Dieser Satz, den der Fuchs im „Kleinen Prinzen“, einem der liebeswürdigsten und lehrreichsten Bücher des letzten Jahrhunderts, ausspricht, lässt Zweifel aufkommen, ob es mehr als fünf Sinne - Sehen Riechen, Hören, Schmecken, Tasten – gibt. Das Herz fehlt in dieser Liste. Nachdenklicher werde ich beim Weiterlesen, wenn es heißt: „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Aber der Fuchs hat Recht: Es gibt einerseits Sinnesorgane des Körpers. Wenn wir aufmerksam sind, setzen wir diese Sinne ein. Und sie sichern unser Überleben. Es gibt aber auch Sinnesorgane der Seele. Wenn wir diese einsetzen, sind wir achtsam. Mit ihnen kann unsere Seele überleben.[1] Aus dem, was unsere „körperlichen“ Sinne aufnehmen, entstehen unsere Wahrnehmungen, entsteht das, was wir wahrnehmen. Was passiert mit dem, was die Seele und das Herz aufnehmen?
Jeder von uns hat die Gabe, hat die Begabung, mit dem
Herzen, mit der Seele sehen zu können. Leider verkümmert sie bei vielen von uns. Es ist wie bei jeder
Begabung: Wird sie nicht gefördert und eingesetzt, verflüchtigt sie sich. Sie ist wie eine zarte Pflanze: Du musst sie hegen, pflegen und schützen,
damit sie wachsen kann.
Vielleicht verkümmern die Begabungen der Seele, weil für sie im täglichen Überlebenskampf zu wenig Energie und Zeit bleiben. Die vorhandene Zeit brauchen wir zum Überleben. Und dafür setzen wir unsere körperlichen Sinne ein. Die Begabungen unserer Seele kommen zu kurz. Nur selten bemerken wir unmittelbar, was uns dadurch entgeht. Was uns die Seele zeigen kann, spüren wir zum Beispiel, wenn wir die Schönheit eines Regenbogens, das Schauspiel eines Sonnenuntergangs oder ähnlich Schönes wahrnehmen. Da sieht unsere Seele, da genießt unser Herz. - Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.
Es gibt aber Menschen, bei denen die Sinne der Seele voll entwickelt sind. Einigen von ihnen gelingt es sogar, die Wahrnehmungen ihrer Seele für uns alle zu übersetzen. Solche Menschen nennen wir Künstlerinnen[2]. Sie können mit ihrem Herz und mit ihrer Seele sehen. Und sie schaffen es, das Erlebte in ihren Werken aufleben zu lassen und weiterzugeben: Der Dichter macht es dichter. Der Maler setzt es ins Bild. Beim Bildhauer bekommt es Gestalt. Der Musiker bringt es zum Klingen usw. Wenn in diese Werke auch die Seele eingepackt wird, ist es ein Kunstwerk. Wenn es „nur“ schön ist, ein Kunsthandwerk. Der Künstler kann Beides: Mit dem Herzen sehen und das Gesehene festhalten und weitergeben.
Warum haben Künstlerinnen mehr von dieser Achtsamkeit, die andere bereits verloren haben? Eine Ursache kann sein, dass sie das Überleben nicht so wichtig nehmen. Vielleicht sind die Ziele der Gesellschaft, wie Sicherheit, Reichtum, Luxus etc. für Künstlerinnen nicht so bedeutend, dass sie ausschließlich dafür leben und einen Großteil ihrer Energie dem täglichen Überleben und dem gesellschaftlichen Leben widmen. Es bleibt noch Energie für die Achtsamkeit. Die Achtsamkeit verbraucht außerdem weniger Energie, als sie zuführt. Mit der Achtsamkeit wächst die Energie. Ich denke dabei an den Zuwachs an Lebensenergie, die ein achtsamer – nicht nur aufmerksamer - Waldspaziergang vermitteln kann.
Mehr Achtsamkeit für das Wesentliche aufzubringen und weniger Aufmerksamkeit den Notwendigkeiten des täglichen Lebens zu schenken, gestaltet das tägliche Leben aber nicht immer lustig und entspannend. In Gesprächen mit einem befreundeten Künstler bemerke ich manchmal auch nachdenkliche Momente, in denen die wirtschaftlichen Folgen des Künstlerlebens (mehr Achtsamkeit und weniger Aufmerksamkeit) nicht nur nicht verherrlichend, sondern manchmal sogar bedrohlich gesehen werden. Zu einer Künstlerin gehört wahrscheinlich auch die Beharrlichkeit, sich von ihrer Art nicht abbringen zu lassen, sondern auf dem gewählten Weg zu bleiben. Wie schwierig es ist, sich selbst treu zu bleiben, bemerken viele Künstlerinnen zum Monatsbeginn, wenn nichts mehr am Konto (zumindest nicht auf der richtigen Seite) ist, und der Vermieter trotzdem die Miete einfordert.
