Ganz normal – super oder doch zweifelhaft?

Wenn wir die Verteilung einer Eigenschaft in unserer Gesellschaft untersuchen (zum Beispiel: Körpergröße der österreichischen Männer), so ergibt sich in vielen Fällen eine Normalverteilung. Die schaut wie eine Glocke aus. Nach deren Entdecker, dem deutschen Mathematiker Carl Friedrich Gauß, heißt sie die gaußschen Normalverteilung oder die gaußsche Glockenkurve. 

In der Mitte ist die „große Masse“. Die in den Randbereichen weichen von der Norm, vom Durchschnitt ab. Das sind in unserem Beispiel einerseits die ganz Großen und auf der anderen Seite die ganz Kleinen. Sie sind anders als die Masse. Daher fallen sie auf, erregen Aufmerksamkeit. Sie sind die Ausnahmen und wir haben nur geringe Erfahrungen im Umgang mit ihnen. Manchen fühlen wir uns überlegen (den sehr Kleinen), oft erscheinen sie uns bedrohlich (die sehr Großen). Hie und da machen sie uns auch Angst. Wenn wir etwas nicht gewohnt sind, könnte es ja auch gefährlich sein.

Normal im Sinne einer Normalverteilung bedeutet also, in etwa so zu sein, zu scheinen, zu handeln etc. wie die Mehrheit. Die Soziologie definiert das Normale als das, was der Mehrheit entspricht, was erwartbar ist, was funktioniert, was dadurch nicht stört und daher keinen Stress bereitet.

Normal bedeutet aber nicht, dass etwas richtig, dass es gut, dass es moralisch ist … Dabei denke ich beispielsweise an das Dritte Reich, wo Vieles der Mehrheit entsprochen hat, was gerade das Gegenteil von gut war. Normal bedeutet nur, dass es der Großteil so macht oder dass es so ist, dass man so denkt etc.

Jede Gesellschaft braucht zu einem geordneten Zusammenleben Normen. Wie entstehen Normen? Einerseits gibt es natürliche, die nicht der Mensch geschaffen hat und auf die wir keinen Einfluss haben. Solche sind beispielsweise das Geschlecht, die Größe, bestimmte Körpermerkmale, die Gesundheit … Obwohl diese von der Natur vorgegeben sind, versucht auch hier der Mensch einzugreifen. Er will auch diese Normen beeinflussen. Dabei denke ich an Genmanipulationen, an die Versuche, das Geschlecht eines Kindes zu beeinflussen usw.

Eine Gesellschaft schafft aber auch ihre eigenen Normen. Diese entstehen durch soziale Gewohnheiten, durch bestimmte kulturelle Werte, durch Traditionen und Bräuche, durch Medien, durch die Religion und religiöse Vorschriften etc. sowie durch Gesetze.

Für die Einhaltung gesetzlicher Normen gibt es eigene Institutionen (Polizei, Gerichte usw.). Für die Wahrung der „unverbindlichen“ Normen sorgt die Gesellschaft selbst. Dies beginnt mit der Erziehung im Elternhaus, in der Schule und im Leben. Auch unsere Volksweisheiten sind vielfach nur die Ausformulierung gesellschaftlicher Normen.

Hält sich jemand an die Normen, erntet er Lob und Anerkennung (Ein vorbildlicher Vater! So ein braves Kind! So ein schönes Zeugnis! … ). Dies geht so weit, dass dafür sogar Wettbewerbe und Ehrungen geschaffen werden. So gibt es in vielen Regionen eine Norm, den Garten eines Einfamilienhauses zu pflegen und zu hegen. Mit Wettbewerben wie „der schönste Garten“ oder „der schönste Blumenschmuck an den Fenstern“, „die Schönheitskönigin“ usw. werden die hervorgehoben, die die Norm nicht nur erfüllen, sondern übererfüllen. Viele wollen die Norm erfüllen, um gelobt zu werden.

Verletzt jemand eine gesellschaftliche Norm, ist die Gesellschaft mit ihren Sanktionen doch recht einfallsreich. Diese reichen von einem „schiefen“ Blick bis zum Ausschluss aus der Gesellschaft. 

