Viele Fäden – ein Seil (Gedankensplitter zum und rund um das Seil)

Ein Seil besteht aus vielen Fäden. In mir gibt es ein Bild, in dem ich mit einem Seil, mit meinem Lebensseil, verbunden bin. Auch das ist aus vielen Fäden geflochten. Die Mitte eines Seils nennt man Seele. Das passt zum Lebensseil.

Bei meiner Geburt bekomme ich ein Ende dieses Seils. Das zweite erreiche ich an meinem Lebensende. Schon mit der Geburt ist das Seil kürzer geworden und es verkürzt sich mit jedem weiteren Tag. Ich gehe am Seil entlang und halte mich an.  Bin ich an dieses Seil gebunden oder kann ich in jede Richtung gehen? Führt mich das Seil oder halte ich das Seil zu meinem Schutz? Bestimmt das Seil oder bestimme ich, ob ich bergauf, in der Ebene oder bergab gehe? Wer entscheidet die eingeschlagene Himmelsrichtung? Wer entscheidet die Geschwindigkeit? Bin ich frei und kann ich mich trotz dieses Seils in jede Richtung bewegen oder bestimmt das Seil meinen gesamten Lebensweg? Was ist vorbestimmt in meinem Leben und was kann ich - und nur ich - selbst entscheiden?
Das Seil und ich sind so miteinander verwachsen, dass wir schon eins sind.

Oft habe ich das Gefühl, dass ich die Verbindung zum Seil verliere, dass ich nicht mehr durch das Seil gesichert bin, dass ich aus Erschöpfung, Überheblichkeit, Nachlässigkeit oder Übermut das Seil losgelassen habe. Dabei ist der Halt am Seil so wichtig, so lebenswichtig. Wenn ich im Nebel meines Lebens unterwegs bin, kann ich mich daran festhalten. In meinem Seil befinden sich auch die Fäden Zuversicht, Entschlossenheit, Erziehung, Glaube, Glück … Durch sie habe ich den Weg nicht verloren.

Wer bestimmt eigentlich die Länge meines Seils? Ein wenig kann ich dabei mitwirken, der letzte, der entscheidende Einfluss fehlt. Ich weiß nicht, wann das Seil aus ist. Im Alter bemerke ich, dass das Seil dünner wird, dass schon einige Fäden gerissen sind. Ich weiß nicht, wie lange es noch hält.

Unsere Seile liegen offen und sind vielfach gefährdet. So kann unser Seil durch Menschen, durch Katastrophen, durch uns selbst willkürlich beschädigt und sogar gekürzt werden. Andere können sich an meinem Seil festhalten oder mich vom Seil losreißen wollen. Wir müssen schon sehr gut Acht geben auf uns und auf unser Seil.

Auch wenn wir es kaum verstehen können, so hat doch ein jeder das Recht, sein Seil selbst abzuschneiden, wenn er daran keinen Halt mehr findet.

Wer hat eigentlich mein Seil geflochten? Wer war der Seiler meines Seils? Woher stammen die vielen unterschiedlichen Fäden? War es Zufall oder ist die Kombination der Fäden gewollt und konstruiert ….? Wurde mein Seil genau für mich geflochten oder habe ich zufällig irgendeines bekommen? Jeder von uns glaubt, ein ganz besonderes Seil zu haben. Haben wir uns einen Glauben gebastelt, weil wir auf die Frage nach der Herkunft des Seils keine passende Antwort haben? Oder ist unser Glaube die richtige Antwort? – Einfach zum Nachdenken.

Was passiert eigentlich, wenn mein Seil aus ist? Wo komme ich dann an? Ist das das endgültige Ende oder geht es auch ohne Seil weiter? Habe ich mich vom Anfang zum Ende des Seils gearbeitet oder bewege ich mich vom Ende zum Anfang? Vielleicht erhalte ich am Ende ein anderes, ein neues Seil? Vielleicht löse ich mich auf? Vielleicht ist mein Seil endlos wie das einer Seilbahn und ich komme am Ende wieder zum Anfang zurück. Viele Religionen glauben an eine Wiedergeburt. Das Bild des Seilbahnseils entspricht einer Wiedergeburt. – Einfach zum Nachdenken.

Das Seil hat für mich nicht nur als Lebensseil eine Bedeutung. In vielen Situationen verwenden wir die Symbolik eines Seils:

Seile können gefährlich sein. An einem Seil kann man sich nicht nur anhalten, man kann sich an ihm auch aufhängen.

