Altern? Ja schon! Aber wie?

Viele äußern sich negativ über das Altern. Ein Bedauern und eine Traurigkeit über körperliche und geistige Grenzen und Schranken, die jetzt sichtbar werden, sind bemerkbar. Auch das Nahen des Todes wird mit dem Altern bewusst.[1] Trotzdem freue ich mich über jeden Tag, den ich älter werden darf.

Altern ist ein ständiges Loslassen. Die leicht loslassen können, haben vielleicht auch mit dem Altern weniger Schwierigkeiten. Loslassen im Alter betrifft vor allem körperliche Eigenschaften und Fähigkeiten. Das Loslassen passiert meist schleichend.
Beispiel: Die Ergebnislisten eines Marathons werden nach Altersgruppen von fünf Jahren erstellt. In etwa ab den 50-jährigen liegen die Durchschnittszeiten um ca. 30 Minuten über der Gruppe davor: die 60-jährigen sind um 30 Minuten langsamer als die 55-jährigen, aber um 30 Minuten schneller als die 65-jährigen usw.
Aber auch der Geist nimmt ab. Wenn ich heute noch manchmal Planungsrechnungen für Kunden erstelle, benötige ich dafür mehr Zeit als vor zwanzig Jahren. Ich bin langsamer geworden. Damit meine Kunden meine „Altersschwäche“ nicht bezahlen müssen, verrechne ich weniger Stunden.

Sehr deutlich wird der Schmerz des Loslassens bei vielen Menschen mit der Pensionierung. Zu viel auf einmal fällt weg: Die jahrelange Tätigkeit und damit oft der Mittelpunkt des Lebens, das Einkommen, das jetzt auf die Pensionshöhe sinkt, das Ansehen und die Macht, die mit einer Tätigkeit verbunden waren, die Erfolgserlebnisse im Beruf …… Dieses Loslassen bewirkt bei vielen einen Pensionsschock. Ein langsames Auslaufen und ein „Hineinwachsen“ in die Pension würden dies verhindern. Aber so weit sind nur Wenige. Außerdem ist oft der Frust durch den Beruf so groß (unbefriedigende Tätigkeit, Führungsprobleme, schlechte Unternehmenskulturen usw.), dass die Pension als Befreiung von Fesseln und nicht als ein Loslassen empfunden wird. Freizeit- und Sportaktivitäten bzw. die Übernahme von Funktionen in Vereinen gleichen teilweise die Verluste und die neue „Bedeutungslosigkeit“ aus.

Loslassen im Alter ist anders als in der Jugend. Jetzt ist es ein endgültiges. Wir können nicht mehr zurück, außer wir haben zu früh losgelassen. Derzeit lasse ich das Fußballspielen los. Als ich vor der Matura auf Fußball verzichtete, wusste ich, dass ich jederzeit wieder beginnen konnte. Heute ist es endgültig.

Dabei glaube ich, für mich eine „rationale“ Vorgangsweise für das Loslassen gefunden zu haben: Ich bestimme meine verbliebenen Leistungsmöglichkeiten. Dazu muss ich an meine Grenzen gehen, um sie zu kennen. Loslassen ist kein Fallenlassen oder ein aus der Hand Gleiten, es ist ein bewusster Akt. Ich vergleiche es gerne mit dem Wegschießen eines Eisstocks.
Nach dem Feststellen der Grenzen orte ich meine verbleibenden Möglichkeiten. Nicht immer muss man alles aufgeben, manchmal reicht ein Einschränken, vielleicht ein Kürzen.
Beispiel: Ich mache jedes Jahr eine Weitwanderung. Bisher lag meine Tagesleistung bei ca. 35 Kilometern, heuer betrug sie 27. Vielleicht lasse ich bei nächsten Weitwanderungen mein Gepäck transportieren und trage es nicht mehr selbst. Irgendwann werde ich mich vom Weitwandern verabschieden.
Wichtiger als der Schmerz des Loslassens ist die Freude und der Genuss dessen, was ich noch machen kann, auch wenn das laufend – manchmal galoppierend - weniger wird. Das bedeutet ein Leben im Hier und im Jetzt, auch im Alter.
Gleichzeitig freue ich mich über das, was ich bisher machen konnte und durfte, und ich bin stolz darauf. Zu jammern, was man alles nicht mehr machen kann, ist wie die Beschwerde, dass es in der Nacht nicht so hell wie am Tag ist.

