Die Zeugnisse sind verteilt. Manche Wunden, die sie geschlagen haben, heilen oder das großartige Halleluja ist schon am Abklingen.
Ich schaue mir die Zeugnisse meiner Enkelkinder an. Da eröffnen sich Fragen: Wo ist die Note dafür, dass sie immer „Bitte“ sagen, wenn sie etwas wollen und „Danke“, wenn sie etwas bekommen? Wo ist die Note dafür, dass die Enkelin vor einigen Wochen ihre erste schwarze Piste, und für meinen Enkel, der erstmals die Königstour mit fast 8.000 Höhenmeter gefahren sind? Wo ist die Note für eine äußerst liebevolle Zeichnung über die Liebe zum Valentinstag? Wo ist die Note für die begeisternde Geschicklichkeit beim Legobauen? Wo ist die Note für .... ?
Dann sehe ich es. Es steht ganz oben. Das
ist ja nur ein Schulzeugnis (Offiziell heißt es Schulnachricht.), es ist ja kein Lebenszeugnis. Es beurteilt die
Leistungen in Schulfächern, nicht in Lebensfächern. Damit auch
übereifrige Eltern das Zeugnis richtig einschätzen, sollte ganz oben in großer
fetter Schrift stehen:
„Vorsicht! Dies ist nur ein Schulzeugnis! Es berechtigt nicht zum Urteil über den hier beurteilten Menschen. Es berechtigt schon gar nicht, diesem Kind wegen dieser Beurteilung Deine Liebe zu entziehen.“
Leider wird der Wert eines Kindes manchmal auch mit seinen Schulleistungen verknüpft. Was aber sagt ein Zeugnis wirklich aus? Es sagt aus, wie ein Lehrer das Ausmaß beurteilt, mit dem ein Schüler[1] das geforderte Wissen und Können erfüllt hat. Nicht berücksichtigt ist, ob der Schüler für die geforderte Leistung schon reif war, was in der Familie des Schülers gelaufen ist, ob die Lehrer ausreichend qualifiziert sind (Manche vertreten die Ansicht, dass die Summe der Zeugnisse einer Klasse eigentlich das Zeugnis für den Lehrer ist. Manchen Lehrern ist dieser Druck auch bewusst und viele leiden darunter.), wo die Gaben der Schüler, wo ihre Begabungen, liegen, …….. Zu viele Faktoren (Familie, Mitschüler, Geschwister, sonstige Interessen, persönliche Entwicklungen …), die das Lehrpersonal oft nicht einmal kennt, beeinflussen den schulischen Erfolg. Aus Zeugnissen Rückschlüsse auf die Person oder ihre Fähigkeiten zu schließen, ist daher schwierig und man sollte sehr, sehr vorsichtig dabei vorgehen.
Unsere Grundschulen und manche höhere Schulen haben den Vorteil und
gleichzeitig den Nachteil, ein breites Grundwissen vermitteln zu müssen. Damit
können wir unsere Talente und unsere versteckten Fähigkeiten vermuten. Es kann
aber auch sein, dass es dem Lehrpersonal nicht geglückt ist, unsere versteckten
Talente auszugraben. Das System kann man in vielen Punkten kritisieren und
verbessern. Wir sollten es weder über- noch unterschätzen.
An meinem
eigenen Beispiel versuche ich, seine Wertigkeit darzustellen: Nach
durchschnittlichen Zeugnissen in der Volks- und in der ersten Klasse
Hauptschule besuchte ich ein Gymnasium (1960 gab es etwas weniger Gymnasiasten als
es heute Studenten gibt.). In der Unterstufe war ich meist Klassenbester (Ein
Zeugnis mit nur „sehr gut“ habe ich trotzdem nie geschafft.). In der Oberstufe
entdeckte und erlag ich den Reizen außerhalb der Schule (Nicht in der Schule,
sondern im Leben lernen wir.). Ich schaffte alle acht Klassen ohne Wiederholungsprüfungen,
die Matura beim ersten Versuch, aber das Maturazeugnis habe ich – Gott sei Dank
– nur selten herzeigen müssen. Aber die Schulausbildung reichte, reichte vor
allem mir. Und sie reicht mir noch heute. Im Studium fand ich wieder zum
Lerneifer der Unterstufe zurück. Für meinen beruflichen Werdegang, den ich als erfolgreich
einschätze, war meine Schulausbildung hilfreich, aber nicht alleinentscheidend.
Und ich halte das Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“
völlig falsch und es ist nur eine Ausrede für Eltern, die ihre Kinder zum
Lernen anhalten wollen und denen nichts Gescheiteres einfällt.
