Zu dem Thema Freiheit habe ich meinen Gedanken freien Lauf gelassen. Da sie stärker als vermutet gesprudelt sind, habe ich sie unterteilt:
· Teil I:
Erste Erfahrungen (Blog vom 29.08.2025)
Teil
II: Die Freiheit und Regeln (Blog vom 05.09.2025)
Teil
III: Gesetze begrenzen unsere Freiheit (Blog vom 13.09.2025)
Teil
IV: Der geheimnisvolle „man“ und die Freiheit (Blog vom 01.10.2025)
Teil V:
Das Sterben von „man“ und seine Folgen (Blog vom 07.10.2025)
Teil
VI: Die eigene Versklavung (Blog vom 20.10.2025)
Einige Punkte in
diesem Teil weisen auf die bisherigen Artikel hin. Der Blog wird verständlicher,
wenn du die bisherigen Teile zumindest grob kennst.
Bei unserem 12. Maturatreffen sagte ein Schulkollege:
„Eigentlich sind wir Sklaven unseres Erfolgs.“ Was meinte er damit? Seit der
Matura hatten viele von uns ein Studium abgeschlossen, einen ansprechenden und
gut bezahlten Job usw. Dafür mussten wir mehr als der Durchschnitt leisten. Das
Ergebnis konnte sich sehen lassen: schöne Häuser oder Wohnungen, ein tolles
Auto, aufwendige Urlaube …. All dies lag auf einer Seite der Waage, auf der
anderen ein überdurchschnittlicher Arbeitseinsatz, erste Ehescheidungen,
allmählich auftauchende Burnout-Erscheinungen, ein Verzicht auf das Leben, ein
Verzicht auf die Freiheit, das eigene Leben selbst zu gestalten … Wir wollten
den Erfolg, um anerkannt, geachtet und honoriert zu werden. Wir haben es genossen, unsere Erfolge herzuzeigen. Dafür mussten wir Teile unserer
Freiheiten aufgegeben. Ja, wir wurden Sklaven des Erfolgs. Und niemand hat uns
dazu gezwungen. Natürlich gab es neben Geld, Erfolg, gesellschaftlichem
Aufstieg etc. auch andere Beweggründe für unseren Einsatz, wie Sicherheit,
Selbstachtung, Selbstbestätigung usw. Die haben unseren Einsatz moralisch -
zumindest für uns – gerechtfertigt. Vielleicht waren sie aber auch nur
Entschuldigungen und Ausreden für die eigene Versklavung.
Liebe, Freiheit, Sicherheit und Anerkennung sind emotionale
Grundbedürfnisse. Unser Selbstwert wird perfekt, sobald wir niemand brauchen,
der uns diese Bedürfnisse erfüllen muss, weil wir es allein nicht schaffen.
Wenn du dich selbst magst, ist es wunderbar, wenn dich jemand liebt, aber für
deinen Selbstwert brauchst du das nicht. Reicht der Selbstwert nicht, versuchen
wir, unsere Bedürfnisse von außen zu stillen. Aus dem Versuchen wird ein Suchen
und aus dem Suchen eine Sucht. Eine Sucht nach Liebe, Anerkennung, Freiheit und
Sicherheit. Das Suchen macht uns unfrei, macht uns zu Sklaven, vor allem zu
unseren eigenen Sklaven. Dies sind die Stricke, die unseren Ballon nicht abheben lassen. So leben wir nicht mehr, so werden wir gelebt. Um frei zu
werden, müssen wir diese Stricke lösen und einige Gewichte aus dem Korb werfen.
