Freiheit - Gedankensplitter Teil I: Erste Erfahrungen

Zu dem Thema Freiheit habe ich meine Gedanken frei gelassen. Da sie sehr stark geflossen sind, habe ich sie etwas geordnet:

·        Teil I: Erste Erfahrungen

·        Teil II: Die Freiheit und Regeln

·        Teil III: Gesetze begrenzen unsere Freiheit

·        Teil IV: Der geheimnisvolle „man“ und die Freiheit

·        Teil V: Das Sterben von „man“ und seine Folgen

·        Teil VI: Die eigene Versklavung

Diese sechs Kapitel werde ich in den nächsten Wochen auf meinen Blog stellen.


Teil I: Erste Erfahrungen

Freiheit verbinde ich mit dem Bild von einem Heißluftballon. Ob der Ballon fährt (Heißluftballone fliegen nicht, sie fahren.) oder auf der Erde ist, hängt von einigen Faktoren ab: Von der Wärme im Ballon (dem Freiheitsdrang), ob ihn die Start- und Landeleine noch am Boden hält und von den Gewichten, die ein Aufsteigen hemmen oder verhindern. Wo ist dein Ballon der Freiheit gerade? Noch nicht angewärmt, festgehalten auf der Erde, in luftigen Höhen, in einen Sturm geraten weit über dem Boden ….?

Bei der Geburt ist unser Ballon am Boden. Das Feuer entwickelt noch zu wenig Wärme zum Aufsteigen. Noch müssen ihn kein Seil oder schwere Gewichte halten. Aber die Flamme, die ihn zum Abheben bringt, ist schon gezündet. Sie wird klein gehalten und jeder Versuch abzuheben, wird genau beobachtet und meist verhindert. Ob wir es wollen oder nicht, mit der Geburt sind wir Teil unserer Familie, unserer Gemeinde, unseres Staates geworden. In der Geburtsurkunde steht es schwarz auf weiß. Wir sind ein Teil eines Systems, ein Teil der Gesellschaft. Und diese Gesellschaft wirkt auf ihre Mitglieder. Sie beeinflusst und kontrolliert unsere Entscheidungen, unsere Freiheit. Mit der Aufnahme in die Gesellschaft haben wir einen Teil unserer Freiheit verloren. Man hat uns nicht einmal mitentscheiden lassen. Als Gegenleistung bekommen wir die Chance zu überleben. Ist ja auch nicht ganz unbedeutend. Es wurde, wie so oft noch in unserem späteren Leben, Freiheit gegen Sicherheit getauscht. Aber uns stehen ja noch viele Freiheiten in dieser Welt offen, die wir später noch nutzen können und nutzen werden. Jetzt wäre es noch zu gefährlich, allein mit unserem Ballon abzuheben. Aber schon bei unseren ersten Versuchen kommt jemand, befestigt Gewichte am Korb unseres Ballons und sichert ihn mit einer Leine: Zeiten zum Essen und zum Schlafen bestimmen wir nicht mehr alleine, keiner fragt uns, ob uns die uns verpasste Kleidung gefällt …. Schnell sind wir fremdbestimmt. Wenn das nicht unseren Vorstellungen von der Freiheit entspricht, äußern wir dies sofort und meist auch lautstark. Die Zustimmung und die Begeisterung für unseren Freiheitsdrang halten sich in überschaubaren Grenzen.

