Kinder, wie die Zeit vergeht!

Eine Minute dauert eine Minute, genau 60 Sekunden. Ist sie wirklich immer gleich lang? Sind die Minuten im Wartezimmer des Zahnarztes gleich lang wie die im Gasthaus mit Freunden? Da passen viele Gasthausminuten in eine Zahnarztminute. Unser Zeitempfinden ist subjektiv, auch wenn die Zeit selbst immer gleich ist. Wie wir die Zeit erleben, bestimmt nicht nur die momentane Situation – Gasthaus oder Zahnarzt. Jeder Mensch hat sein eigenes, sein individuelles Zeiterleben.

Manche sind bei Spielen, bei denen es auf Reaktion und auf Schnelligkeit ankommt, äußerst geschickt, andere – auf gut österreichisch – patschert, also ungeschickt und unbeholfen. Aber den Ungeschickten fehlt nicht so sehr die körperliche Geschicklichkeit, sie sind beim Sehen zu langsam. Ihre Reaktionen kommen zu spät: Es geht einfach zu schnell.

Dass es zu schnell geht, hört man immer wieder von älteren Menschen: „Ach, die Zeit vergeht immer schneller.“ Vergeht die Zeit im Alter wirklich schneller oder ist es eine Einbildung? Oder ist es eine „Verlegenheitsredewendung“ (Wenn man nicht weiß, was und worüber man reden soll, greift man zu Gemeinplätzen, nur um überhaupt zu kommunizieren.)?

Nein, es ist kein Allgemeinplatz. Die Jahre vergehen im Alter schneller, weil unsere Wahrnehmung langsamer wird. Konnte man mit 17 Jahren ein Glas noch im Fallen auffangen, ist mit 70 aus dem Auffangen ein Aufwischen geworden. Das ist zwar nicht lustig, aber eigentlich natürlich.

Vergleichen wir unsere Reaktionszeiten mit denen von Tieren, sehen wir enorme Unterschiede. Warum ist es so schwierig, eine Fliege mit der Hand zu erschlagen? Weil sie so schnell ist? Nein! Wenn du dir deine Handbewegung in Zeitlupe vorstellst, weißt du, wie eine Fliege diese Hand wahrnimmt. Bis wir in ihrer Nähe sind, hat sie reichlich Zeit zur Flucht und zum Lachen. Ebenso sieht ein Raubtier seine Beute viel langsamer flüchten als wir Menschen. Sonst könnte es seine Beute nie schlagen. Fliege und Raubtier erleben ihre Umgebung langsamer und damit intensiver als wir. Dafür zahlen sie einen hohen Preis: Sie leben wesentlich kürzer. Ob dies ein Naturgesetz ist, weiß ich nicht, vermute es aber.

Mit einigen Beispielen will ich zeigen, dass wir unterschiedliche Geschwindigkeiten in der Wahrnehmung haben und dass diese Geschwindigkeit im Alter abnimmt.

Wenn ich vor 40 Jahren mit 160 oder mehr Stundenkilometern mit dem Auto unterwegs war, habe ich mich sichergefühlt. Ich konnte fast gleichzeitig die Straße, den Rückspiegel, die Anzeigen am Armaturenbrett etc. erfassen und überblicken. Und Telefonieren war auch noch möglich. Das geht heute auch noch, aber nicht mehr mit 160. In den Sekunden oder in den Bruchteilen der Sekunden von früher schaffe ich nicht mehr alle diese Aktivitäten. Ich brauche mehr Zeit. Sehr deutlich wird mir das bei Geschwindigkeitsbeschränkungen. Ich glaube, noch immer so schnell wie früher zu sein, bin aber entschieden langsamer. Ich habe mein Tempo automatisch meinen Wahrnehmungsmöglichkeiten angepasst. Ich bin langsamer geworden. Dafür bekomme ich weniger Strafmandate – Auch das Alter hat seine Vorteile. Ein Vergleich oder ein Wettbewerb mit den Jungen ist für uns Alte nicht nur sinnlos, sondern gefährlich. Der Anhalteweg, die Summe aus Reaktions- und Bremsweg, ist länger geworden. Dies liegt sicher nicht an den Bremsen.

