Will Europa den Krieg wirklich? Teil II: Es gibt andere Lösungen

Fortsetzung von: Will Europa den Krieg wirklich? Teil I: Warum wollen wir den Krieg?

Für das Abflauen der Friedensbewegung gibt es auch einen emotionalen Hintergrund: Die Generation, die zum Krieg noch eine emotionale Beziehung hat, „stirbt aus“. Natürlich sind auch heute junge Menschen von Kriegsinformationen betroffen. Die Information, dass in den letzten 120 Jahren geschätzte 200 Mio. Menschen durch Kriege ihr Leben verloren, bewegt auch sie. Die Information wirkt aber fast „nur“ im Gehirn. Sie wird nicht mit allen Sinnen erlebt.

Gott sei Dank, musste ich noch keinen Krieg persönlich erleben. Trotzdem habe ich eine emotionale Beziehung zu den Schrecken eines Krieges. Meinen Großvater und zwei Onkeln habe ich nicht gekannt, weil sie aus dem Krieg nicht zurückgekommen sind. Ich sehe heute noch die feuchten Augen meiner Mutter, wenn sie erzählte, dass sie nach Jahrzehnten die Hoffnung aufgab, dass ihr Vater doch noch von Russland heimkehren könnte. Ich erinnere mich an Kriegsheimkehrer, die Arme oder Beine im Krieg gelassen haben. Ich habe auch bemerkt, dass mein Vater es nicht schaffte, über den Krieg zu sprechen. Zu brutal waren seine Erlebnisse. Dies alles habe ich nicht aus einem Buch oder aus der Zeitung erfahren. Ich habe es mit allen Sinnen und Emotionen aufgenommen. Meine Abneigung gegen den Krieg ist daher keine intellektuelle, sie ist eine emotionale, eine erlebte. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich zu einer aussterbenden Generation gehöre und dass ich meine Emotion leider nicht weitergeben kann. Ich hoffe nur, dass dieses emotionale Erlebnis meinen Nachkommen erspart bleibt. Kriegsberichte stehen in Büchern, in Dokumentationen etc. So schrecklich sie auch sind, aber sie sind - Gott sei Dank - nicht mehr lebendig.

Seit Jahrtausenden gibt es „Waffennarren“. Beim Anblick von Waffen werden mir die Augen feucht, weil ich dabei die Massen sehe, die damit ermordet werden können. Andere bekommen beim Anblick von Waffen auch feuchte Augen, aber aus Begeisterung. So stark sind sie von der Technik und von der Wirkung dieser Mordinstrumente begeistert. So furchtbar Waffennarren sind, so treffend ist ihre Bezeichnung.

Trotz der durch Kriege der letzten tausend Jahre erlittenen Schmerzen sind wir ein kriegerisches Volk geblieben. Stark ist die Bereitschaft zum Kampf in uns verankert. Das Heldentum steht hoch im Kurs. Der Rainermarsch ist noch immer einer der beliebtesten Militärmärsche in Österreich. Darin heißt es „….wir siegen oder sterben für unser Heimatland …“: Selbstmörder an die Front! Viel dümmer geht’s eigentlich nicht mehr.

Gerne argumentieren die Befürworter und die Unterstützer des Ukrainekrieges, dass die Ukraine für Europa kämpft, dass man sich ein solches Unrecht wie den Überfall von Putin nicht gefallen lassen dürfe, dass wir sie deshalb unterstützen müssen, weil sie ja für uns kämpfen. 

Fast dieselben Personen denken, wenn sie von Europa sprechen, an das „christliche Abendland“. Jesus, der Grundstein für dieses Abendland, sagt in der Bergpredigt: „Widersteht nicht dem, der böse ist, sondern wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, so wende ihm auch die andere zu“ (Matthäus 5:39). Dies bedeutet, dass es erlaubt ist, sich vor seinen Feinden zu schützen. Ein Kampf oder ein Angriff sind aber nicht zulässig. Wie so viele christliche Lehrsätze verliert auch dieser offensichtlich außerhalb - manchmal auch innerhalb - der Kirchenmauern seine Bedeutung. Kein Mensch und wahrscheinlich auch kein Gott ist in den letzten 2000 Jahren so massiv für die Rechtfertigung von Kriegen und von sonstigen Verbrechen missbraucht worden wie Jesus. Ob es sich gelohnt hat, dafür auf die Erde zu kommen?