Aber nicht nur die Gesellschaft als anonyme Masse erstellt Normen. Jede Gruppe entwickelt eigene Normen und Wertvorstellungen. In jeder Familie, in jedem Verein, in jeder Schulklasse gibt es Normen und Regeln, an die sich die Mitglieder zu halten haben. Die Sanktionen in den Gruppen sind alles andere als zärtlich. Oft sind sie brutal. Mobbing oder der Ausschluss aus der Gruppe sind zwei der härteren Maßnahmen.

Den Druck der Gesellschaft auf die „Abweichler“ von Normen habe ich als Jugendlicher deutlich gespürt. Die 68-er Bewegung hat die Gewohnheiten und Normen der Gesellschaft nicht nur nicht übernommen, sondern offen dagegen rebelliert. Dies äußerten wir durch Kleidung, Haartracht, soziales Verhalten, Musik etc., welche von den bestehenden Normen stark abwichen. Die Sanktionen der Gesellschaft wie verbale Angriffe, Lokalverbote für bestimmte Gaststätten, die Missachtung unserer Persönlichkeiten etc. waren nicht angenehm. Für uns waren sie aber auch eine Bestätigung dafür, dass unser Protest angekommen ist. Die Maßnahmen der Gesellschaft, wir sprachen damals vom Establishment, waren so lange nicht bedrohlich, so lange wir als Schüler oder Studenten "Narrenfreiheit", einen sozialen und wirtschaftlichen Freiraum, hatten. Sobald wir ins „richtige“ Leben eintraten, die Schule oder die Uni verließen, uns einen Job, eine Wohnung etc. suchten, mussten wir rasch erkennen, dass nicht wir, sondern die breite Masse (die Glocke in der Normalverteilung) die Macht hatte. Und wir hatten uns dieser Macht zu beugen und uns anzupassen, wenn wir in dieser Gesellschaft leben wollten oder mussten. Die Gesellschaft nimmt nur die auf, die sich ihren Normen unterwerfen, die normal sind. Der Druck zwingt zur Norm. Er zwingt den einzelnen, so zu sein und zu handeln, wie die Mehrheit ist und wie sie es will. Nicht alle haben sich unterworfen. Einige von ihnen haben den Druck nicht oder nur schwer verkraftet.

Eine Gesellschaft wandelt sich und mit ihr auch ihre Normen. Dazu ein kleines Beispiel: Derzeit tragen geschätzt mindestens 70 % aller Menschen im Alltag Jeans. Jeans, die denen ähnlich sind, die wir vor 50 und 60 Jahren getragen haben. Zum Unterschied von damals, als diese Jeans Kampfanzüge im Kampf gegen das Establishment waren, sind sie heute „das“ Kleidungsstück der Masse. Sie sind „normal“ geworden. Daher habe ich beschlossen, in nächster Zeit keine Jeans mehr zu kaufen. So normal will ich (noch) nicht sein.

Dabei bedeutet, normal zu sein, eigentlich gar keine Auszeichnung. Es besagt nur, Durchschnitt in der Mitte der Masse zu sein, austauschbar zu sein. Die in den „flachen“ Teilen der obigen Kurven angesiedelt sind, sind die, die aus der Norm fallen, die die Norm nicht erfüllen oder übererfüllen. Das sind die Abnormalen, die Anormalen, die Abweichler, die Widernatürlichen, die Unnatürlichen … Das sind die, die sehr oft den „Normalen“ Angst machen. Das sind die die Andershäutigen, das sind die Ausländer, das sind die geistig oder körperlich Behinderten, das sind die Idioten….. Das sind aber auch die Genies, das sind auch die Erfolgreichen.