Verführer und Betrüger verstehen es, einen dünnen Faden als starkes Seil zu verkaufen. Das merken wir erst, wenn wir uns daran klammern wollen. Ein Sturz ist unvermeidlich. Diese Stürze schmerzen mehr als alle anderen. Wir haben mit der Rettung und nicht mit dem Sturz gerechnet. Nicht das Seil, die Betrüger haben uns zu Fall gebracht.

Die Hoffnung ist für viele ein dickes Seil, an das sie sich klammern. Doch im Alter wird sichtbar, dass sich schon viele Fäden verabschiedet haben und dass nur noch ein dünner Faden geblieben ist.

Ein beschädigter Faden macht ein Seil noch nicht unsicher. Aber grobe Fehler gleichen einem dicken Seil, das aus einer Vielzahl fehlerhafter Fäden geflochten ist. So schlittert ein Unternehmen kaum wegen eines Fehlers in den Ruin. Es ist die Vielzahl von Fehlern, die Vielzahl fehlerhafter Fäden, die keinen Halt mehr geben.

Wollen wir nach oben, brauchen wir dort, wo es richtig steil wird, ein Seil. Damit können wir klettern. So faszinierend es ist, in schwindelnde Höhen zu steigen, so gefährlich ist es. Das Härteste beim Klettern ist der Boden. Dann hat uns das Seil oder eher wir das Seil verlassen.

So wie es mit dem Seil aufwärts gehen kann, so brauchen wir an steilen Stellen wieder das Seil, um hinunter zu kommen. Wir seilen uns ab und kommen gut unten an.

Abseilen ist dann verpönt, wenn einer eine Gruppe auf dem Weg nach oben zu einem Gipfel im Stich lässt und sich heimlich, still und leise nach unten verdrückt - wenn er sich abseilt. Die Ursachen für einen solchen Ausstieg können Feigheit, Bequemlichkeit, Erschöpfung aber auch Klugheit sein (Die Dümmsten sind oft die Mutigsten.).

Es gibt gefährliche Wege. Diese alleine zu gehen, ist nicht ratsam. Seilschaften – mehrere Personen sind durch ein Seil miteinander verbunden – sind sinnvoll und werden gebildet. Sie erhöhen die Sicherheit für den einzelnen. Dabei sind Freundschaften und die Familie meist sehr enge und reißfeste Seilschaften und halten ein Leben lang. Seilschaften sind die Verbindungen der Lebensleinen ihrer Mitglieder, wenn sie einen gemeinsamen Weg gehen wollen. Sie sind Hilfe und Einschränkung zugleich. Für den gemeinsamen Erfolg muss jeder etwas von seiner Freiheit aufgeben.

Bei einer Seilschaft ist das Seil vor allem eine Hilfe und erst danach eine Fessel. An diesem Seil kann man angebunden oder angehängt sein oder man hält sich nur daran fest. Sicherheit und Freiheit bestimmen das Wechselspiel in der Seilschaft.

Bei einer Seilschaft sollten die Starken vorne gehen: Ein Seil kann man nur ziehen, man kann es nicht schieben. Und manchmal braucht der Hintermann die Hilfe des Vorderen.

Den ganz Übermütigen oder Übermutigen reicht es nicht, entlang eines Seiles zu gehen. Sie gehen auf, sie tanzen auf dem Seil. Sie sind Seiltänzer. Seiltänzer sind Grenzgänger, die die Spannungen zwischen Angst und Mut, zwischen Stress und Konzentration, zwischen Gedanken und Gefühlen, zwischen Himmel und Erde brauchen und mit ihrer Balance ausgleichen wollen. Irgendwie ist ein jeder von uns ein Seiltänzer, da das gesamte Leben oft einem Balanceakt zwischen vielen Dingen gleicht. Oben bleiben ist wichtig. Runterfallen kann tödlich sein.

Wenn nichts mehr geht, kann ein Abschlepp- oder ein Rettungsseil helfen. Diese können sogar lebensrettende Hilfe bringen.

Aber auch vor Missbrauch ist ein Seil nicht gefeit. Mit ihm kann man jemand fesseln oder anbinden. Das Seil ist weder gut noch schlecht. Der Mensch entscheidet, wie er es verwendet.

Es muss nicht immer ein Seil sein:

Der zarte Faden der Liebe verbindet, bindet ein.
Das grobe Seil der Eifersucht engt ein und schneidet ein (Monika Kühn-Görg).

 

März 2024                                                                                           Alois Markschläger

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Kopflos oder mit diesem Kopf durch die Wand

Wer oder was bestimmt unser Handeln: Die Vernunft, die Erfahrungen, die „guten“ Emotionen (Liebe, Dankbarkeit, Freude, Freundschaft, Lust …)...