Mehr Psychologen für unsere Kinder oder weniger Informationen?

Auf Wunsch von uns Kindern schrieb meine Mama ihre Lebensgeschichte. Über eine Stelle habe ich lange nachgedacht: „Aber damals (Meine Mutter wurde 1925 geboren.) waren ganz andere Zeiten, da hat es nicht so viele schlechte Leute gegeben, ……. aber fürchten hat man sich nicht müssen.“ Warum hat sich meine Mutter vor 90 Jahren nicht gefürchtet, wenn sie als kleines Mädchen fast zwei Stunden allein, einen finsteren Wald auf der einen und die Donau auf der anderen Seite - in den Wintermonaten in der Dunkelheit - in die Schule und von der Schule nach Hause gegangen ist? Sie war kein Feigling, aber auch keine Heldin. Die Menschen waren damals nicht besser, vielleicht aufgrund schwieriger Lebensverhältnisse sogar gefährlicher[1].

Meine Mutter glaubte an eine heile Welt, weil sie als Kind von den Schlechtigkeiten der Welt verschont blieb. Es gab kein Fernsehen und kein Radio. Zeitungen waren nicht nur teuer, sie waren auch nicht für Kinder. Ihr Vater ließ sie keine Zeitung lesen: „Die ist nichts für Kinder.“ Somit bemerkten die Kinder gar nicht, dass das Leben sogar gefährlich sein konnte. Mein Großvater hat seine geringe Schulbildung offensichtlich mit wesentlich wichtigerer Lebensweisheit ausgeglichen.

Und heute? Jedes Verbrechen, ob Mord, Totschlag, Krieg etc., sowie jedes sonstige Unglück auf der ganzen Welt verbreiten sich in Windeseile. Wenn irgendwo irgendwer irgendwen getötet hat, weiß es binnen weniger Augenblicke die gesamte Welt. Dafür sind meines Erachtens vor allem zwei Faktoren verantwortlich: Die heutige Medientechnik erlaubt eine sofortige und umfassende Information der gesamten Welt. Wir Menschen suchen negative Sensationsmeldungen. In „Urzeiten“ musste der Mensch auf Gefahrensignale achten. Auf negative - gleichbedeutend mit gefährlichen – Informationen mussten geachtet und reagiert werden, um zu überleben. Daher sind auch heute Negativmeldungen noch so interessant. Und dieses Interesse nützen die Medien, um ihre Informationen zu verkaufen.

Aber nicht nur die traditionellen Medien liefern uns Informationen. Auch soziale Medien, Filme in Kinos, im Fernsehen etc. überschwemmen uns. Gegen diese Informationsflut unternehmen wir nichts oder zumindest zu wenig, um uns zu schützen. Als ich vor mehr als 35 Jahren beschlossen hatte, keine Tageszeitungen mehr zu lesen, um nicht irgendwann zu glauben, dass die Welt wirklich so schlecht sei, wie es in den Zeitungen steht, wurde ich milde und sanft belächelt. Vielleicht hat bei mir die Botschaft meines Großvaters, den ich leider nicht kannte - er war nicht mehr aus dem Krieg gekommen, noch nachgewirkt.

Die Informationswelle des Negativen wirkt auf unser Innenleben. Wir schätzen das Leben gefährlicher ein, als es wirklich ist. Dazu ein Beispiel: In den letzten 55 Jahren war ich mehr als 2,2 Mio. Kilometer mit dem Auto unterwegs. Zu einem Verkehrsunfall bin ich - Gott sei Dank – nie als Erster gekommen und Schwerverletzte habe ich kaum gesehen oder musste sie versorgen: Für mich der Beweis, dass sich die Gefahren im Straßenverkehr in Grenzen halten. Wenn du aber am Montag bestimmte Tageszeitungen aufschlägst, überlegst du dir, noch einmal in ein Auto zu steigen, weil derart viele Unfälle da draußen auf dich lauern.

Die Informationsflut ist für Erwachsene problematisch. Aber wir lassen sie auch unsere Kinder überrollen. Und für die ist sie gefährlich. Auch die Kinder der Neandertaler hätten die Gefahren der Wildnis nicht bewältigt und wurden daher vor ihnen beschützt. Heute muten wir unseren Kindern zu, dass sie Horrormeldungen verarbeiten und wegstecken, so wie wir Vieles wegstecken oder wegwerfen. Nicht alle Kinder schaffen das. Die Folgen sind psychische Erkrankungen wie Angstzustände, Schlafstörungen, Konzentrationsschwächen, die zu Lernschwächen führen, ADHS, Depressionen, Suchtverhalten, ein niedriger Selbstwert usw. Gegen die Informationsüberschwemmung unternehmen wir zu wenig. Viele von uns rufen nach mehr Kinderpsychologen und nach einer besseren Versorgung der psychisch Erkrankten. So können wir unser Gewissen beruhigen, weil wir für die Kinder und für ihre Gesundheit ohnehin alles Mögliche unternehmen und sehr viel Geld dafür aufbringen. Wie dumm ist doch die Menschheit! Wie oft beseitigen wir die Folgen und genießen die Ursachen unserer Probleme. Neben der Zerstörung unserer Kinder fallen mir dazu viele Beispiele ein. Zu verführerisch sind offensichtlich die Anreize für die Dummheit, dass wir unsere Kurzsichtigkeit nicht bemerken oder beachten. 

Meine Mutter, meine Generation, meine Kinder und hoffentlich auch meine Enkelkinder schwärmen von der Schönheit ihre Kindheit. Ob auch die Kinder, deren Psyche wir durch zu viele Informationen zerstört haben oder zerstören ließen, von ihrer Kindheit schwärmen werden?

Vielleicht sollten wir ein "Kinderinformationsschutzgesetz" überlegen?

Die Informationsgefahr besteht nicht nur für Kinder. Auch wir Erwachsenen lernen von den Informationen. Mit der laufenden Berieselung gewöhnen wir uns an Gewalt (Sicher passieren in den österreichischen Fernsehsendungen einer Woche mehr Morde, als in Österreich ein ganzes Jahr begangen werden.). Neben der „Gewaltgewöhnung“ kann für Viele die Gewalt auch eine Form der Problemlösung werden. Gefährlich sind diese Informationen für die Menschen, die sensibel auf Gewalt reagieren, für die Menschen, die trotz der Gewaltinformationen noch Menschen geblieben sind.

Mit einer Stelle aus dem Buch „Goldene Regeln für den Alltag“ von O. M. Aivanhov (S. 54) schließe ich meinen Beitrag: „Also Vorsicht, jeder muss täglich die Gedanken überwachen, die er in seinen Kopf hineinlässt ….“

 

August 2024                                                                         Alois Markschläger



[1] Aus der Vorkriegszeit habe ich keine gesicherten Daten gefunden - vielleicht zu wenig intensiv gesucht. Der Durchschnitt der in Österreich Ermordeten lag in den letzten zehn Jahren bei etwa 60, wobei in den letzten beiden Jahren jeweils 72 Personen ermordet wurden. Im Vergleich dazu gab es im Jahre 1953 etwa 500 Morde und Totschläge. - Ja, die gute alte Zeit!

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