Burnout wird als „Zustand einer Erschöpfung, die als Folge exzessiver Anforderungen an die persönliche Energie, Kraft und Einsatz entsteht,“ definiert und wurde 1974 erstmalig von H. Freudenberger, einem Psychoanalytiker, verwendet. Es gab auch vor 1974 erschöpfte und ausgelaugte Menschen, aber nicht in der jetzt auftretenden Häufigkeit.
Häufig wird als Ursache für Burnout eine berufliche Überforderung genannt. Durch den Druck im Beruf entsteht eine Spannung. Ein überspannter Bogen bricht, wenn er nicht entspannt wird. So reagiert auch unser Körper: Spannungen kann er verkraften, sobald eine Entspannung erfolgt. Diese sollte in der Freizeit erfolgen. Freizeit dient der Erholung, dient der Entspannung. Burnout ist daher die Folge des Zusammenspiels von Beruf und von Freizeit.
Betrachten wir zuerst die Spannungen im Beruf. Das
„falsche“ Freizeitverhalten kommt später. Eine berufliche Überforderung kann fachlich,
zeitlich oder persönlich verursacht sein. Dabei ist die zeitliche meist auch
durch die fachliche begründet: Fehlendes Wissen oder fehlende Persönlichkeitsmerkmale
werden durch einen überdimensionalen Einsatz ausgeglichen. Ein Einsatz, der
bei vielen Positionen als selbstverständlich gilt.
Durch die rasche Veränderung der beruflichen
Anforderungen entsteht Unsicherheit. Ein ständiges Lernen, eine ständige
Spannung sind die Folge.
Persönliche Überforderungen habe ich vor allem bei
Workaholics festgestellt: Wenn sie arbeiten, plagt sie das schlechte Gewissen, weil
sie Familie und Freunde vernachlässigen. Arbeiten sie nicht, vernachlässigen
sie ihre beruflichen Aufgaben.
Ein hoher zeitlicher Einsatz führt nicht zwangsläufig zu einer Überforderung und zu einem Burnout. Gefährlich wird es, wenn Erfolgserlebnisse fehlen. Diese bewirken die notwendige Entspannung. Daher mein Leitsatz: Mach alles aus Begeisterung, nichts des Geldes wegen (Mit dem Zusatz: Aber lass dir deine Begeisterung gut bezahlen!)! Ich habe fast fünf Jahrzehnte lang nie unter 50, die meisten davon sogar mit 65 oder mehr Wochenstunden gearbeitet und war nie von einem Burnout bedroht. Die erlebten Erfolge haben mich entschädigt und waren teilweise „richtig geil“. (Vielleicht habe ich auch einen kleinen Vogel.)
Warum (das zweite „warum“) entscheidet sich jemand für
einen Beruf, der ihn überfordert und er bleibt trotzdem? Dafür gibt es vor
allem zwei Ursachen: Das höhere Einkommen und das höhere Ansehen in der
Familie, bei Freunden, bei Kollegen und bei Bekannten. Auch das höhere Einkommen dient
letztlich dem höheren Ansehen (Was die sich alles leisten können!). Bis vor
wenigen Jahren wagte es kaum jemand zu sagen, dass er keinen Stress hat. Jemand
ohne Stress galt als Loser, als Verlierer und Versager, der keine wichtige
Position bekleidete, keine Macht hatte. Wer Stress hatte, war deswegen noch
nicht angesehen, aber ohne Stress war es richtig schwierig, bedeutend zu
erscheinen.
Warum (das dritte „warum“) ist aber die Anerkennung durch Freunde, Verwandte, manchmal auch durch die eigne Familie so wichtig? Warum muss der gesamten Umwelt bewiesen werden, dass man leistungsfähig, dass man wichtig ist? Vor allem – auch Stolz und Eitelkeit spielen hier eine Rolle - ist ein zu geringer Selbstwert schuld: Die Anerkennung von außen gleicht den kleinen eigenen Wert aus: Der Aufstieg zum Abteilungsleiter, das neue Auto, der Urlaub in der Karibik … sind die Instrumente dafür. Die Überforderung ist der Preis, der bezahlt wird.
Für die Anerkennung erfüllen wir nicht nur unsere
Grundbedürfnisse, wir „überbefriedigen“ sie: Essen nicht zu Hause, sondern Speisen
beim Haubenkoch, Fahren nicht mit den Öffis, sondern mit dem Zweit- oder
Drittauto, Erholung nicht bei Wanderungen in der Umgebung, sondern durch einen
Urlaub in der Karibik … Manchmal sind es auch Scheinbedürfnisse, die wir
befriedigen. Niemals wäre ein Neandertaler auf die Idee gekommen, eine weitere
Wildsau zu erlegen, damit er mehr Fleisch vorrätig hat als sein Nachbar.
Und
diese unsere Schwächen nützt die Wirtschaft und lebt davon, lebt teilweise gut
davon.
Der Druck, den wir uns so auferlegen, ist nicht nur für ein Burnout eine gute Basis. Auch einer zweiten Krankheit, der Kaufsucht, sind Tür und Tor geöffnet. Dabei sollten wir aber den Anteil von Neid und Gier nicht unterschätzen. Aber das ist eine andere Baustelle.
Warum werden die Spannungen aus dem Beruf nicht in der
Freizeit abgebaut? Warum suchen viele diese Entspannung, im wahrsten Sinne des
Wortes, nicht? Warum haben wir das Leistungsprinzip aus dem Berufsleben sogar in
unsere Freizeit mitgenommen? Warum ist aus der Freizeit teilweise ein
Wettbewerb entstanden? Ist die Freizeit wirklich noch eine freie Zeit?
Warum muss man jedes Wochenende Freunde einladen,
Einladungen wahrnehmen, sportliche Höchstleistungen bringen ….? Wird auch in
der Freizeit nach Anerkennung, vielleicht nach Nähe, nach Liebe … gesucht?
Die Antwort auf diese „warum“ hatten wir schon weiter oben: ein zu niedriger Selbstwert. Anerkennung von außen ist notwendig, wenn wir uns selbst zu wenig wert sind. Wir brauchen die Liebe, wenn wir uns selbst zu wenig gernhaben.
Die Folge von Überforderung im Beruf und von fehlender Entspannung in der Freizeit ist das Risiko, ein Burnout zu erleiden.
Noch ein letztes „warum“ (Es gibt noch unzählig viele
„warums“.): Warum passierte dies gerade in der zweiten Hälfte des zwanzigsten
Jahrhunderts und in den Folgejahren?
Die Gesellschaft hatte sich verändert. Vorher waren Macht
und Reichtum für den Großteil nur durch Besitz und nicht durch Arbeit zu
erreichen. (1867 erschien der erste Band von „Das Kapital“ von K. Marx.). Mit
fortschreitender Industrialisierung ergaben sich viele Möglichkeiten zu einem
Wohlstand: Finanziell interessante Arbeitsplätze entstanden, der Weg in die
Selbständigkeit war leichter geworden …...
Die Arbeitsweise hatte sich geändert: Ein Bauer bestellt im Frühjahr seine Felder. Dann lässt er die Natur und den lieben Gott arbeiten – jetzt kann er entspannen -, um später zu ernten. Im Winter kehrt Ruhe ein. Heute arbeiten wir in fast allen Berufen das ganze Jahr. Wir haben die Jahreszeiten und teilweise sogar die Tageszeit gleich gemacht. Natürliche Lebensrhythmen missachten wir.
Vielleicht haben uns auch Lebensängste und die Gier vorwärts getrieben. Den Bibelspruch "Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch," haben wir entweder nicht gelesen oder nicht verstanden.
Andererseits stiegen mit der Verkürzung der Arbeitszeit
(geringere Wochenarbeitszeit, längere Urlaube ..) die Freizeitangebote, die
genutzt werden wollten.
…..
In den letzten Jahren hat sich eine neue Lebens- und
Berufseinstellung in der Gesellschaft breit gemacht, die Work-Life-Balance: Der
Beruf wird nicht über das Leben, sondern maximal gleichrangig zur Freizeit gestellt.
Aus dem Extremmotto „Leben, um zu arbeiten“ wurde eher ein „Arbeiten, um zu
leben“.
Auch hier die Frage nach dem „warum“.
Die jüngsten Generationen kennen „nur“ die neuen Gesellschaftsformen.
Den Wandel selbst und die Zeit davor haben sie nicht erlebt.
Der wirtschaftliche Erfolg und die damit verbundenen Annehmlichkeiten
sind selbstverständlich geworden. Arbeitslosigkeit und Armut sind so selten und
besser abgesichert als früher, dass sie für einen Großteil nicht bedrohlich
wirken.
Soziale und wirtschaftliche Unterschiede bestehen noch
immer. Aber für viele ist heute das Leben auch ohne berufliche Überforderungen
lebenswert gestaltbar: Höhere Verdienste, doppelte Familieneinkünfte, soziale
Unterstützungen, geringere Kinderzahl, langfristige Sicherheit durch mögliche
Erbschaften etc. ermöglichen dies.
Negative Kindheitserlebnisse durch überarbeitete Eltern,
gesundheitliche Schwierigkeiten etc. sind weitere Gründe, einen neuen Weg zu
gehen.
Es ist schwieriger geworden, zusätzliche Anerkennung einzuheimsen,
wenn sich ohnehin – fast – jeder ein neues Auto, einen exklusiven Urlaub …. leisten
kann.
Zur Auflockerung ein Witz: Ein Arzt und ein
zugewanderter Türke wohnen nebeneinander. Sie vergleichen ihren Besitz und
stellen fest, dass kaum Unterschiede bestehen. Zum Abschluss strahlt der Türke:
„Aber wenn wir beide verkaufen wollen, ist mein Haus mehr wert. Ich kann dem
Käufer sagen, dass sein Nachbar ein Arzt ist, und du musst ihm sagen, dass ein
Türke sein Nachbar ist.“
Viele bisher logische Gründe für einen hohen Arbeitseinsatz haben ihre Bedeutung verloren.
Möglicherweise wird heute das Motto der Work-Life-Balance übertrieben und es wird für den wirtschaftlich notwendigen Gesamterfolg zu wenig gearbeitet (Die Jahresarbeitszeit ist in China um ca. 50% höher als bei uns.). Dadurch kann die Wirtschaft in Schwierigkeiten geraten. Aber wahrscheinlich ist dies wie bei vielen Gegenbewegungen: Zu Beginn schlägt das Pendel stärker aus. Ein vernünftiger Mittelweg zwischen „Burnout“ als Symbol der übertriebenen Geschäftigkeit und einer „gesunden“ Work-Life-Balance erscheint mir erstrebenswert und kann sich in den nächsten Jahren ergeben.
Dabei sollten wir bedenken, dass ein hoher Lebensstandard nur
durch einen überdurchschnittlichen Einsatz errungen und gehalten werden kann. Dieses
Niveau können wir nur mit Leistung und nicht über Zuschüsse oder
Subventionen erhalten. Sind wir dazu nicht bereit, wird unser Standard sinken. Die
Umwelt würde uns das danken.
Wollen wir den Standard halten, aber weniger arbeiten, dann müssen wir welche holen, die für uns die Arbeit machen. Die werden sich finden. Allerdings werden die, die die Arbeit machen, auch die sein, die uns bezahlen. Und dabei wird das Motto „Wer zahlt, schafft an“ weiter seine Gültigkeit behalten.
Vielleicht finden wir einen Mittelweg zwischen
lebenswertem Komfort, menschlichem Arbeitseinsatz und Unterstützung durch
zusätzliche Kräfte. Wenn wir diesen Weg nicht suchen, werden wir ihn nicht
finden und werden ihn nie gehen können. Machen wir uns auf den Weg!
Leonding, 01.08.2025 Alois Markschläger
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