Bei der Geburt haben wir eine unvorstellbar lange „Freiheitswurst“ bekommen. Und fast gleichzeitig damit werden die ersten Scheiben abgeschnitten. Mit steigendem Alter mehren sich die Einschnitte: Vorschriften, Wünsche, Gewohnheiten, Erwartungen, Willkür ... beschränken unseren Lebensgenuss. Teilweise leben wir nicht, wir werden gelebt. So sehr wir uns bemühen, unser Ballon kommt fast nicht von der Erde weg. Aber irgendwann fliegen – Entschuldigung, fahren – wir. Und das Gefühl ist herrlich, wenn auch alle rund um uns darauf achten, dass wir nicht zu weit abheben. Je höher wir aufsteigen, umso mehr Regeln schränken uns ein, umso mehr Scheiben müssen wir von unserer „Freiheitswurst“ hergeben: Unser Essen, unser Reden, unser Benehmen …. bestimmen wir nicht mehr selbst. Wir müssen funktionieren. Viele sorgen sich um unsere Sicherheit und um unser Wohlergehen. Ist es doch so gefährlich da oben in unserem Ballon. Alle meinen es gut mit uns. Ganz schlimm wird es dann in der Schule: Verlust der Redefreiheit, der Bewegungsfreiheit, der Zwang zum Lernen, der Leistungsdruck … Keiner fragt uns, ob auch wir das wollen. Nicht wir, andere, die Eltern, die Familie, die Lehrer, die Gesellschaft, der Staat … machen die Regeln. Jede dieser Regeln raubt uns ein Stück unserer Freiheit, schneidet eine Scheibe von unserer „Freiheitswurst“ ab. 

Allmählich bemerken wir aber, dass diese „Freiheitswurst“ eine Wunderwurst ist: Je mehr jemand davon abschneidet, umso rascher und stärker wächst sie nach. Und sie ist nicht mehr so klein wie früher, sie wächst immer mehr. Sie wächst so gewaltig, dass sie unserer Umgebung fast das Fürchten lehrt. Wir müssen nur an ihre Kraft glauben, dann versetzt sie Berge. Das bezeichne ich als das Wunder der Freiheit. Leider kommen nicht alle in den Genuss, ihre „Freiheitswurst“ nachwachsen zu sehen. Ihre „Freiheitswurst“ wurde so radikal und brutal beschnitten, dass kaum etwas geblieben ist, dass sie nicht mehr wächst, dass sie nicht mehr wachsen kann. Mögen die, die diese Wurst geraubt haben, daran ersticken.

Für die gespendete, die geraubte oder die gestohlene „Freiheitswurst“ gibt es aber etwas zurück. Man verspricht uns, uns zu schützen, uns angenehm leben zu lassen. Für die „Freiheitswurst“ bekommen wir ein Stück „Sicherheitswurst“. Manchmal ist das Stück größer, manchmal kleiner, immer aber schmeckt sie anders als die geliebte „Freiheitswurst“. Sie ist nicht besser oder schlechter, nur anders. Angeblich brauchen wir beide für eine gesunde Ernährung. Die Freiheit entspricht dem Abheben unseres Heißluftballons. Wir können aber nicht immer oben bleiben, aus vielen Gründen müssen wir zurück auf die Erde. Dort ist es sicher. Freiheit und Sicherheit sind wie Yin und Yang: Das eine besteht nur, weil es das andere gibt und umgekehrt. Oft sehnen wir uns danach, wünschen uns und stellen uns vor, dass es nur die Freiheit gibt oder geben sollte. Die andere Seite sehen wir nicht, weil wir sie nicht sehen wollen. Hier gleichen wir verwöhnten Einzelkindern, die ihre Wünsche erfüllt haben möchten. Einzelkinder kennen keine anderen Kinder, kennen keine anderen Kinderwünsche. Nur ihre. Und sie setzen ihre Wünsche fast immer durch. Das ist ein tolles Gefühl. Das ist aber nicht das Leben. Das Leben ist Yin und Yang. Erst spät – manchmal zu spät – bemerken sie andere Sichtweisen und deren Berechtigung. Um das richtige Maß zwischen Freiheit und Sicherheit zu finden, brauchen wir die Demut, das Gefühl, das uns sagt, was uns zusteht und wo wir unsere Grenzen haben. Diese Grenzen decken sich aber nur selten mit den Grenzen, die uns unsere Umgebung setzt oder setzen will.


Leonding, 30.08.2025                                                                     Alois Markschläger


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Kopflos oder mit diesem Kopf durch die Wand

Wer oder was bestimmt unser Handeln: Die Vernunft, die Erfahrungen, die „guten“ Emotionen (Liebe, Dankbarkeit, Freude, Freundschaft, Lust …)...