Ich spiele ein Leben lang Fußball. Auch mit 74 ist es noch reizvoll. Dabei finde ich zwischen Fußball und dem „richtigen“ Leben immer wieder Parallelen. Ein paar Beispiele sollen dir zeigen, was ich meine.
Fußball kann man auf zwei
Arten spielen: Als Spiel mit oder um den Ball, Wettkampf oder nur Spaß. Fußball
ohne Kampf ist die Ausnahme. Aber es passiert und macht Spaß. Es ist ein Teil jedes
Aufwärmprogramms vor einem Match: Der Ball wird einander zugespielt oder wird
in den eigenen Reihen gehalten. Einen Gegner, der besiegt werden muss, gibt es
nicht. Im Normalfall denken wir bei Fußball aber an ein Spiel mit einem Kampf um den Ball
und um Tore. Wir wollen andere besiegen.
Wie schaut dieser
Kampf oder der Nicht-Kampf im Leben aus? Für Naturvölker sind Spiele, bei denen
jemand verlieren kann, als Spiele unvorstellbar (Vgl. dazu M. Morgan, Traumfänger,
Die Reise einer Frau in die Welt der Aborigines, Goldmann, München 1995 sowie
Bettina Ludwig, Unserer Zukunft auf der Spur, Wer wir waren, wer wir sind und
wer wir sein können, K&S, 2022). Ähnlich hat dies meine Großmutter beurteilt:
Als sie vor mehr als 50 Jahren ihr erstes Fußballspiel im Fernsehen erlebte
(Sie hatte von Fußball bis dahin kaum etwas mitbekommen.), fragte sie mich
unter dem Eindruck der Zweikämpfe leicht erregt: „Warum geben sie ihnen nicht
einen zweiten Ball?“
Spielen wir im Leben gegeneinander oder miteinander? In vielen Lebensbereichen gibt es ein harmonisches Miteinander. Ich denke dabei an viele Familien, an verschiedene Freundeskreise, an Kirchen, an Vereine etc. Hier spielt man (meist) einander den Ball zu und muss nicht um ihn kämpfen. In der Wirtschaft, in der Politik, im Wettbewerb mit anderen Staaten und Nationen bevorzugen wir Spiele um den Sieg, in denen der Gegner kaum geschont, bekämpft oder sogar vernichtet werden soll. So brutal ist Fußball nicht: Siegen ja, vernichten nein.
Außerdem unterscheiden sich die Wettkämpfe am Fußballplatz von denen in der Politik, in der Wirtschaft etc. durch das Verhalten nach dem Match: Auf dem Fußballplatz begegnen sich die beiden Mannschaften weitgehend freundschaftlich (Manchmal gibt es noch gehässige Restgefühle.), gratulieren und verabschieden sich mit Shake hands. Das ist nach den Kämpfen in der Gesellschaft, in der Wirtschaft, in der Politik etc. kaum bemerkbar. Diesen gegenseitigen Respekt und diese Fairness kann uns der Fußball lehren.
Das Verhalten am Platz wird durch Regeln gesteuert. Solche Regeln in Form von Gesetzen hat auch die Gesellschaft. Sogar für Kriege gibt es Verhaltensregeln. Im Spiel und im Kampf werden diese Regeln laufend gebrochen. Ein Regelverstoß wird sowohl im Fußball als auch in einer funktionierenden Gesellschaft geahndet. Damit werden die Mitspieler geschützt. Schiedsrichter bzw. die Polizei und Gerichte sollen die Einhaltung der Regeln gewährleisten.
Viele Fußballspiele laufen auch ohne Schiedsrichter fair und geordnet ab. Seit Jahrzehnten spiele ich bei Hobbymannschaften. Einen Schiedsrichter benötigen wir nie. Fairness muss nicht überwacht werden, sondern sie wird gelebt. Auch bei uns sind Fouls und Unsportlichkeiten nicht auszuschließen. Die Grundeinstellung zum Spiel und zu den Gegnern reicht. Strafstoß und gleichzeitige Entschuldigung beim Gegner sind selbstverständlich. Diese Qualität des Wettbewerbsverhaltens ist optimal: Jeder will gewinnen, aber nur unter Einhaltung der Sportlichkeit. Diese ist wichtiger. Unsere täglichen Wettbewerbe in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik würden mit einer solchen Fairness sogar unterhaltsam und Kriege wären undenkbar. Leider geht die Entwicklung im Profifußball in die entgegengesetzte Richtung: Hohe Geldsummen prägen den Sport, womit eine Entwicklung zu „Kriegen“ auch im Fußball nicht ausgeschlossen werden kann. Wie würden die Aborigines oder andere Naturvölker dieses „Spiel“ beurteilen?
