es nicht wissen, wir können es nur glauben.

Vieles behindert uns, obwohl wir es gar nicht halten. An uns, an unseren Händen, an Armen, an Füßen oder sonst irgendwo wurde etwas angebunden. Ich denke da zum Beispiel an die Familienbande, die wir bei der Geburt erhalten und die ein ganzes Leben wirkt. Auch Versprechen, die wir einmal gegeben haben, sind Bindungen. Das wird in unserer Sprache recht deutlich, wenn jemand darum bittet, von einem Versprechen entbunden zu werden.  Bindungen loszuwerden, ist schon aufwendiger als loslassen. Wir müssen einen oder mehrere Knoten lösen.

Oft binden und fesseln uns starke Emotionen: Sowohl die Liebe, aber auch der Hass, die Eifersucht und die Trauer betäuben uns und schalten den Verstand aus. Sehr oft können wir die geknüpften Knoten selbst nicht erreichen. Er wurde vielleicht auf unserem Rücken geknüpft. Sich davon allein zu lösen, ist schwer. Auch die Zeit heilt nicht alle Wunden Oft brauchen wir einen Dritten, der uns hilft, der uns losbindet.

Manches ist nicht an uns, sondern wir sind an etwas angebunden. Der Unterschied? Wurde bei uns etwas angebunden, erschwert, beschränkt und behindert das unsere Bewegungen. Wurden wir an etwas angebunden, sind wir unbeweglich. Von dort kommen wir erst wieder weg, wenn wir uns von den Fesseln befreien wollen und befreien können. Oft brauchen wir dafür die Hilfe anderer.

Jede Sucht ist eine Bindung, die uns die Bewegungsfreiheit raubt. Um davon los zu kommen, reichen Loslassen und Losbinden nicht mehr, ein Losreißen ist notwendig. Losreißen schmerzt mehr als Loslassen und Losbinden. Der persönliche Einsatz dabei ist sehr, sehr hoch. Bei Autoanhängern gibt es Losreißvorkehrungen, die ein Losreißen verhindern sollen. Jede Sucht kennt solche Losreißvorkehrungen. Auch nach einem ersten Lösen wird die fesselnde Verbindung sofort wieder hergestellt. Aber ohne Losreißen gibt es kein Loslösen und damit keine Lösung.

Manches kommt uns abhanden, ohne dass wir es losgelassen oder losgebunden haben. Das eine oder andere haben wir aus Unachtsamkeit verloren. Manches wurde uns gestohlen oder geraubt. Da bleiben oft nur noch der Schmerz und ein wehmütiges Andenken. Wehmut ist, wenn’s weh tut.

Es gibt etwas, von dem wir uns nicht lösen können, weil es an uns haftet. Es ist wie festgeklebt, es ist eins mit uns. Es wirkt wie ein Magnet. Es gehört zu uns. Es ist unser Charakter, unsere Persönlichkeit, unser Ich. Wir können es formen und beeinflussen. Wir werden es nie los. Diese Verbindung zu lieben, ist wichtig und ist auch in der Bibel verankert: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Diese Bindung ist zu hegen und zu pflegen. Mit keinem Menschen müssen wir solange (24 Stunden täglich) gut auskommen, wie mit uns selbst.

Ich wünsche dir, dass du los wirst, was du nicht mehr brauchst, und dass du mit dem Freude hast, was du behältst.


 Alois Markschläger                                                                               Oktober 2023

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