Wie viele Menschen in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten und Jahren in der Ukraine noch sterben müssen, das erlittene Unrecht wird dadurch um keinen Deut kleiner und die Menschen in der Ukraine werden davon außer Tod, Not und Elend nichts haben. Wie sinnvoll ist es, mit dem Einsatz des Lebens ein Unrecht zu rächen, vor allem mit dem Einsatz des Lebens anderer Menschen? Das Unrecht wird bleiben und neues wird entstehen. Warum glauben wir immer noch an den "Heiligen Krieg"? Warum erinnern wir uns nicht an Christus? 

Dabei zeigen uns Beispiele aus der Vergangenheit, wie Konflikte auch ohne Kriege zu lösen sind. Einige Male stand die Bergpredigt im Vordergrund und hat wahrscheinlich Schrecklicheres verhindert.

1956 schlugen russische Truppen den Ungarnaufstand nieder. Die Reaktion war kein Krieg. Es gab ein Zurückziehen, wie es in der Bergpredigt gefordert wird. Dreitausend Tote waren leider nicht zu verhindern, aber ein Krieg blieb aus. Ohne die Toten aufrechnen zu wollen: In der Ukraine sind es bisher 210.000. Nach Jahren erlangten auch die Ungarn ihre Freiheit wieder. Die russischen Truppen haben trotz des Sieges in Ungarn ihren Marsch nach Westen nicht fortgesetzt.

1968 überfielen russische Truppen die Tschechoslowakei (Tschechien und die Slowakei). Die Widerstände der Tschechen forderten 108 Menschenleben. Ein Krieg wurde verhindert. Im Vergleich zur Ukraine wurde so das Leben von 209.892 Menschen gerettet. Nach Jahren zogen die Russen wieder ab. Ein weiterer Feldzug nach Westen blieb aus. Die Bergpredigt hat vielen das Leben gerettet.

1989 erreichten die Ostdeutschen friedlich die Auflösung der DDR und den Abzug der sowjetischen Besatzer (Ein Teil der amerikanischen Besatzer ist bis heute in der BRD stationiert.). Am 6. November 1989, drei Tage vor dem Mauerfall, versammelten sich in Leipzig fast 500.000 Menschen bei strömenden Regen. Vielleicht sollte sich Herr Scholz einmal mit seiner Vorgängerin, der Angela, unterhalten, um zu erfahren, wie man sich von den Russen befreit. Eine Erhöhung der Militärausgaben war nicht notwendig.
Wenn ich das Kriegsgeschrei der derzeitigen deutschen Regierung betrachte, kommt manchmal ein Verdacht auf: Rührt vielleicht das gestörte Verhältnis der Westdeutschen zu den Ostdeutschen daher, dass sich die Ossis von Russland friedlich befreien konnten und nicht durch die Wessis mit militärischer Gewalt befreit werden mussten. (Nicht wirklich ernsthaft gemeint, aber: In den Scherzen einer Nation erkennst du oft ihre Probleme.)

Martin Luther King verstand es, mit friedlichen Mitteln mehr für die Befreiung der Dunkelhäutigen in den USA zu leisten, als dies jede Art von Gewalt je geschafft hätte.

Warum wird in der Ukraine nicht einmal ein Versuch einer friedlichen Lösung unternommen?
Ist die Macht der Politiker zu groß? 
Sind wir wirklich so rachsüchtig, so kriegssüchtig?
Wollen wir unsere Stärke beweisen?
Ist unser westliches Selbstbewusstsein derart geschwächt, dass wir ein starkes Russland nicht aushalten?

Es entscheiden unsere Politiker.
Aber: Jedes Land hat die Politiker, die es verdient.
Womit hat Europa diese Krieger verdient?
Es muss auch an Europa liegen.

Vielleicht lag er – unser Jesus – in der Bergpredigt doch nicht so falsch?

Friede sei mit dir!

 

Leonding, Jänner 2024                                                      Alois Markschläger

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