Schiedsrichter sind ein schwieriges Kapitel im Sport. In Sekundenbruchteilen müssen sie entscheiden und sind dabei oft überfordert. Bei Spitzenspielen werden sie heute deshalb durch die sogenannten VAR (Videoschiedsrichter, Video Assistent Referee) unterstützt. Die Gefahr, eine der beiden Mannschaften zu bevor- und damit die andere zu benachteiligen, entsteht teilweise unbewusst (Unvermögen, Sympathie für eine Mannschaft, Druck des Heimpublikums bis zur Angst vor dem Publikum ec.). Aber auch kriminelle Handlungen wie Bestechung etc. sind nicht ausgeschlossen. Hier unterscheiden sich die Spiele und die Kämpfe in der Gesellschaft kaum vom Fußball: Einseitigkeit und Bestechungen sind auch bei den (Schieds)-Richtern in der Gesellschaft nicht auszuschließen.
Eine Fußballelf besteht, wie der Name schon sagt, aus elf Spielern. Die Qualität des Teams wird im Wesentlichen von drei Faktoren bestimmt: von der Qualität der Einzelspieler, von der Führungsqualität der Trainer und von der Qualität der Mannschaft. Die Qualität einer Mannschaft entwickelt sich durch das lange Zusammenspiel. Faszinierend dabei ist, dass auch Mannschaften mit nur wenigen überragenden Einzelspielern oft stärker sind als solche mit einem Starensemble. Ein Beispiel dafür ist Paris Saint-Germain, die trotz einer unvorstellbaren Qualität einzelner Spieler noch nie die Champions League gewinnen konnten. Ähnliches konnte ich bei meinen Beratungskunden feststellen: Die Qualität des Teams und des Zusammenspiels entscheidet über den Erfolg eines Unternehmens (Verkaufsmannschaft, Belegschaft in der Produktion etc.) und die Teamqualität wird vor allem durch die Führungsqualität bestimmt. Meines Erachtens ist der Leistungsabfall von Bayern München im letzten halben Jahr vor allem durch den Wechsel in der Vereinsführung verursacht (Der Fisch fängt am Kopf zu stinken an.).
Sowohl in der Wirtschaft als auch in einer Fußballmannschaft ist das Qualitätsniveau innerhalb des Teams entscheidend. Die Qualität der einzelnen Spieler muss sich auf einem annähernd gleichen Niveau bewegen. Es macht keinen Spaß, einem Mitspieler den Ball zuzuspielen, wenn ich weiß, dass der damit wahrscheinlich überfordert ist. Es macht für beide keinen Spaß. So ist es auch in der Wirtschaft: Der Spaß am Verkaufen (am Spiel) vergeht, wenn der Verkäufer laufend erlebt, wie seine Aufträge in der Produktion schlecht abgearbeitet werden. Ein ausgewogenes Leistungsniveau stärkt den Zusammenhalt.
Nicht immer sind der Ball, der Rasen, das Wetter, die Lichtverhältnisse etc. optimal. Die Bedingungen sind aber für alle 22 Spieler dieselben. Nicht wenige Spieler begründen ihr Versagen und ihre Niederlage mit diesen widrigen Umständen. Das geht sogar so weit, dass widrige Umstände begrüßt werden. Damit gibt es bereits vor dem Spiel eine Rechtfertigung für die eigene Leistung. Auch in der Wirtschaft und hier vor allem im Verkauf habe ich solcher Spieler erlebt. Die Ursachen für den fehlenden Verkaufserfolg waren die zu hohen Preise, schlechte Verkaufsunterlagen, mangelnde Qualität, eine zu geringe Werbeunterstützung…. Mit diesem „Verkaufen nach innen“ wurde die eigene Verkaufsqualität nicht weiter hinterfragt.
Beim Fußball durfte ich viele Emotionen kennen lernen: Freude, Wut, Ängste, stille Freude, Ekstase, Scham, Sorgen usw. Viele davon habe ich in der Wirtschaft selbst erlebt oder beobachtet. Der Unterschied zwischen dem Spiel und dem Leben? Beim Fußball vergeht die Emotion meist sehr schnell, im „richtigen“ Leben dauert die Verarbeitung länger. Vielleicht sollten wir unser Gefühlsleben eher dem Fußball anpassen?
Ich wünsche Dir, falls du Fußball spielst, viele positive Emotionen und unabhängig von deinen sportlichen Aktivitäten ein emotional überwiegend positiv erlebtes Leben.
August
2023
Alois Markschläger
Sehr interessant und viele gute vergleiche! Danke alois 👍
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