Um in Österreich ein Gesetz zu beschließen, braucht es eine Mehrheit im Parlament. Eine Stimme mehr reicht (Bei Verfassungsgesetzen müssen es mehr sein.). Es gibt aber auch Bereiche, in denen eine Minderheit und nicht die Mehrheit entscheidet: Als wir in unserer Ferienwohnung einen Kamin errichten wollten, verhinderte dies einer von zwölf anderen Wohnungseigentümern. Den Bau eines Kraftwerks in Hainburg verhinderten 4.000 von ca. 8 Mio. Österreichern. Soll irgendwo ein Kraftwerk errichtet werden, verhindern oder verzögern dies sehr oft kleine Gruppen. Den Bau einer neuen Donaubrücke in Mauthausen hat eine Minderheit von Gegnern lange verzögert. Es ist also nicht immer die Mehrheit, die in unserer Gesellschaft das Sagen hat.
Sind Minderheiten eigentlich die Verhinderer? Ist ihre Macht so stark, dass sich die Mehrheit nicht mehr durchsetzen kann? Mit der Entwicklung der Demokratie sind die Minderheitenrechte gewachsen. Dabei stellt sich die Frage: Ist das demokratische Prinzip, nach dem die Mehrheit entscheidet, nicht mehr oder nicht mehr voll gültig? Minderheiten haben starke Machtpositionen erhalten. Dass die Gefahr, die Macht zu missbrauchen, bei Mehrheiten hoch ist, ist bekannt. Aber besteht diese Gefahr auch durch Minderheiten? Kann es passieren, dass Minderheiten zu Diktatoren werden? Wer entscheidet im Zweifelsfall, ob die Rechte und Wünsche der Mehrheit oder die einer Minderheit gewahrt werden sollen? Welcher Standpunkt ist der richtige, der passende, der gerechte? Dürfen Minderheiten unser tägliches Leben derart stark beeinflussen und gestalten? Fragen über Fragen!
Minderheiten greifen die – zumindest ihrer Meinung nach –
Missstände in einer Gesellschaft auf und an. Die Mehrheit hat dafür kaum Verständnis,
weil sie die Vorteile des Missstandes genießt. Die Minderheit ist nur „lästig,
weltfremd, unverfroren, idiotisch, abgehoben …“
Beispiel: Einige Umweltschützer kleben sich auf der Straße fest und erzeugen einen gewaltigen Stau. Kaum einer, der täglich mit dem Auto zur Arbeit muss, hat dafür Verständnis. Entsprechend heftig fällt sein Urteil über die Kleber aus. Darin bestärkt ihn die große Masse, da diese Masse den Individualverkehr braucht und genießt. Außerdem sind sie ja in Überzahl.
Hat die Mehrheit ein Recht auf den Status quo, hat sie
ein Recht auf alle Vorteile, die sie derzeit genießt? Sind die Minderheiten nur
Verrückte, nur Verhinderer, die unsere Gesellschaft und unsere Bequemlichkeit
gefährden?
Die wesentlichen Veränderungen der letzten Jahrhunderte in unserer Gesellschaft gingen von Minderheiten aus. Minderheiten setzten den Veränderungsprozess in Gang. Spontan fallen mir dazu ein: Die Einführung der Demokratie, die Gleichstellung der Geschlechter, Meinungsfreiheiten und andere Formen der Freiheit, die Gestaltung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen … Immer waren es „Revoluzzer“, waren es Minderheiten, die die ersten Schritte setzten. Wo wären wir heute ohne diese Minderheiten, die teilweise alles, bis hin zum eigenen Leben, für ihre „verrückten“ Ideen riskiert und geopfert haben? Ihnen verdanken wir viel. Sind Minderheiten also nicht eher die Propheten und weniger die Verhinderer? Ohne diese Minderheiten würde sich eine Gesellschaft nicht weiterentwickeln. Wenn alle mit allem immer zufrieden sind, leben wir nicht im Schlaraffenland, sondern in einer Totenstarre, die Gesellschaft stagniert. Die Minderheiten zeigen uns, wie ein Fieberthermometer auf Krankheit verweist, dass etwas nicht passt. Sollten wir den Minderheiten nicht dankbar sein? So wie es gefährlich ist, kein Fieberthermometer zu verwenden, um nicht zu bemerken, dass man krank ist, so braucht jede Gesellschaft ihre Minderheiten.
