Kultiviert oder doch wild?

Der Samen und die daraus wachsenden Wurzeln bestimmen einen Baum. Auch bei uns bestimmen das Ei und der Samen, welcher Mensch entsteht. Dabei ist unsere Artenvielfalt niedriger als die der Bäume, die sich untereinander erheblich unterscheiden (Laubbäume, Nadelbäume mit jeweils vielen verschiedenen Arten). Das gleicht sich durch eine höhere Sortenvielfalt bei uns Menschen aus. So gibt es weltweit in etwa 30.000 verschiedene Apfelsorten. Bei den Menschen gibt es fast so viele Sorten wie es Menschen gibt.

Beide, die Bäume und wir, benötigen verschiedene Bedingungen, um ein selbständig lebensfähiges Wesen zu werden und zu bleiben: Luft, Licht, Wasser, Nahrungsmittel etc. Dabei können wir Menschen uns besser an die Umwelt anpassen.
Seit Jahrzehnten fahre ich auf die Insel Pag in Kroatien. Dort wachsen Olivenbäume auf steinigen Böden, bei extremer Hitze, mit wenig Wasser und stürmischen Winden, die sie oft mit einer Salzkruste zudecken. Viele von ihnen sind älter als 1000 Jahre. Kaum einer unserer Apfelbäume kann dort überleben. Ein Nussbaum, den wir einmal unseren Gastgebern mitbrachten, schaffte es nur wenige Monate. Da sind wir Menschen anpassungsfähiger: Auch ein Kind aus Zentralafrika kann im tiefsten Norden überleben, wenn es dort aufwächst.

Ein Baum kann auf zwei Arten wachsen und groß werden: Entweder er wächst wild auf oder er fällt uns Menschen in die Hände. Dann sprechen wir – nicht der Baum – von Hege und Pflege. Der Baum selbst kann nicht entscheiden. Er muss unserem (meines Erachtens umstrittenen) Auftrag „Macht euch die Erde untertan!“ seinen Tribut zollen. Inzwischen bemerken wir, dass es für die Natur und damit auch für uns sinnvoll sein kann, wenn wir manche Bäume nur Bäume sein lassen: Wir schützen Urwälder und greifen in unseren Nationalparks nur vorsichtig und in einem begrenzten Ausmaß ein.

Fällt uns aber ein Baum in die Hände, wollen wir ihn nach unseren Vorstellungen nutzen. Er wird veredelt, damit er große, saftige und genussvolle Früchte trägt. Dazu pfropfen wir ihm „fremde“ Reise auf.  Da sind wir recht kreativ. Vor einigen Jahren erhielt ich zu meinem Geburtstag einen Apfelbaum. Dieser trug sechs verschiedene Apfelsorten.
Bei der Quitte und beim Apfelbaum gelingt es sogar, Zweige gegenseitig auszutauschen. Wenn der Apfelbaum aufgrund seiner Wurzeln auch immer ein Apfelbaum bleiben wird, trägt er Früchte eines anderen Baumes. Das erinnert mich an den Kuckuck, der seine Jungen von anderen Vögeln ausbrüten lässt. Ob Jesus an veredelte Bäume dachte, als er in der Bergpredigt sagte: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“?

Wir Menschen bearbeiten und pflegen Bäume aber nicht nur, um ihren Ertrag zu steigern, sie müssen uns auch gefallen. Wir schnipseln und schneiden, bis sie manchmal so entstellt sind, dass sie sogar unseren Vorstellungen entsprechen. Wir sind überzeugt, dass wir der Natur und damit vielleicht dem lieben Gott helfen müssen.

Wie wachsen wir Menschen - im Vergleich zum Baum – auf? Wild wie bei manchen Bäumen geht kaum. Zum Überleben brauchen wir in der Regel andere Menschen. Um für die Gemeinschaft einen Nutzen zu bringen, werden wir daher veredelt. Wir sollen möglichst viele und möglichst gute Früchte tragen. Deshalb gehen wir in die Schule und erhalten eine Ausbildung. Viele neue Zweige werden auf den jungen Baum gepflanzt, damit er für die Gesellschaft wirtschaftlich wird. Manchmal gelingt es sogar, auf einen Apfel eine Quitte zu pfropfen. Das sind unsere Universalgenies. Die können einfach alles.

Fruchtbarkeit allein reicht bei uns aber nicht, auch optisch müssen wir entsprechen. Schon fast bei der Geburt kommen Gärtner und beginnen zu schnipseln und zu schneiden. Du sollst schön werden und allen gefallen, auch wenn du dich in deinem neuen Kleid unausstehlich findest. Da gibt es Regeln, Gesetze, Bräuche Gewohnheiten etc., die dafür sorgen, dass du „ordentlich“ ausschaust. Gegenüber den Bäumen haben wir Menschen allerdings eine Chance, uns dagegen zu wehren. Leider sind dabei schon einige „eingegangen“.

Wie viele Früchte muss ein Mensch tragen, dass er ausreichend wirtschaftlich ist? Wie muss er aussehen, um den Vorstellungen seiner Umgebung zu entsprechen? Welche Mittel der Veredelung sind notwendig, sind zulässig? Wie sehr dürfen wir andere beschneiden und in „unsere“ Form bringen? Brauchen wir nicht auch freie und wilde, um zu sehen wie die Natur ohne Kultur funktioniert? Die wilden Bäume sind in der Gesellschaft nicht beliebt und wenig geachtet. Aber vielleicht sind sie manchmal nützlicher als die „überkultivierten“, wenn sie oft auch nur lästig sind?

Welcher Baum bist du? – Ein wilder, ein fruchtbarer, ein schöner, ein kultivierter …?
Und welcher Baum möchtest du sein? Vielleicht ein wilder mit etwas Kultur oder ein kultivierter mit etwas Freiheit?

Versuche, einfach du zu sein!

 

Leonding, Juni 2025                                                                          Alois Markschläger

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