Mit dem Begleittext „Das ist wahnsinnig,“ erhielt ich vor einigen Tagen einen Beitrag auf Youtube über die Lage der deutschen Kartoffelbauern: Überproduktion, keine Absatzmöglichkeiten und Konzerne, die trotz der Misere der deutschen Bauern französische Kartoffeln verkaufen. Wie so oft in den sozialen Medien wurde auch hier bewusst polemisch das Dramadreieck „Täter-Opfer-Helfer“ eingesetzt: Die schrecklichen Konzerne (Täter) bringen die armen Bauern (Opfer) um. Das drückt dem Konsumenten (Helfer) zumindest die Tränen in die Augen. Das reicht für seine Verantwortung und lässt keine Schuldgefühle aufkommen.
Die Darstellung des Kartoffelmarktes, die ich danach bei ChatGPT abfragte, war nicht mehr so dramatisch, vor allem nicht so polemisch. Keine Schuld der Konzerne ist ersichtlich. Es wäre schön, wenn KI diese objektive Darstellung beibehalten könnte. Ich fürchte aber, dass der Einfluss des Menschen auch die KI zur Meinungsmanipulation hinführen wird oder vielfach schon hingeführt hat.
Was ist passiert?
2024 war der Peis für Erdäpfel hoch. Die Bauern entschieden
sich 2025 für höhere Anbaumengen. Durch eine „kartoffelfreundliche“ Witterung 2025
begann die Misere der Bauern (Eigentlich ist es pervers, eine gute Ernte als
Misere der Bauern zu bezeichnen.). Es gab eine Überproduktion. Das Angebot war höher
als die Nachfrage. So viele Erdäpfel können nicht verbraucht werden, werden daher
nicht gekauft. Der Preis fällt und Erdäpfel werden auf irgendeine Weise verwertet
oder vernichtet. Den Effekt, hoher Preis im Vorjahr – verstärkter Anbau im
nächsten Jahr – Preisverfall durch ein Überangebot …., nennt die
Volkswirtschaftslehre den „Schweinepreiszyklus“.
Und zusätzlich
zu diesem Dilemma finden sich jetzt noch in deutschen Supermärkten französische
Erdäpfel.
Ein klassisches Beispiel für ein „Drama-Dreieck“:
Konzerne (Täter), Bauern (Opfer), Konsumenten (Helfer). Und die sozialen Medien
dramatisieren.
Dabei haben alle alles richtig gemacht: Der Bauer hat
angebaut, was Erfolg verspricht. Der Konsument kauft günstig, was er im
Supermarkt bekommt. Und der Supermarkt reagiert auf den Markt so, wie es seine
Pflicht ist: Er versucht Gewinne zu erzielen.
Das Schreckliche: Alle machen alles richtig und das Ergebnis ist ein Chaos, um nicht ein Schei … zu sagen. Beruhigend für alle: Verantwortlich sind immer die anderen. Und wenn das sogar Youtube sagt, muss es ja richtig sein.
In meinen innerbetrieblichen Workshops habe ich folgende
Regel für eine Kritik am bestehenden System aufgestellt (Kritik war erwünscht.):
· Formuliere exakt, was dich stört!
· Sage genau, wie du es gerne hättest!
· Erkläre uns, was du, und nur du, machst, um
diesen Zustand zu erreichen!
· Wenn du dich daran nicht halten kannst, ist es
besser, wenn du die Veranstaltung verlässt, da du zur Lösung unserer Aufgaben
nichts beitragen kannst.
Diese Regel verhindert die Forderung, dass alles zu ändern sei, ohne dass ich meine Komfort-zone verlassen muss ( Wir beide müssen uns ändern, fangen wir einmal bei dir an! ). Diese Regel entspricht dem Gelassenheitsgebet von Reinhold Niebuhr: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Leider agieren wir nur selten nach dieser Regel. Lieber jammern wir – meist bejammern wir uns selbst – und durch Sudern (altehrwürdiger österreichischer Ausdruck) geben wir den Bösen in der Welt die Schuld dafür. Eine solche Gesellschaft nenne ich JuS-Gesellschaft: Eine Gesellschaft von Jammerern und von Suderanten. Ihr Gelassenheitsgebet haben sie nicht gesprochen oder der liebe Gott hat es nicht erhört: Er hat ihnen weder die Gelassenheit gegeben, das hinzunehmen, was sie nicht ändern können (Darüber lässt sich ja traumhaft jammern und sudern.). Noch sind sie so mutig, das zu ändern, was sie eigentlich ändern könnten (Das ist ja viel anstrengender als das Jammern.). Nachdem sie Beides – Gelassenheit und Mut – ohnehin nicht wollen, wäre die Gabe der Weisheit reine Verschwendung gewesen. Die hat sich der liebe Gott erspart.
Zurück zum Erdapfel: Was ist wirklich passiert und gibt
es vielleicht doch Verantwortliche für die Misere?
Ich bin zu wenig Fachmann, um alle Verantwortlichkeiten
genau kennen und analysieren zu können, aber einige Verantwortliche und die Hauptverantwortliche,
nämlich die Gier und hier die pure Gier, glaube ich, gefunden zu haben:
· Die Gier des Konsumenten, das zu kaufen, was er
am einfachsten erhält und was am wenigsten kostet, um möglichst viel
konsumieren zu können. Der Supermarkt befriedigt ganz bereitwillig diese Gier.
Der Erdapfel ist dafür ein harmloses Beispiel. Schrecklich ist nicht das
Angebot des Supermarktes, schrecklich ist das Kaufverhalten.
· Es sind die Bequemlichkeit und die Gier des
Konsumenten, nicht auf Bauernmärkten oder bei den Bauern direkt heimische
Erdäpfel zu kaufen.
· Früher fanden wir auf einem Bauernhof eine
Vielfalt. Auch die Gier, die Erträge zu maximieren, ließ die Bauern zu Monokulturen
wechseln. Beispiel: Nur Erdäpfel und nichts als Erdäpfel. Wenn einer sein
ganzes Vermögen im Casino auf eine Zahl setzt, halten wir ihn für bescheuert.
Unsere Wirtschaft und leider auch viele Bauern machen es ähnlich.
· Es ist die Gier der Bauern, ihre Anbauentscheidung an erhofften Gewinnen zu orientieren.
· Es ist die Gier der Supermärkte, die jede
volkswirtschaftliche Gesamtverantwortung im Keim erstickt.
· ………
Aber um diesen Verantwortlichkeiten zu entgehen oder sie uns nicht bewusst zu machen, rufen wir (Auch ich nehme mich da nicht ganz aus.) mit unserem Jammern und Sudern gern nach dem Staat, nach der Regierung, die die Missstände beseitigen sollen. Die können das nicht (mehr). Sie haben weder die fachlichen Fähigkeiten noch die erforderliche Macht. Viele Politiker glauben noch immer, an der Macht zu sein. Dabei sind sie nur an der Regierung. Die Macht liegt woanders.
Damit der Erdäpfel uns nicht im Magen liegen bleibt, machen wir es uns einfach: Wir konsumieren den Youtube-Artikel, der uns von jeder Verantwortung freispricht, und genießen die französischen Erdäpfel mit dem Superpreis. Ist dies nicht eine schöne Welt?
Leonding, Mai 2026 Alois
Markschläger
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen