Freiheit - Gedankenspiel: Teil II: Freiheit und Regeln

Zu dem Thema Freiheit habe ich meinen Gedanken freien Lauf gelassen. Da sie stärker als vermutet gesprudelt sind, habe ich sie folgendermaßen unterteilt:

·        Teil I: Erste Erfahrungen (Blog vom 29.08.2025)

·        Teil II: Die Freiheit und Regeln (Blog vom 05.09.2025)

·        Teil III: Gesetze begrenzen unsere Freiheit

·        Teil IV: Der geheimnisvolle „man“ und die Freiheit

·        Teil V: Das Sterben von „man“ und seine Folgen

·        Teil VI: Die eigene Versklavung

Einige Punkte in diesem Teil weisen auf die bisherigen Artikel hin. Der Blog wird verständlicher wenn du die bisherigen Teile zumindest grob kennst.

Teil II: Freiheit und Regeln

Regeln schränken uns ein. Gleichzeitig sollen sie uns schützen. Nicht immer sind wir begeistert und bereit, Regeln, die sich andere für uns ausgedacht haben, einzuhalten. Wir wehren uns gegen ein Leben, das andere für uns gestalten wollen. Halten wir die Regeln nicht ein, sollen uns Sanktionen „zur Vernunft“ bringen und zwingen. Meist gelingt das. Aber nicht immer lassen wir uns brechen, nicht immer lassen wir uns etwas von unserer „Freiheitswurst“ rauben. Auch wenn wir verstehen, dass eine Familie, eine Gemeinde, ein Verein, eine Schule, eine Gesellschaft nur mit funktionierenden Regeln bestehen können, wehren wir uns dagegen. Wir wollen das nicht. Diese Regeln stören unserer Ballonfahrt. Sie nehmen uns die Möglichkeit, in höhere Regionen aufzusteigen, einen besseren Ausblick zu haben ….

Möglicherweise schützen sie uns. Schützen uns vor noch unbekannten Gefahren, die in unergründeten Höhen liegen. Vielleicht unterschätzen aber die „Regelgeber“ unseren Mut, unser Können, unsere Geschicklichkeit. Es könnte sein, dass sie uns nicht in Höhen lassen wollen, in die sie sich selbst nie gewagt haben, in die sie nicht aufsteigen durften, …. Alle behaupten, es gut mit uns zu meinen. Aber wie so oft, ist auch hier „gut gemeint“ vielleicht das Gegenteil von „gut“.

Regeln werden nur gehalten, wenn Sanktionen bei ihrem Brechen gesetzt werden. Die Sanktionen sind recht unterschiedlich. Sie reichen vom scharfen Blick des Vaters, gehen über die sichtbare Enttäuschung der Mutter, dem Nachsitzen in der Schule, manchmal sogar über körperlicher Gewalt, bis zu Gerichtsverfahren mit entsprechenden Strafen. Hat die Gesellschaft Angst, jemand könnte sich auch künftig nicht an ihre Regeln halten, schließt sie ihn durch Haftstrafen – im Extremfall lebenslänglich – oder sogar durch die Todesstrafe aus. Regeln funktionieren nur mit Sanktionen: Beispiel: Ignorierst du laufend Geschwindigkeits-beschränkungen und wirst du dafür nie bestraft, wirst du dein Verhalten nicht ändern. Die Regel hat keine Wirkung. Ohne Sanktion kann man sie auch abschaffen.

Eine Gemeinschaft ohne Regeln gibt es nicht. Ohne Regeln zerfällt eine Gesellschaft. Deutlich sichtbar wird dies in Familien, in denen es keine Regeln mehr gibt oder diese ihre Gültigkeit durch fehlende Sanktionen verloren haben. Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in der Gemeinschaft „Schule“ zeigen auch, dass Regeln ohne Sanktionsmöglichkeiten wirkungslos sind. Die unwürdigen und menschenverachtenden Sanktionen der vorigen Jahrhunderte wurden in der Schule, Gott sei Dank, beseitigt. Neue wirksame Sanktionen an ihrer Stelle fehlen. Keiner weiß, wie die aussehen können. Die Folge ist teilweise ein Chaos, unter dem alle leiden. Ob ein Ausschluss aus dieser Gemeinschaft, wie dies auch sonst in unserer Gesellschaft praktiziert wird, eine richtige Sanktion wäre? Der Schaden durch einen Ausschluss könnte wie bei manchem anderen Ausschluss aus einer Gemeinschaft größer sein als ein möglicher Nutzen. Hat eine Gemeinschaft, die durch Regeln und Sanktionen nicht zu sichern ist, in dieser Form sogar ihre Existenzberechtigung verloren? Welche anderen Gemeinschaften oder Lernmethoden könnten die Schule ersetzen?

Mit steigendem Alter wachsen unsere Möglichkeiten, die Freiheit ausgiebiger zu nutzen, was nicht alle wagen. Wir sind reifer, sicherer, erfahrener geworden. Wir haben bereits viele Ballonfahrten hinter uns. Jetzt können wir uns schon höher hinauf wagen. Und unsere Umgebung lässt uns auch manche gewagte Fahrt unternehmen. Leider sind viele durch zahllose verhinderte Versuche schon so entmutigt, dass sie sich mit kleinen Ballonfahrten in gesicherten Höhen nur bei Schönwetter zufriedengeben. Ihre Neugier und ihr Freiheitsdrang haben unter Regeln und Sanktionen zu stark gelitten. Viele verhalten sich wie der Bär, der ein Leben lang in einem Gitterkäfig eingesperrt war. Als man das Gitter entfernte, verließ er trotzdem nicht den Käfig. Das ewige Gitter und wahrscheinlich auch das gute Essen hatten ihn zahm und gefügig gemacht. Aber so wie der eine oder andere Bär trotzdem seinen Käfig verlässt, können auch wir vielleicht erst im Alter ausbrechen. Dann sind wir wirklich frei, dann können wir unsere Ballonfahrt genießen. Es gelten nur noch die Regeln der Ballonfahrt. Die Erde ist so weit weg, dass sie uns nicht mehr beeinflusst. Es gibt keine Vorschriften mehr. Von der Erde aus sieht man unseren Ballon schon fast nicht mehr. Um mit Reinhard Mey zu sprechen: "Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein." So genussvoll könnte unsere Freiheit im und nach dem Tod sein. Wir wissen es nicht. Noch kein Ballonfahrer ist nach dieser Fahrt zurückgekommen. Vielleicht zieht er in ein Paradies ein. Hoffentlich hat sich inzwischen das Paradies geändert. Denn sogar im Paradies - für mich der Inbegriff der Freiheit - gab es für Adam und Eva eine Regel, an die sie sich zu halten hatten: „…aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon darfst du nicht essen…“. Die Sanktion zu dieser Regel war die Todesstrafe: „… denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben ...“ Also grenzenlos war die Freiheit nicht einmal im Paradies.

Vielleicht im nächsten Paradies – die Hoffnung stirbt zuletzt.


Leonding, 05.09.2025                                                                     Alois Markschläger


   

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Kopflos oder mit diesem Kopf durch die Wand

Wer oder was bestimmt unser Handeln: Die Vernunft, die Erfahrungen, die „guten“ Emotionen (Liebe, Dankbarkeit, Freude, Freundschaft, Lust …)...