Nicht immer und jederzeit kannst du ohne Druck der Gesellschaft wählen, wie du leben möchtest, normal oder abnormal. Doch teilweise ist es denkbar. Du kannst das Ausmaß bestimmen, in dem du dich den gesellschaftlichen Normen, Zwängen, Vorschriften unterwirfst und unterordnest. Du kannst entscheiden, welche Hosen, welche Kleider, welche Hemden du tragen möchtest. Du kannst entscheiden, welche Meinungen du zu welchen Themen hast. Du musst dabei nicht mit der Masse laufen. Leider ist uns diese Entscheidungsfreiheit oft gar nicht mehr bewusst. Die Normen der Gesellschaft sind so selbstverständlich, dass wir kaum bemerken, wie unreflektiert wir sie bereits übernommen haben. Wir sind vom „ich“ schon zum „man“ geworden. Man denkt so, man isst so, man benimmt sich so …… Die Gesellschaft ist eine „man-Welt“.

Über die Freiheit der eigenen Entscheidung zu schreiben, ist wesentlich einfacher, als im Alltag von der Norm abzuweichen und auszuscheren. Versuche es einmal: Gehe morgen mit einer nicht normalen Kleidung (Entspricht nicht der Norm deiner Umgebung.) zur Arbeit (Freizeitkleidung oder schwarzer Anzug mit Fliege). Was das bedeutet, weiß ich: Als leitender Angestellter in einem Unternehmen mit ca. 250 Mitarbeitern ging ich auch zu Bankverhandlungen und bedeutenden Besprechungen mit schulterlangen Haaren, ohne Krawatte und teilweise mit Jeans. Das war 1975 ein richtiges „No-Go“. Die direkten und indirekten Anfeindungen deswegen waren nicht immer zart. Sie haben aber mein Selbstbewusstsein gestärkt. Aber manchmal war ich auch am Aufgeben. Inzwischen haben sich die Kleidungsvorschriften geändert. Die Norm hat sich gewandelt. So konnte ich meine Bekleidungsgewohnheiten beibehalten. Allerdings unterscheide ich mich seither nicht mehr von der Masse. Dazu müsste ich meine Kleidung ändern.

Ein Gegenteil von „normal“ ist „verrückt“. Verrückt zu sein bedeutet, zur Seite, nach vorne nach oben, nach unten … gerückt zu sein. Aus der Norm gerückt zu sein. Viele extrem Erfolgreiche sind auch Verrückte. Zwei Beispiele dazu: Der Maler und Architekt Friedensreich Hundertwasser galt zu Lebzeiten für die große Masse (die Normalen) als Verrückter. Seine Bilder und Bauten waren seiner Zeit voraus, sie waren zeitlich verrückt. Heute bewundern ihn auch die „Normalen“.

Der überwältigende Erfolg von IKEA vor mehr als fünfzig Jahren war in erster Linie durch Verrücktheit („Das verrückte Möbelhaus“ war offizieller Werbeslogan von IKEA.) begründet. IKEA machte Vieles anders als alle anderen Möbelhäuser (Naturholz statt Lackierung, Möbelteile in der Schachtel statt Tischlermontage, Du-Ansprache statt steifes „Sie“ ….). Der Erfolg war überwältigend. Er war schon etwas verrückt.

Willst du auch ausbrechen und an den Rand der Gaußschen Glockenkurve kommen? Ich wünsche es dir. Dann lebst du dein Leben und nicht das Leben, das dir die „Glocke“ vorschreibt und von dir erwartet. Das kann ein tolles Leben werden. Mit Sicherheit wird es aber kein einfaches. Die Gesellschaft wird es nicht entschuldigen, dass du nicht ihr Leben, das „normale“ Leben, lebst.

Dein gesamtes Leben abweichend von den Vorstellungen der Gesellschaft zu gestalten und zu leben, ist sehr oft zu beschwerlich. Suche dir aber zumindest einige Bereiche, die du dir nicht von der Gesellschaft gestalten lässt. Versuche, manchmal etwas verrückt zu sein. Lebe auch dein Leben. Du hast nur eines und das solltest du nicht ausschließlich der Normalität opfern.

Auf dem Weg zu deinem Leben wünsche ich dir viel Spaß und Erfolg.

 

März 2024                                                                                           Alois Markschläger

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