Kannst du dir vorstellen, dass ein Kreis aus demselben Körper entsteht wie ein Rechteck? Wenn du einen Zylinder von oben belichtest, entsteht darunter ein Kreis. Machst du dasselbe von der Seite, ist sein Schatten ein Rechteck.
Viktor E. Frankl, Der
Mensch vor der Frage nach dem Sinn, Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk,
R. Piper Co. Verlag,
München Zürich, 3. Aufl., 1982, S. 24
Siehst du nur den Kreis, bist du überzeugt, das richtige Bild zu haben. Das ist deine Wahrheit. Dein Nachbar sieht das Rechteck und ist - wie du auch – von seiner Wahrheit überzeugt. Jeder von euch beiden sieht die Wahrheit, aber nur seine Wahrheit, eine von unendlich vielen. (Siehe dazu auch meinen Blog „Vier sitzen um einen Tisch“ vom 10.07.2022.) Erst der Weise sieht alle Wahrheiten, wie ich das in meinem Buch „Die Weisheit kennt viele Wahrheiten“ darzustellen versuche.
Erschreckend daran ist, dass jeder nur die Schatten, nicht aber die Wirklichkeit sieht. Da stellen sich viele Fragen: Sehen wir die Realität, die wirkliche Welt? Wer hält die Lampe, damit sie den „richtigen“ Schatten wirft? Wie schaut die Welt wirklich aus? …. Wenn du schon einmal einen Zeitungsbericht über ein Ereignis gelesen hast, bei dem du selbst dabei warst, kommen dir Zweifel, ob das wirklich so war. Der Schatten des Zeitungsberichtes hat mit der Realität kaum eine Ähnlichkeit. Der Bericht wird aber als „Wahrheit“ verkauft. Und trotzdem sind wir vom Kreis oder vom Rechteck so überzeugt, dass wir für sie kämpfen.
Der griechische Philosoph Platon hat dieses Dilemma mit seinem Höhlengleichnis anschaulich dargestellt: In einer dunklen Höhle sitzen seit ihrer Geburt gefesselte Menschen. Vor sich sehen sie nur eine Wand. Hinter ihnen bewegen sich Menschen, die etwas tragen. Die Gefesselten sehen nur deren Schatten, die durch ein Feuer an die Wand geworfen werden. Diese Schatten sind für die Gefangenen die Realität. Sie sind ihre Wahrheit. Erst als ein Gefangener befreit wird, erkennt er die höhere Realität. Das dauert etwas, da er zuerst durch das Feuer geblendet ist. Erst jetzt wird ihm bewusst, dass er bisher nur Abbilder der Welt gesehen hat. Gelingt es ihm in einem nächsten Schritt, aus der Höhle hinauszutreten und die Welt, erleuchtet durch die Sonne, außerhalb der Höhle zu sehen, erlebt er die eigentliche Wahrheit. Er erkennt, dass die Sonne die Quelle von Licht, Wahrheit und Erkenntnis ist. Wenn er mit dieser Erkenntnis umkehrt und seinen „Kollegen“ in der Höhle von der wahren Welt berichtet, wird ihm kaum jemand glauben. Viele werden „dem Idioten“ nicht einmal zuhören.
Was
wollen uns Platon und Viktor Frankl mit ihren Bildern sagen, was können wir
daraus lernen?
Wahrscheinlich findest du für dich viele
Erkenntnisse aus diesen beiden Bildern. Einige meiner Erkenntnisse sind:
·
Mein derzeitiges Bild, meine derzeitige Wahrheit, ist nur eines von
vielen Bildern.
· Mein Bild ist
genauso richtig wie das Bild anderer Menschen.
· Je mehr Bilder ich
kenne, umso höher wird meine Chance, das Gesamtbild zu erkennen.
· Ich bezweifle immer
mehr, ob ich wirklich die wahre Welt oder doch nur die Schatten,die jemand für
mich wirft, sehe.
· Ich bin auf der
Suche nach der Realität und will von den Schatten wegkommen. Ich muss aus der
Höhle raus und die wahre Welt erleben.
· Ich bin skeptisch,
wenn mir jemand „seinen Schatten“ als Wahrheit verkaufen möchte.
· Ich versuche, die Bilder anderer Menschen nicht als falsch abzulehnen, ohne dass sie meine Bilder werden.
·
………
Dabei stellt sich die Frage; Wer kann uns aus der Höhle hinausführen? Wollen wir überhaupt hinaus oder haben wir Angst vor der wahren Welt und sind sogar froh, wenn niemand die Schattenbilder in Zweifel zieht? Die Schattenbilder haben eine hohe Autorität, gegen die sich nur wenige wehren. Beginnend von der Kirche, dem Staat, unserem Schulsystem etc. sind die Meinungsbildner (Sie machen für unsere Meinung ein Bild.) inzwischen um die Medien und in den letzten Jahrzehnten speziell um die sozialen Medien gewachsen. Und alle diese Machthaber fesseln uns und setzen uns vor eine Wand, auf die Schattenbilder geworfen werden. Sie wollen gar nicht, dass wir sehen, was wirklich passiert. Die größte Angst haben sie davor, dass wir es schaffen könnten, die Höhle zu verlassen. Und wir sind so gefesselt, dass wir gar nicht mehr hinterfragen, ob es sich um die Realität handelt. Kaum können wir es noch beurteilen. Gerne halten wir an einmal gefestigten Illusionen fest und wehren uns gegen neue Bilder und Ansichten.
Wer könnte uns den Weg aus der Höhle zeigen? Vielleicht sind es die Wahrheitssucher in unserer Gesellschaft, Psychologen und Philosophen, möglicherweise ist es die Bildung, die uns zu neuen Perspektiven verhilft. Das Leben selbst könnte uns aus der Höhle stoßen und uns veranlassen, unsere Perspektiven zu erweitern und mehrdimensional zu denken. Auch die Kunst, die Musik und spirituelle Erfahrungen können uns zum Ausgang unserer Höhle führen. Aber mitgehen müssen wir schon selbst.
Wer hat die Schatten von Krieg und Frieden auf unsere Höhlenwand geworfen? Wer hat die Bilder von Gier und Neid auf die Wand projiziert? Wer hat .....
Ich wünsche dir und mir, dass wir uns der Schattenbilder bewusst sind und dass wir vielleicht irgendwann unsere Höhle verlassen.
März 2025
Alois Markschläger
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