Vor 76 Jahren im Jahr 1949 (zufällig auch mein Geburtsjahr) wurde die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in das Grundgesetz der BRD (In Österreich bereits 1920) aufgenommen. In diesen 76 Jahren haben sich die Stellung, die Achtung und das Leben der Frauen in unserer Gesellschaft deutlich verbessert, wenn diese Entwicklung auch noch nicht abgeschlossen ist. Wie bei vielen Entwicklungen gibt es auch hier Fehlentwicklung. So glaubten einige die Gleichstellung mit der Aneignung der Eigenschaften der „starken Männer“ zu erreichen: Rauchen, Saufen und Machogehabe. Statt emanzipierten Frauen sind Männerkopien entstanden.
Weitgehend verstehen wir unter Emanzipation die Gleichberechtigung und die Selbst-bestimmung der Frau. Allgemein formuliert bedeutet Emanzipation die Befreiung von äußeren oder inneren Zwängen. Wir Männer haben eine Befreiung von inneren und äußeren Zwängen kaum gefordert. Zu gering war für uns die Belastung durch diese Zwänge. Zu stolz, zu männlich waren (sind) wir, zu stark und zu mächtig haben wir uns eingeschätzt. Deshalb haben wir nicht um diese Befreiung von inneren und äußeren Zwängen gekämpft, haben wir eine Emanzipation nicht gebraucht. Außerdem glauben wir, die Macht in der Gesellschaft zu haben. Und die Mächtigen können die Welt gestalten. Die Welt vielleicht schon, aber uns selbst? Eine Veränderungsnotwendigkeit schien und scheint noch immer nicht gegeben.
Natürlich haben wir auf Emanzipationsbewegungen reagiert. Einige haben das traditionelle Bild des „harten und starken Mannes“ abgelegt oder sind ihm ausgewichen. So wurden aus vielen Männern teilweise sogenannte „Softies“ oder sie sind dazu erzogen worden. Aber so wie die harten und starken Frauen eine Kopie von Männern geworden sind, so sind die Softies vielfach Kopien des „alten“ Frauenbildes. Dabei gehen die Eigenschaften, die eigentlich den Mann bzw. die Frau ausmachen, bei beiden verloren.
Kaum haben wir Männer es geschafft, die 50% Frau, die uns mit der Zeugung mitgegeben wurden, in uns zu entdecken, geschweige denn zu leben und anzuerkennen: Ein Mann muss(te) stark sein. Ein Mann weint nicht. Ein Mann kennt keinen Schmerz …. Solche und weitere Botschaften haben uns Männer erzogen, geformt und sehr oft auch unglücklich gemacht.
Dadurch kommen viele befreiende Eigenschaften bei uns zu kurz. Hier benötigen wir eine Emanzipation. Es muss uns erlaubt sein, Emotionen zu zeigen und Emotionen zu leben. Auch bei Männern sind Emotionen keine Schwächen. Die emotionale Verarmung birgt die Gefahr, dass wir vor allem mit den seelischen und emotionalen Anforderungen nicht zurechtkommen. Darunter leiden besonders junge Männer, denen entsprechende Lebenserfahrungen fehlen. Die jungen Männer von heute sind Einflüssen und Belastungen ausgesetzt, die „wir Alten“ gar nicht kannten. Ich denke dabei vor allem an die ungefilterte Informationsflut durch die gesamte Medienlandschaft.
Alle Emotionen, die wir nicht aufkommen lassen oder die wir unterdrücken, arbeiten in uns weiter. Und viele kommen damit nicht zurecht, weil „starke Männer“ solche Schwächen nicht haben und nicht zeigen dürfen. Außerdem gilt es als Schwäche, wenn sie sich Hilfe holen wollen. Daher werden Probleme nach dem alten Männerbild (unterdrückte Emotionen, Isolation, Gewaltverherrlichung und Hilflosigkeit) wie schon seit Jahrhunderten mit Kraft und Gewalt gelöst. Amokläufe, wie der vor einigen Wochen in Graz, könnten auch dadurch – zumindest mitverursacht - sein. Diese Gräueltaten sind aber nur die Spitze des Eisberges. Darunter finden sich viele ge- oder zerstörte Persönlichkeiten junger Männer.
Die Gewalt der Männer, vor allem die Gewalt der Männer gegenüber Frauen, wird inzwischen – Gott sei Dank – angeprangert. Andererseits werden wir Männer zur Gewalt erzogen und zur Gewalt verpflichtet. Uns wird eine besondere Pflicht zugesprochen, die Wehrpflicht: Die Verpflichtung zum Töten, eine Verpflichtung zur männlichen Gewalt. So sehr ich die Betroffenheit in allen Bevölkerungsschichten über den Tod der Jugendlichen in Graz schätze, so betrübt mich die Dummheit, mit der wir Männer in Kriege geschickt werden, und die Dummheit, dass wir Männer als Helden für das Vaterland sterben müssen. Am meisten stört mich inzwischen vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der wir Kriege verteidigen – leider nicht nur die Männer, auch die Mütter von Söhnen.
Sich zu wehren, über andere siegreich zu sein, zurückzuschlagen, wenn wir angegriffen werden …, lernen wir Männer schon als Kinder. Der Missbrauch von Gewalt wird so teilweise gerechtfertigt und sozialisiert. Dabei sind unsere Kraft und unsere Stärke etwas Positives, etwas Männliches. Wir sollten sie auch gezielt einsetzen, einsetzen für die Gerechtigkeit, einsetzen für die Schwachen unter uns, einsetzen für die, die uns anvertraut sind, einsetzen in Verbindung mit Liebe und mit Einsicht. Das ist ein wichtiger Schritt einer erforderlichen männlichen Emanzipation.
Um emanzipiert zu sein, müssen wir den Zugang zu unserem Inneren zulassen und suchen, wir müssen die Wege zu unseren Seelen und zu unseren Emotionen finden. Es ist eine Stärke und keine Schwäche, dafür Hilfe zu suchen. Es ist eine Stärke, zu den eigenen Schwächen zu stehen. Es ist eine Stärke und keine Schwäche, Emotionen zu zeigen und Tränen zuzulassen. Richtige Männer können auch richtig weinen. Unsere Seelen müssen frei und somit menschlicher werden. Wir müssen zu uns selbst finden und uns als ganze Menschen, als Männer mit Körper, Geist und Seele annehmen.
Diese meine Gedanken sind nur ein Teil der erforderlichen männlichen Emanzipation. Dazu gibt es noch viele Ideen und Notwendigkeiten.
Wie das Yin-Yang-Symbol besteht auch die Menschheit aus zwei Teilen, die zusammen eine Einheit bilden. Kein Teil davon ist besser oder schlechter, aber jedes Teil ist etwas Besonderes. Beide Teile – Männer und Frauen – haben dafür ganz besondere Eigenschaften. Die Emanzipation von Männern und von Frauen führt zu einer tollen Einheit.
Yin-Yang-Symbol
Leonding,
Juli
2025 Alois Markschläger
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