Aber eine Minderheit ist nicht schon positiv, nur weil sie eine Minderheit ist. Auch die Nationalsozialisten waren irgendwann eine Minderheit. Sie haben sich hinter vielen verschiedenen Sorgen versteckt, um dann als Mehrheit ihre Brutalität voll zu entwickeln. Ein Sturm dient der Bereinigung in der Natur. Aber ein Orkan, der alles vernichtet, ist keine Hilfe, sondern eine Katastrophe. Das ist die Gefahr radikaler Parteien, ob von der linken oder von der rechten Seite.
Natürlich stellt sich die Frage nach den Grenzen der Macht von Minderheiten? Gibt es nicht auch Rechte der Mehrheit, die zu gefährden der Minderheit nicht zusteht? Ich wage dazu kein Urteil. Das Urteil ist durch die Reife einer Gesellschaft bestimmt. Vor 300 Jahren war die Gesellschaft für die Gleichberechtigung der Frauen nicht reif, heute sehr wohl. Das nährt in mir die Hoffnung, dass es einmal eine Gesellschaft geben wird, die für den Frieden reif ist. Aber dafür brauchen wir zuerst eine verrückte Minderheit, die dafür kämpft (Kämpfen für den Frieden ist eigentlich an sich pervers.).
Die Demokratisierung hat den Umgang mit Minderheiten in derselben Weise verändert, wie sich der Umgang mit Kindern gewandelt hat. Vorlaute, freche, trotzige … Kinder wurden vor 100 Jahren lautstark oder brachial zur Resonanz gebracht. Rebellierende Minderheiten wurden ähnlich behandelt, vom Schlagen über Einsperren bis zum Ermorden. So sollten die Herrschenden an der Macht bleiben. Gott sei Dank schützen wir heute unsere Kinder und die Minderheiten besser.
Vielfach klingen die Forderungen von Minderheiten utopisch und unvorstellbar. Leider sagen uns die Minderheiten nur selten, wie sie sich die Welt „danach“ vorstellen. Dadurch wächst die Unsicherheit, damit wachsen die Angst und die Ablehnung vieler guter Ideen: Lieber auf den Abgrund zurasen, als gar nicht wissen, wohin es geht.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Minderheiten Widerstand suchen und auch brauchen. Als 19-jähriger (1968) setzte ich mich für viele gesellschaftliche Veränderungen ein. Ich glaube, dass das Schrecklichste für uns damals gewesen wäre, wenn das Establishment (Das waren die Mächtigen, gegen die wir uns zur Wehr setzten.) allen unseren Forderungen und Wünschen mit einem Lächeln und einem herzlichen Dankeschön begegnet wäre. Das wäre eine Niederlage und kein Sieg gewesen. Minderheiten sind wie Segelboote. Sie brauchen den Wind der Mehrheit. Sie überstehen aber selten Tornados.
Es würde mich freuen, wenn du bei
deinem nächsten Ärger über eine aktive Minderheit überlegst, ob und was bei uns
schiefläuft. Auf dieser Basis ist ein weiterer Dialog möglich. Sogar Columbus war
auf dem richtigen Kurs, wenn er auch Amerika noch nicht sah.
Leonding, April 2026 Alois
Markschläger
Mhmmm danke fürs Teilen dieser spannenden und unterschiedlichen Betrachtungsweisen!
AntwortenLöschenLG Daniel Fetz
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