Gendern: Nein danke, heute nicht!

Über mehr als 100 Jahre dauert der Kampf um die Gleichstellung der Frau in unserer Gesellschaft, ohne wirklich in allen Lebensbereichen endgültig vollzogen zu sein: Es gibt noch immer viel zu tun. Zu stark und zu selbstverständlich war die Vorherrschaft der Männer in den letzten Jahrtausenden. Inzwischen versucht der Gesetzgeber durch das sogenannte Gender Mainstreaming eine Verwirklichung der tatsächlichen Gleichstellung zu erreichen bzw. zu beschleunigen. Die Basis dafür ist der Artikel 7 Abs. 2 unserer Bundesverfassung mit dem Bekenntnis zu „Maßnahmen zur Förderung der faktischen Gleichstellung von Frauen und Männern“. 

Eine dieser Maßnahmen ist die Anpassung unserer Sprache. Nachdem eine Sprache das Ergebnis einer Kultur ist und diese Kultur in der Vergangenheit alles andere als geschlechtsneutral war, haben wir keine passende Formulierung für diese Gleichstellung. Eselsbrücken und sprachliche Grausamkeiten gleichen dies aus. Da gibt es Konstruktionen wie „…*innen“, „…:innen“, „…Innen“ usw. Aber sogar diese furchtbaren Notlösungen haben ihre Grenzen. Wie übersetzen wir den „Feuerwehrmann“ und die „Krankenschwester“? „Feuerwehrleute“ kann ich mir vorstellen. Aber „Krankenleute“ könnte schon zu Verwirrungen (kranke Leute etc.) führen.

Meines Erachtens besteht durch dieses Gendern um jeden Preis die Gefahr, genau das Gegenteil des gewünschten Effektes zu erzielen. Bei den Gegnern der Gleichstellung, die es leider noch immer gibt, steigt deren Ablehnung der Gleichstellung bei jeder Gender-Formulierung, da sie ihre Angst vor dem Verlust ihrer Vorherrschaft erhöht. Und die verbissenen Kämpferinnen für die Gleichstellung – früher als „Emanzen“ gescholten – werden in ihrem Kampf an ihre Verbissenheit erinnert. Damit entfernen sich die beiden „Lager“ immer stärker voneinander und beide, die „letzten Männer“ und die „starken Frauen“, verlieren.

Ich bin davon überzeugt, dass sich die Sprache der Kultur und der Denkweise eines Volkes anpasst und nicht umgekehrt.  Künstliche Sprachkonstruktionen werden daher unser Verhalten nur geringfügig beeinflussen. Sobald die Gleichstellung in unseren Köpfen und in unserem Verhalten ihren Platz gefunden hat, werden wir auch den richtigen Ausdruck dafür gefunden haben.

Ich wehre mich also gegen ein befohlenes Gendern aus den erwähnten Gründen: Es erweitert die Kluft zwischen Frauen und Männern, anstatt sie zu schließen, und die Sprache erzielt kein Verhalten, sondern ist deren Ergebnis. Mein dritter – und für mich entscheidender - Grund für die Ablehnung des Missbrauchs unserer Sprache liegt in unserer Herkunft: Unabhängig von geschlechtlichen Ausprägungen – Mann oder Frau oder Kombination daraus – stammt ein jeder und eine jede von uns von einem Mann und von einer Frau ab. Andere Konstruktionen sind auch der Wissenschaft bisher noch nicht gelungen. Dabei sind bei manchen die männlichen, bei anderen die weiblichen Merkmale dominant, und bei Dritten wechselt vielleicht die Dominanz.

In jedem von uns steckt also gleich viel „Herr“ wie „Frau“. Wie sollen wir daher angesprochen werden? Sollen wir beleidigt reagieren, wenn die falsche Hälfte in uns angesprochen wird? Gibt es diese falsche Hälfte überhaupt? Wird unter diesem Aspekt das Gendern nicht eine Sprache wider die Natur? Ist es nicht viel sinnvoller, statt weiterer Grabenkämpfe, obwohl diese in den letzten beiden Jahrhunderten Bedeutendes erreicht haben, das Gemeinsame zu suchen?