Man kann das Alter auch „überkompensieren“. Hier bin ich gefährdet. So mache ich Weitwanderungen, fahre Ski, spiele Fußball … in einem Ausmaß, das für mein Alter außergewöhnlich ist. Neben der Freude an der Leistung genieße ich auch die damit verbundene Anerkennung. Meine Begründung, dass man immer aktiv sein muss, um nicht frühzeitig zu altern, ist zwar ein wichtiger Beweggrund, aber auch ein wenig ein Ablenken von meinen Eigenschaften Stolz und Eitelkeit. Es tut auch im Alter gut, bewundert zu werden.

Im Alter verändert sich der Stellenwert des Einkommens und des Vermögens. Das Einkommen ist geringer. In der Jugend hat man die Chance, den Verlust eines Vermögens oder des Einkommens noch einmal auszugleichen. Das geht im Alter in der Regel nicht. Dies ist auch die Ursache für den Altersgeiz. Einen Betrag nicht auszugeben, bedeutet eine zusätzliche materielle Sicherheit für den Rest des Lebens. Wahrscheinlich entsteht der Altersgeiz unbewusst. Gefährdet sind wir alle.

Spätestens mit dem Tod müssen wir auch unser Vermögen – ist es wirklich unseres? - loslassen. Nicht alle können sich rechtzeitig mit diesem Gedanken vertraut machen. Viele Alte halten auch das Vermögen, das über die Alterssicherung hinausgeht, noch ganz fest, auch wenn sie die Erben schon genau kennen. Oft sind dies die Menschen, die ein Leben lang ihren Ehrgeiz und ihren Geiz damit begründet haben, alles nur für die Kinder zu machen (Damit es ihnen einmal besser geht!). Vielleicht tue ich hier denen Unrecht, die wirklich nur für ihre Kinder geschuftet haben. Bei denen möchte ich mich für meine Aussage entschuldigen und ich darf sie gleichzeitig bedauern. Offensichtlich haben sie nicht ihr Leben, sondern das ihrer Kinder gelebt.

Kann man im Alter glücklich sein? Oft wird dies bezweifelt. Vielleicht werden hier zwei Dinge miteinander vermischt. Wenn das Glück bisher darin bestand, alle möglichen Aktivitäten und Abwechslungen erleben zu können, dann nimmt im Alter das Glück ab. Glück ist aber eine innere Regung auf einen äußeren Reiz. Diese Regung „lernt“ man schon in der Jugend. Und wenn jemand im Alter kein Glück mehr erlebt, hat er sich vielleicht in der Jugend ganz gut unterhalten oder unterhalten lassen. Aber glücklich zu sein, hat er nicht erfahren, hat er nicht gelernt. Auch im Alter gibt es noch viele „Glücksfälle“ wie einen Sonnenaufgang, Naturschauspiele, andere Menschen usw. Die können auch im Alter oder vielleicht gerade im Alter glücklich machen. Jetzt haben wir Alten mehr Zeit zur Achtsamkeit und damit mehr Glückschancen. Vielleicht sind es gerade die „wunderlichen alten Deppen“, die dieses Glücksgefühl noch richtig genießen können. Könnten sie nicht Glücksvorbilder sein?
Neben diesen Glücksgefühlen, die nichts kosten, kann aber der Großteil auch im Alter viele Aktivitäten und Abenteuer genießen. Eine meist solide finanzielle Absicherung und eine höhere Lebenserwartung ermöglichen dies. Dafür sollten wir dankbar sein. Das Glück sollten wir aber suchen: Auch im Alter können wir noch lernen.