Die Achtsamkeit der Seele und des Herzens allein machen die Künstlerin aber nicht aus. Sie braucht auch die „technischen“, die handwerklichen Fähigkeiten. Sie muss die Wahrnehmungen ihrer Seele in ihren Werken ausdrücken können. Und dazu braucht es neben Talent jeder Menge Fleiß und vielleicht auch Besessenheit. Möglicherweise reichen Talent, Fleiß und Besessenheit auch nicht. Vielleicht muss die Künstlerin selbst Teil ihres Werkes werden. So erklärt eine Köchin, die das beste Haschee der Welt zubereitet: „ … das Fleisch ist’s nicht, der Pfeffer ist’s nicht, aber wenn ich mich selbst in das Haschee hineingebe – das ist’s, was es zu dem macht, was es ist.“ (Anthony de Mello: „Wo das Glück zu finden ist“, S. 395)
Auch überragende Fähigkeiten einer Künstlerin reichen nicht, die Botschaften der Künstlerin zu erkennen, wenn der Betrachter oder Hörer eines Werks zu wenig sensibel oder zu wenig geübt sind. Dies kann am Kunstkonsumenten liegen. Dies liegt aber manchmal auch daran, dass die Zeit für manche Kunstwerke noch nicht reif ist. Viele Künstlerinnen sind ihrer Zeit voraus. Dann steht der Armut im Leben oft ein unvorstellbarer Ruhm nach dem Tode gegenüber.
Nicht selten werden Kunstwerke aber auch „überinterpretiert“. Ich denke dabei an die Auslegungen großer Werke durch „Kunstkenner“. Mein Kommentar dazu: Hätte sich Schiller bei „Das Lied von der Glocke“ so viel gedacht, wie spätere Spezialisten herausgelesen haben, hätte er allein aus zeitlichen Gründen maximal drei Gedichte in seinem Leben geschrieben.
Mit ihren Werken bereichern Künstlerinnen unser Leben, indem sie uns an ihrer Achtsamkeit teilhaben und teilnehmen lassen. Eine ihrer Aufgaben ist es, uns zu zeigen, was das Herz sehen kann. Vielleicht ist es ihre Aufgabe, unsere vorhandene Begabung, das Wesentliche zu sehen, anzuregen und zum Leben zu erwecken oder am Leben zu erhalten. Künstlerinnen können uns auf den Weg der Achtsamkeit führen und begleiten. Mehr Achtsamkeit würde das Leben bereichern, die Seele beschenken und uns zu mehr Menschlichkeit führen.
Mit einer Forderung möchte ich abschließen:
Wenn wir das Wesentliche im Leben nur mit dem Herzen sehen und dafür die
Achtsamkeit des Herzens und der Seele benötigen, dann sollten wir sofort das
Unterrichtsfach „Achtsamkeit“ als Pflichtfach in unseren Schulen einführen. Vielleicht sollte es
das Fach „Kunsterziehung“ ersetzen oder zumindest erweitern. Dazu müssten die Gesamtwochenstunden
nicht angehoben werden, da durch die künstliche Intelligenz ohnehin einige
Fächer wegfallen oder zumindest reduziert werden können. Dabei stellt sich die
Frage: Brauchen wir für das Fach „Achtsamkeit“ Lehrer oder doch eher Künstlerinnen?
[1] Vergleiche dazu meinen Blog „Aufmerksamkeit und Achtsamkeit“ vom
August 2022 (markschlaeger.blogspot.com) sowie einen Artikel in meinem Buch
„Die Weisheit kennt viele Wahrheiten“, S. 32 ff.
[2] Ich schätze Künstlerinnen gleich hoch wie Künstler, verzichte aber darauf, die deutsche Sprache durch Formulierungen wie Künstler*innen, Künstler:innen etc. zu verunstalten. Die weibliche Form verwende ich ausschließlich deshalb, um diese Gleichheit trotz der Gewohnheiten der Vergangenheit bewusst zu machen.
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