Der Zweite Weltkrieg hat Europa, und hier vor allem Deutschland und Österreich, bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Ohne Hilfe von außen wären wir untergegangen. Aus dieser Misere hat sich Westeuropa erholt, holte auf und überholte den Großteil aller Staaten. Wir wurden die Besten, die Schönsten und die Größten. Inzwischen haben wir neben unserer wirtschaftlichen Vormachtstellung auch die Technologieführerschaft verloren. Waren wir einst zuständig für technische Revolutionen, so sind wir heute damit zufrieden, zu verstehen, worüber die Entwicklungsländer von damals sprechen. Es droht uns der Rutsch in die Bedeutungslosigkeit, der Sturz in einen Abgrund.
Geht ein einst führendes Unternehmen in den Konkurs, hört man oft den Spruch: „Der Vater erstellt’s, der Sohn erhält’s und beim Enkel verfällt’s.“ Trifft wahrscheinlich auch auf unsere Wirtschaft in den letzten 80 Jahren zu.
Wie konnte das
geschehen?[1]
Die Entwicklung
der Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten lässt sich mit der Entwicklung des Spitzensports
vergleichen. Etwas vereinfacht ausgedrückt: Aus der gemütlichen, sportlichen
Kegelrunde vom Samstag Abend, ist brutaler Leistungssport geworden. Gleich
geblieben ist: Noch immer will jeder gewinnen, wenn auch für manche sogar der olympische Gedanke, nur dabei zu sein, schon hochgegriffen ist. Einige Lernhemmnisse und
Einstellungsfehler haben uns inzwischen aus der Siegerliste gestrichen.
· Der
gekochte Frosch
Nimm einen Frosch, gib ihn in einen Topf mit kaltem Wasser, den du auf den Herd
stellst und langsam erwärmst. Der Frosch wird das so lange genießen, bis das
Wasser zu heiß wird. Jetzt will er raus. Aber jetzt kann er nicht
mehr. Das angenehme warme Wasser hat ihm zu viel Energie gekostet.
Wirfst du den Frosch in heißes Wasser, wird er sofort rausspringen, um zu
überleben. Jetzt hat er noch die Kraft. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs
waren für uns das kochend heiße Wasser: Entweder herausspringen oder sterben. Wir
haben den Sprung geschafft.
In den letzten 20 oder 30 Jahren haben wir das immer wärmer werdende Bad
genossen, ohne zu bemerken, wie wir schwächer wurden.
Nur ein Punkt unter vielen war der langsame Verlust unserer Wirtschaftlichkeit:
Die laufende Reduktion unserer Arbeitszeit (35-Stundenwoche, verlängerte Urlaube
und Sonderurlaube…) haben wir genauso genossen, wie die Lohnerhöhungen, die
immer über der Inflationsrate liegen mussten. Auch dadurch sind unsere Produktionskosten nicht nur gestiegen, sie sind explodiert. Jetzt bemerken wir, dass wir international nicht einmal annähernd wettbewerbsfähig sind. Aus dem
Topf kommen wir so leicht nicht wieder raus. Da braucht es schon eine
Katastrophe.
· Zu viel
Transpiration, zu wenig Inspiration
Der Stolz von uns Österreichern und noch mehr von den Deutschen waren Fleiß und
Einsatzbereitschaft. Einige Jahrzehnte prägte das Bild eines erfolgreichen
Menschen seine wöchentliche Arbeitszeit, die nicht unter 60 Wochenstunden
liegen durfte. Ich weiß, wovon ich rede. Auch mein Motto war: Ich liebe die
35-Stundenwoche so sehr, dass ich sie gleich zweimal pro Woche mache.
Mit diesem Einsatz waren wir erfolgreich und haben es zu einem hohen Wohlstand
gebracht. Ob er immer gescheit war, weiß ich nicht (Hinten nach sind alle
gescheit.).
Zu diesem Fleiß und Einsatz taucht bei mir folgendes Bild auf: Ein
Bauer steht in der größten Hitze auf seinem Feld, das er mit einer Haue
bearbeitet, damit die Ernte möglichst ertragreich ausfällt. Dabei richtet er
seine Augen immer auf den Boden und nie zum Himmel. Auf dem wächst ja auch kein
Unkraut. Dadurch übersieht er das aufziehende Gewitter. Es blitzt. Es donnert. Ein
Blitz erschlägt unseren fleißigen Bauern.
