Was essen wir denn heute?

 

Auf Wunsch von uns Kindern hat meine Mutter ihre Lebensgeschichten in einem Tagebuch festgehalten. Daraus habe ich das Buch „zeitGESCHICHTEn aus Mama’s Tagebuch“ geschrieben und bringe hier einige Auszüge.

Hinweise zum Lesen:
Die Aufzeichnungen meiner Mutter sind in normaler Schrift.
Die Texte habe ich im Original belassen, um ihre Sprache zu verwenden. Auch Rechtschreibfehler habe ich nicht korrigiert, um die Inhalte möglichst authentisch zu übermitteln.

Meine Anmerkungen erscheinen kursiv.

Zum Thema Armut und Arbeitslosigkeit heißt es auf Seite 34 ff.

„Ja da kam schon die schlechte Zeit, wo die große Arbeitslosigkeit anfing. Da mussten sie so sparen. Ich lag oft im Bett und hatte Hunger; dachte mir: Wann ich doch ein Stück Brot essen dürfte.

Zu dem Thema der Arbeitslosigkeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts darf ich dir das Buch „Die Arbeitslosen von Marienthal, Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit“ von M. Jahoda, P. F. Lazarsfeld und H. Zeisel empfehlen.

Aber das war so: Da hatten wir eine große Schüssel auf dem Tisch und es wurde Brot und Milch hineingegeben. Da musste man mit dem Löffel dreimal nur mit Milch zum Mund fahren. Das vierte Mal durfte man einen Brotbrocken nehmen. Ja, das Brot war teuer. Milch hatten wir von den Ziegen. Ich glaub Mutter bekam auch öfters Milch von den Bauern, wo sie geholfen hat.

Anni und Paula (Das waren die jüngeren Schwestern meiner Mutter.) haben schon öfters Brot gegessen. Aber ich sah immer, das die Mutter fast nichts aß. So traute ich mir nicht, so viel nehmen.

Die damalige Arbeitslosigkeit unterscheidet sich von der von heute doch recht einschneidend. Die Arbeitslosenunterstützung, die auf die Dauer von 20 bis 30 Wochen gewährt wurde, konnte bei einer hohen Kinderzahl bis zu 80 % des letzten Nettolohnes betragen. Dies klingt hoch. Aber schon ein Großteil der Nettolöhne reichte damals kaum, eine große Familie zu erhalten. Und mit 80 % war das fast undenkbar.
Diese Quote ist heute etwa gleich, aber die Basis, der letzte Nettolohn, ist ein Vielfaches von damals. Außerdem gibt es heute neben dem Arbeitslosenbezug viele zusätzliche soziale Unterstützungen. Die Summe der Sozialleistungen reicht heute fast immer, einen menschenwürdigen Standard zu gewährleisten. Dies war vor 100 Jahren nicht annähernd gegeben.

In Österreich wird laufend eine „Armutsgefährdungsschwelle“ berechnet. Diese liegt bei 60% des Durchschnittseinkommens der Österreicher und beträgt derzeit (2024) ca. 2.400,- Euro für einen Zweipersonenhaushalt. Aufgrund dieser Definition kann jemand unter die Armutsgrenze sinken, obwohl er sich noch immer gleich viel leisten kann wie früher, nur weil das Durchschnittseinkommen der Österreicher gestiegen ist. Wenn ich von durchschnittlichen Realeinkommenszuwächsen von jährlich 2 % in den letzten Jahren ausgehe, ist das Durchschnittseinkommen in den letzten 20 Jahren um etwa 50 % gestiegen. Um diese 50 % ist auch die Armutsgrenze gestiegen.

Wir haben also keine absolute, sondern eine relative Armutsdefinition. Dabei stellt sich natürlich die Frage, ob diese Art der Definition nicht auch zu einer Neidgesellschaft ihren Anteil beiträgt: Was du dir leisten kannst, das steht auch mir zu.
Eine objektive Armutsdefinition würde ich bevorzugen. Dies wäre der in Österreich erforderliche Durchschnittsbetrag, mit dem eine ordentliche Wohnung, eine ausreichende Ernährung und Kleidung noch leistbar sind. Solange ein menschenwürdiges Leben gewährleistet ist, ist für mich keine Armut gegeben. Dabei scheitert man wahrscheinlich an der Gemeinsamkeit der Definition „menschenwürdig“. 

Aber auch das „Armutsgefühl“ in der Gesellschaft hat sich verändert. Wenn ich die Verhältnisse in der Kindheit meiner Mutter beurteile, bin ich überzeugt, dass sie in Armut aufgewachsen ist. Wenn meine Kinder die Lebens- und Wohnverhältnisse meiner Kindheit beurteilen, so halten sie diese wahrscheinlich auch für arm, obwohl ich selbst noch nie den Eindruck hatte, in Armut aufgewachsen zu sein.

Wahrscheinlich wird nicht nur die Armutsgefährdung am Durchschnitt gemessen, sondern auch das subjektive Armutsgefühl ist ein relatives. So habe ich mich in der Kindheit nie als arm empfunden, weil der Lebensstandard in der Nachbarschaft in etwa dem von uns entsprochen hat. Keinem ist es besser oder schlechter gegangen.“

Den Ausspruch "Was essen wir denn heute?", hören wir in den letzten Jahren immer wieder. Allerdings hat er inzwischen eine andere Bedeutung als zur Zeit der Kindheit meiner Mutter.


Leonding, März 2025                                                                            Alois Markschläger


Das Buch, Alois Markschläger, zeitGESCHICHTEn aus Mama's Tagebuch, kannst Du in jeder Buchhandlung oder direkt über mich (Bestellung unter berater@markschlaeger.at) zum Preis von € 17,80 beziehen.

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