Die Bedeutung eines Zeugnisses für den beruflichen Erfolg zeigte mir folgende Episode bei einem Kunden, einem sehr erfolgreichen Unternehmer. Dieser telefonierte am Tag der Zeugnisverteilung mit seinem Sohn, der ihm offensichtlich Zeugnisnoten vorlas. Die Kommentare des Vaters reichten von „Hmm“, „Ach so“ bis „das kann doch nicht“ und „du bist ein fauler Sack“. Als ihm der Sohn zum Abschluss des Telefonats erklärte, dass dies nicht seine Noten, sondern die Noten aus einem Zeugnis des Vaters waren, war die Lehrstunde zur Bedeutung von Zeugnissen für den Vater abgeschlossen. Ein Tipp am Rande: Wenn du mit dem Zeugnis deines Kindes nicht zufrieden bist, schau dir deine eigenen wieder einmal an.
Woher kommt aber der Leistungsdruck, den
viele Eltern ihren Kindern auferlegen? Warum legen sie die Latte für den
schulischen Erfolg so hoch? Meine Generation (Ich werde in wenigen Wochen 75.) ist unter dem Motto aufgewachsen,
„damit Ihr es einmal besser habt“. Der Schulerfolg war früher oft eine Basis
für bessere Berufschancen. Für manche Berufe waren schulische Erfolge (Matura,
Studium etc.) eine Voraussetzung. Ein hoher Einsatz in der Schule machte sich
teilweise im Berufsleben bezahlt, sichtbar auch am Lohnstreifen. Dies hat sich
verändert, verschwunden ist es noch immer nicht.
Teilweise beruht aber der Leistungsdruck durch die Eltern auch auf deren versteckter Angst, dass die Umwelt, die Freunde, die Bekannten usw., von den Zeugnissen der Kinder auf die Qualität der Eltern schließen könnten (Erziehungsfehler, vererbte zu niedrige Intelligenz …)? Vielleicht ist es aber auch der Wunsch, mit herausragenden Zeugnissen ihrer Kinder selbst eine höhere Anerkennung zu erhalten. Kindesmissbrauch?
Gerade zu Zeugniszeiten stelle ich mir immer wieder die Frage nach dem Wert, der Richtigkeit und der Sinnhaftigkeit nicht nur von Zeugnissen, sondern unseres Schulsystems generell. Die Breite des Angebots der verschiedenen Fächer ist so groß, dass es nur Wenige geben kann, die alle diese Anforderungen exzellent erfüllen können. Wir alle wünschen uns Kinder, die gleichzeitig phantasievolle Deutschaufsätze aus dem Ärmel zaubern, logische mathematische Formeln nicht nur kennen, sondern auch verstehen, sich mehrsprachig unterhalten können, deren Zeichnungen bereits in Ausstellungen gezeigt werden könnten, die beim Singen noch physikalische und chemische Grundregeln inhalieren und die nebenbei noch Geschichte und Geographie beherrschen. Solche Kinder mag es vielleicht geben. Aber Wunderkinder sind selten. Unter diesem Aspekt ist ein „befriedigend“ schon befriedigend, ein „genügend“ genügt und ein „nicht genügend“ ist kein Weltuntergang, sondern vielleicht ein nützlicher Wegweiser für das weitere Leben.
Vielleicht sehen manche Eltern Schulnachrichten als Lebensnachrichten, womit die Schule für die Lebensausbildung verantwortlich wird. In Gesprächen mit Unterrichtenden höre ich immer öfter einen Vorwurf an die Eltern, an Eltern, die die Gesamtverantwortung für ihre Kinder gerne abgeben möchten. Dies kann und soll die Schule nicht übernehmen. Dafür ist ein anderes Haus, das Elternhaus verantwortlich. Möglicherweise ist dieses Haus auch für einige Noten zuständig, gute und schlechte. Einfach zum Nachdenken für die Eltern.
Sind wir dankbar, dass wir ein halbwegs
funktionierendes Schulsystem haben, freuen wir uns, wenn unsere Kinder neben
der Schule auch noch andere Interessen haben und beachten wir, dass Zeugnisse nur
Schulzeugnisse, nicht mehr, aber (leider) auch nicht weniger sind.
Februar 2024 Alois Markschläger
[1] Aus verschiedenen Gründen wehre ich mich dagegen zu gendern. Wenn
ich „Schüler“ schreibe, mache ich das aus Vereinfachungsgründen. Mit Schülern
sind alle Menschen gemeint, die eine Schule besuchen.
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