Mit dem Finden des Mannes in der Frau und der Frau im Mann könnten wird zu völlig neuen Ansichten und Einsichten gelangen, die einer Gleichstellung viel mehr helfen als ein stures Beharren auf verbalen Formulierungen. Außerdem verzichten wir, indem wir nur ein Geschlecht in uns leben, auf unsere zweite Hälfte. Erst mit der zweiten Hälfte werden wir vollständige Menschen. Dies ist keine Forderung nach „Unisex-Menschen“. Jede und jeder soll Frau oder Mann bleiben, aber auch das andere Geschlecht in ihm, in ihr bewusst erleben und leben. Idiotische Formulierungen, was „ein Mann tut“ oder was „Mädchen nicht tun“, gehörten damit der Vergangenheit an. Wenn uns dies gelingt, können wir alle Menschen sein, Menschen mit einem Bekenntnis zu Mann und Frau, vollständig als Mann und Frau.

Die Gesellschaft hat versucht, uns die gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Frauen oder Männern als unnatürlich, als wider die Natur, einzureden. Mit dem Bewusstsein unserer angeborenen „Zweigeschlechtlichkeit“ bin ich davon überzeugt, dass es gar keine gleichgeschlechtliche Liebe gibt. Vielmehr sucht die Frau im Mann und der Mann in der Frau die Ergänzung ihrer Liebe. Die Ergänzung ist wieder eine Frau oder ein Mann in einer Frau oder in einem Mann. Vielleicht etwas kompliziert, aber das Leben ist nicht nur einfach. Es lieben sich also immer ein Mann und eine Frau. Vielleicht ist eine gleichgeschlechtliche Liebe, falls es sie geben sollte, wirklich wider die Natur. Schon oft habe ich erlebt, dass die Qualität der Beziehungen sowohl von Frauen als auch von Männern zu homosexuellen Männern, auch ohne sexuellen Kontakt, eine ganz besondere ist. Offensichtlich leben diese Männer nicht nur den Mann, sondern auch die Frau in sich.

Ich wünsche dir, wenn du eine Frau bist, dass du den Mann in dir entdeckst, und wenn du ein Mann bist, die Frau in dir findest. Gib jedem Teil seinen Platz und du wirst ein wunderbarer Mensch.

 

Leonding, 21.08.2023                                                            Alois Markschläger

2 Kommentare:

  1. Danke, Alois, Du sprichst einer Frau aus der Seele. Es ist doch so, dass auch Menschen, die sogenannte heterosexuelle Beziehungen pflegen, potentielle Partner zu männlich oder zu weiblich sind. Das Yin und Yang, das wir in uns selbst finden können, findet sich auch in den Beziehungen, die wir pflegen.
    Wenn wir uns offen mit der Vielschichtigkeit von Persönlichkeiten beschäftigen und lernen unsere Individualität zu akzeptieren und vor allem anzuerkennen, wird auch die Sprache von Missverständnissen befreit. Ich bin ohne Binnen-I, ja sogar ohne Political Correctness (was ja ein Widerspruch in sich selbst ist), aufgewachsen und halte es für überzeichnet und falsch mit Methoden wie diesen den “bösen”Männern eine “Retourkutsche” zu erteilen. Das macht sogar den Mann in mir stinkesauer😉, wie soll es da einem “echten” Mann gehen, wenn er nun für alle Fehler der Vergangenheit zur Rechenschaft gezogen wird. Ich will auch keine Quotenfrau sein, da ich dann selbst an meiner Kompetenz zweifeln müsste.
    Lernen wir uns selbst zu lieben, dann brauchen wir uns vor dem Anderen nicht fürchten, und vor allem haben wir dann keinen Grund mehr unsere Sprache sinnlos zu vergewaltigen. Eine gerechte Entlohnung für gleiche Leistung z.B. wäre da ein schöner neutraler Ansatz, um ein Gefüge zu schaffen, das einer ganzen Gesellschaft zugute kommt. Tut auch nicht weh!

    Susi,
    Eine Frau, die die Frau in sich selbst und den Mann in den Männern liebt…
    …fast “normal”, aber das ist eine andere Diskussion, die es so heute nicht mehr geben dürfte und beweist, dass wir Frauen dieselben Fehler machen können, wie Männer😉

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  2. Schön geschrieben. Etwas zum Nachdenken.

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