Loslassen hat einen Vorteil: Die Hände werden frei für Neues. So habe ich mit 70 begonnen, Bücher und Artikel zu schreiben, was mir neben meinem Beruf nicht gegönnt war. Ich habe in den letzten Wochen und Monaten den Umgang mit KI (Künstliche Intelligenz) gelernt, habe meine ersten Bilder mit KI erstellt usw. Nicht nur für die Jungen ist die Neugier – die Gier nach Neuem – erforderlich. Gerade wir müssen aktiv bleiben. Und wir können viel mehr, als wir uns bewusst sind. Bequemlichkeit und Faulheit sind altersunabhängig. Aber gerne wird das Alter als fadenscheinige Ausrede missbraucht. Natürlich gibt es dabei Grenzen. Skeptisch bin ich allerdings bei Aussagen wie: „Das schickt sich nicht in Deinem Alter!“ oder „Das kannst Du doch nicht mehr …“ Ein Freund hat den Spruch geprägt: „Schauen wir einmal, dann sehen wir schon!“
Und da gibt es noch viel zu schauen.

Im Alter zeigen sich Verfallserscheinungen. Laufend müssen wird Teile unserer Fitness und unserer Gesundheit loslassen. So schmerzhaft und schrecklich das sein kann, so sollten wir auch dieses Loslassen bewusst annehmen. Trösten können wir uns teilweise mit einem Gesundheitssystem, wie es bisher trotz vieler Probleme kein gleichwertiges gegeben hat und wahrscheinlich auch künftig keines geben wird. Das Jammern über gesundheitliche Probleme wird aber auch gerne übertrieben. Manchmal bekommst du als Alter fast ein schlechtes Gewissen, wenn du nicht mit einer schwerwiegenden Krankheit aufwarten kannst. Beim Aufzeigen von Krankheiten ist manchmal auch ein Heischen nach Zuneigung und Anerkennung bemerkbar. Eigentlich schrecklich.

Irgendwann ist es Zeit für das letzte Loslassen, das Loslassen des Lebens. In den letzten Jahren wird das Thema der Sterbehilfe diskutiert. Ich verstehe es, dass jemand den Tod vorzieht, wenn sein Leben nicht mehr lebenswert ist. Jeder hat das Recht, selbst zu bestimmen, ob und wann er gehen will. Aber niemand hat das Recht, über Leben oder Tod eines anderen zu entscheiden – auch dann nicht, wenn uns das Leben von „nur noch Siechenden“ nicht mehr lebenswert erscheint, auch dann nicht, wenn er vom Sterbenden irgendeinmal eine Zustimmung für die Sterbehilfe bekommen hat. Wir wissen nicht, ob der Betroffene trotz allem noch gerne lebt und ob das Wenige, das er noch mitbekommt – und wer von uns weiß wirklich, was er noch mitbekommt -, zur Lebensfreude ausreicht. Wir wissen auch nicht, ob ein Siechtum vor dem Tod nicht auch irgendeine Bedeutung für den sterbenden Menschen hat.

Ach! Es gäbe noch so Vieles über das Alter zu sagen, wenn du die Zeit zum Lesen und ich die zum Schreiben hätte (Je älter man ist, umso kürzer wird die verbleibende Zeit. Deswegen haben es wir Alten immer so eilig.).

Ich hoffe, dir nicht die Neugier aufs Altern geraubt zu haben. Es ist ohnehin bedeutungslos. Ich wünsche dir, dass du dem Altern nicht entgehst und dass du das Alter genießen kannst.

 

August 2024                                                                                          Alois Markschläger

Nachtrag:
Die Forderung, in Würde zu altern, sehe ich als Pflicht, aber auch als Recht. Wir Alten haben das Recht, trotz unseres Alters würdig behandelt zu werden, wir haben aber auch die Pflicht, uns des Alters würdig zu erweisen.



[1] Ein Spruch meines Deutschprofessors: „Dass Sie älter werden, bemerken Sie, wenn Sie auf mehr Begräbnisse als auf Hochzeiten gehen.“

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