In unserem Eifer und Ehrgeiz (eine Kombination aus Ehre und Geiz) haben wir übersehen, auf den Himmel, in die Ferne zu sehen.
Ein überaus erfolgreicher Kunde hat mir seinen Erfolg so erklärt: „Seit ich
weniger arbeite, verdiene ich mehr.“ Jetzt hatte er Zeit für die Jagd, Zeit zum
Segeln, Zeit zum Wandern … Und dabei konnte er sich in Ruhe überlegen, ob er
die richtigen Produkte, die richtigen Kunden, die richtigen Maschinen hatte, ob er der richtige Chef war .....
Dabei fand er neue Ideen und tolle Lösungen. Im Büro zwischen vielen
Telefonaten, unentwegten Besprechungen ... blieb den Ideen kein Platz, auf den
sie hätten kommen können.
So hat unser Erfolg in den letzten Jahrzehnten wahrscheinlich zu zu wenigen
revolutionären Ideen geführt: Vielleicht haben wir zu viel von der Inspiration
der Transpiration geopfert? Heute fehlen uns die zündenden Produkte, die guten
Ideen, die wir damals hätten suchen müssen.
· Die Gesamtverantwortung
Kaum geht etwas daneben, stehen wir bereit, einen Schuldigen zu suchen.
Vielleicht sind wir dabei deswegen so schnell, damit keiner auf die Idee kommen
könnte, dass er uns die Schuld zuschiebt.
Wer ist für mehrere verlorene Spiele einer Fußballmannschaft verantwortlich? Zu
viele Niederlagen bedeuten meist einen Trainerwechsel. Gut, dass es Trainer
gibt, sonst könnte man ja gar nichts tun, um wieder besser zu werden. Letztlich
ist der gesamte Verein für die Niederlagen verantwortlich. Die sportlichen
Leiter und die Trainer aber tragen die Verantwortung für einen erfolgreichen Spielbetrieb. Sie müssen die Rahmen-bedingungen setzen, damit die Spieler ihre
Höchstleistungen erbringen können.
Wer sind die Trainer und die sportlichen Leiter des Fußballvereins „Volkswirtschaft
Österreich“? Es sind unsere Politiker und die Politiker der EU, die die
Rahmenbe-dingungen setzen. Zu „richtigen“ Fußballvereinen gibt es einen
Unterschied. Dort haben die Trainer und die technischen Leiter ihren Job einmal
gelernt. Bei Politikern ist dies eher die Ausnahme.
Die Gefahr bei schwierigen wirtschaftlichen Situationen besteht nicht nur in
falschen Entscheidungen, sondern auch in einem Aktionismus, der in der weiteren
Folge zu noch größeren Problemen führt. Aber darauf gehe ich später ein.
Mich fasziniert, dass die Wirtschaft in unserem Land trotz vieler
politischer Entscheidungen, die oft alles andere als gut waren, so toll
funktioniert hat. Meine Vorstellung der Rolle der Politik in der Wirtschaft und
meine Forderung gehen daher in folgende Richtung: Die Politik soll sich um
Rahmenbedingungen kümmern und direkte Einflüsse auf die Wirtschaft vermeiden (Schuster bleib bei deinem Leisten.). Es genügt, die Staatsausgaben in einem für die Wirtschaft leistbaren Rahmen zu
halten. Bei zu vielen Wirtschaftsmaßnahmen ist es wie in der Medizin: Zu
viele Therapien und zu viele Pillen richten einen größeren Schaden an als die
Krankheit selbst.
Fortsetzung folgt
Leonding, Juli 2026 Alois
Markschläger
[1] 1990 hat Peter M. Senge sein Buch „The Fifth
Discipline. The Art and practice of learning organization” (Die fünfte
Disziplin, Die lernende Organisation) veröffentlicht. Darin beschreibt er,
warum ein Unternehmen gefährdet werden kann und wie es sich wieder entwickeln
kann. Teilweise greife ich in meinen Ausführungen auf die Ideen von Senge
zurück. Das Buch sollte für Unternehmer und Politiker Pflichtlektüre sein.
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