Auch im Sport basieren Extremleistungen teilweise auf einer verzögerten Wahrnehmung. Dabei fallen mir die Dribblings von Lionel Messi im Strafraum des Gegners ein, wenn er mit dem Ball zwischen fast unzähligen Verteidigern tänzelt. Das zeigt nicht nur seine einmaligen fußballerischen Fähigkeiten. Auch seine Wahrnehmungsgeschwindigkeit entspricht nicht dem menschlichen Durchschnitt. Er sieht seine Gegner wahrscheinlich in Zeitlupe – Messi, die Fliege? Ähnlich beurteile ich die Leistung von Kopfballspezialisten, wie Ronaldo einer war und vielleicht noch ist. Durch die verzögerte Wahrnehmung haben diese Spieler viel mehr subjektive Zeit, um sich auf den Sprung vorzubereiten. Er sieht den Ball länger in der Luft. Er springt nicht viel höher, aber im richtigen Augenblick. Gegner mit einer „normalen“ Wahrnehmung sind zum entscheidenden Zeitpunkt entweder noch nicht oben oder schon wieder zu weit unten. Wir sprechen dann vom „richtigen Timing“.

Ebenfalls eine verzögerte Wahrnehmung vermute ich bei exzellenten Torleuten. Für sie reicht „ihre“ Zeit vom Schuss bis zum Eintreffen des Balls im Tor für ihre Reaktion, für die Parade. Für uns „Durchschnittsmenschen“ sind dies unvorstellbare Reaktionen, wir nennen sie „Reflexe“. Und die „ganz schnellen“ Torleute benötigen weniger Paraden, da sie aufgrund ihrer Wahrnehmung und ihrer Spielerfahrung auch bei schwierigen Bällen schon vorher richtig stehen.

Die Siege von Cassius Clay, später Muhammad Ali, waren auch ein Verdienst seiner verzögerten Wahrnehmung. Er hatte die Zeit, den Schlägen seiner Gegner auszuweichen.

Die individuellen Reaktionszeiten sollten bei einer Entscheidung für eine Sportart berücksichtigt werden. Ohne extrem kurze Reaktionszeiten - ohne „Zeitlupenwahrnehmung“ - gibt es bei vielen Sportarten kaum Spitzenleistungen.

Wie sich die Reaktionszeit im fortschreitenden Alter verändert, sehe ich an mir selbst. Trotz meiner 75 spiele ich noch Fußball. Für mich wird das Spiel aber immer schneller. Zusätzlich treten altersbedingte körperliche Einschränkungen auf. Es wird zu schnell für mich: Auf Vorlagen, wo ich eigentlich nur „noch den Fuß hinhalten muss“, reagiere ich zu spät. Ein Doppelpass gelingt nur noch selten ... Dass ich trotzdem noch spiele, liegt ein wenig an meinen fußballerischen „Restfähigkeiten“, vielmehr an der Freundschaft und Höflichkeit meiner Sportkameraden.

Wir können nicht verhindern, dass wir altern und dass sich unser Zeitempfinden verändert. Wir können aber durch verschiedene Übungen unsere Reaktionszeiten und damit auch unser Zeitempfinden beeinflussen. Vielleicht spiele ich noch Fußball, damit die Zeit nicht so schnell vergeht.

 

Oktober 2024                                                                                          Alois Markschläger                                                 

1 Kommentar:

  1. Tempus fugit - ob schnell oder langsam. Und er nagt - der Zahn der Zeit, unerbittlich und nicht selten grausam. Wie dem auch sei, ein bisschen stolz auf mich bin ich doch nach der sehr interessierten Lektüre deiner sehr veranschaulichend dargestellten Ausführungen. Schaffe ich es doch tatsächlich ab und zu, eine mir zu lästig auf den Pelz rückende Fliege ins Jenseits zu befördern. Ob das nun angesichts meines nunmehr auch fortgeschrittenen Alters Zufallstreffer sind, oder die Fliege eh suizidale Absichten hegte, vermag ich nicht abschließend beurteilen zu können. Aber eine gewisse Genugtuung und eine Spur Zufriedenheit wird mir dabei beschieden. Wobei eine größere Fliegenklatsche zur Bekämpfung schlimmerer Plaggeister diese triumphalen Momente noch deutlich toppen könnte. Wäre es auch nur deshalb, die Geschwindigkeitsspirale des auferlegten täglichen Wahnsinns ein bisserl zu drosseln. Anhalten werden wir die Zeit dennoch nicht, so gern wir das in manch schönem Moment tun wollten. Wie hieß es doch so trefflich schon vor längerer Zeit in einem Pop-Song so trefflich: "Zeit macht nur vor dem Teufel halt, denn der wird niemals alt, die Hölle wird nicht kalt.

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