Dieser Versklavung opfern wir weitgehend unsere
Eigenverantwortung und lassen uns auf unserer Suche entmündigen. Vor allem drei Institutionen sehen darin eine
Chance, ihre Interessen und Ziele zu wahren: Der Staat, der an lenkbaren
Bürgern interessiert ist. Die Kirche, die die Freiheit ihrer Gläubigen
teilweise mit dem Verweis auf ein schönes Leben nach dem Tode einschränkt. Die
Methoden der beiden sind fein angelegt und zeigen sich meist in keinem direkt
empfundenen Schmerz. Aber im Vergleich zu den beiden nützt die Wirtschaft unsere eigene
Versklavung beinahe schamlos aus. So Vieles kaufen wir, damit wir die fehlende Liebe, Sicherheit,
Anerkennung und Freiheit durch den Kauf spüren. Die Wirtschaft weiß, was wir
brauchen, und die Werbung sagt es uns. Und wir bestätigen sie tagtäglich. Die
Methoden sind vielfältig. Kaum bemerken wir, wie wir zu Sklaven werden. Im
Vergleich dazu sind Ein-schränkungen unserer Freiheiten durch Gesetze und durch
die Gesellschaft harmlos und eher ein Lercherlscha … Nichts von den Schmerzen
eines Sklaven spüren wir beim Einkauf. Nein, vielfach bereitet er uns sogar einen
Genuss – eigentlich pervers. Wer ist hier pervers? Wir oder die Wirtschaft? Die
Aufgabe der Wirtschaft ist es vor allem, unser Leben zu sichern. Vielleicht
haben wir durch den Zwang zum Überleben
das Leben aus den Augen verloren.
Aber nicht nur die Wirtschaft
nützt unser Suchen. Ein fehlender oder zu geringer Selbstwert lässt in uns auch
Eigenschaften wie Gier, Neid, Eitelkeit …. aufkommen. Diese rauben uns die innere
Freiheit und wir werden zu Sklaven unserer Begierden. Der römische Philosoph
Seneca hat dies so formuliert: „Zeige mir einen Menschen, der kein
Sklave ist! Der eine ist Sklave der Begierde, der andere der Habgier, der
dritte unterwirft sich der Macht, und wir alle sind Sklaven der Angst.“
Möglicherweise ist die fehlende innere, die persönliche
Freiheit die Ursache für eine hohen Freiheitsdrang nach außen. Deshalb regen
wir uns so auf, wenn da einer kommt, der uns auch noch unsere äußere Freiheit wegnehmen
will. Das geht ja gar nicht, wenn wir ohnehin schon so wenig innere Freiheit
haben. Dann bleibt ja von der Freiheit so gar nichts mehr.
So wie in jeder Gesellschaft geht es bei jedem Menschen
darum, ein sinnvolles und vertretbares Verhältnis zwischen Sicherheit und
Freiheit zu finden. Dieses Verhältnis ist individuell unterschiedlich. Das optimale
Verhältnis von Freiheit, Sicherheit und Anerkennung muss jeder für sich finden.
So werden der Freiheitsdrang und die Suche nach Anerkennung eines Bergsteigers durch sein Sicherheitsbedürfnis in Grenzen gehalten. Die Liebe hat die Aufgabe,
diese drei optimal abzustimmen. Bei einem Absturz des Bergsteigers hat
eigentlich nur die Liebe versagt. Sie hat der Freiheit zu viel und der
Sicherheit zu wenig Raum gegeben. Vielleicht braucht es auch in der
Gesellschaft mehr Liebe, um Freiheit und Sicherheit optimal aufeinander
abzustimmen.
Gleichbedeutend mit der Freiheit in einer Gesellschaft ist
die eigene Unabhängigkeit, die innere Freiheit. Dazu braucht es starke
Persönlichkeiten. Solche zu entwickeln, ist die wichtigste Forderung an Eltern,
an die Gesellschaft und an unser Schulsystem. Nur starke Persönlichkeiten sind erwachsen,
sind unabhängig, sind frei und können die Freiheit genießen.
Ich wünsche Dir, dass du deine innere Freiheit findest. Dann
kannst du deinen Heißluftballon allein starten und fliegen – Entschuldigung
fahren. Alles danach ist Genuss pur.
Leonding, 20.10.2025 Alois Markschläger
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