Zwischen Burnout und Work-Life-Balance

Burnout wird als „Zustand einer Erschöpfung, die als Folge exzessiver Anforderungen an die persönliche Energie, Kraft und Einsatz entsteht,“ definiert und wurde 1974 erstmalig von H. Freudenberger, einem Psychoanalytiker, verwendet. Es gab auch vor 1974 erschöpfte und ausgelaugte Menschen, aber nicht in der jetzt auftretenden Häufigkeit.

Was ist passiert? Warum gerade jetzt? Warum gerade in einer Zeit, in der es uns - zumindest uns in den Industriestaaten - immer besser ging?
Die Lösung dieser Fragen finden wir nicht nach einem „warum“. Dazu brauchen wir die Neugier eines Kindes: „Warum ist mir so heiß?“ - „Weil es hier so warm ist!“ - „Warum ist es hier so warm?“ - „Weil die Sonne so hochsteht!“ – „Warum ……?“ ……… Auf viele „warum“ gibt es mehrere Antworten, auf die ein weiteres „warum“ folgt. So entsteht ein „Fragen-Antworten-Baum“. Einige wenige Äste des Fragen-Antworten-Baumes „Burnout im zwanzigsten Jahrhundert und danach“ habe ich angeschaut. 

Häufig wird als Ursache für Burnout eine berufliche Überforderung genannt. Durch den Druck im Beruf entsteht eine Spannung. Ein überspannter Bogen bricht, wenn er nicht entspannt wird. So reagiert auch unser Körper: Spannungen kann er verkraften, sobald eine Entspannung erfolgt. Diese sollte in der Freizeit erfolgen. Freizeit dient der Erholung, dient der Entspannung. Burnout ist daher die Folge des Zusammenspiels von Beruf und von Freizeit.

Betrachten wir zuerst die Spannungen im Beruf. Das „falsche“ Freizeitverhalten kommt später. Eine berufliche Überforderung kann fachlich, zeitlich oder persönlich verursacht sein. Dabei ist die zeitliche meist auch durch die fachliche begründet: Fehlendes Wissen oder fehlende Persönlichkeitsmerkmale werden durch einen überdimensionalen Einsatz ausgeglichen. Ein Einsatz, der bei vielen Positionen als selbstverständlich gilt.
Durch die rasche Veränderung der beruflichen Anforderungen entsteht Unsicherheit. Ein ständiges Lernen, eine ständige Spannung sind die Folge.
Persönliche Überforderungen habe ich vor allem bei Workaholics festgestellt: Wenn sie arbeiten, plagt sie das schlechte Gewissen, weil sie Familie und Freunde vernachlässigen. Arbeiten sie nicht, vernachlässigen sie ihre beruflichen Aufgaben.

Ein hoher zeitlicher Einsatz führt nicht zwangsläufig zu einer Überforderung und zu einem Burnout. Gefährlich wird es, wenn Erfolgserlebnisse fehlen. Diese bewirken die notwendige Entspannung. Daher mein Leitsatz: Mach alles aus Begeisterung, nichts des Geldes wegen (Mit dem Zusatz: Aber lass dir deine Begeisterung gut bezahlen!)! Ich habe fast fünf Jahrzehnte lang nie unter 50, die meisten davon sogar mit 65 oder mehr Wochenstunden gearbeitet und war nie von einem Burnout bedroht. Die erlebten Erfolge haben mich entschädigt und waren teilweise „richtig geil“. (Vielleicht habe ich auch einen kleinen Vogel.)

Warum (das zweite „warum“) entscheidet sich jemand für einen Beruf, der ihn überfordert und er bleibt trotzdem? Dafür gibt es vor allem zwei Ursachen: Das höhere Einkommen und das höhere Ansehen in der Familie, bei Freunden, bei Kollegen und bei Bekannten. Auch das höhere Einkommen dient letztlich dem höheren Ansehen (Was die sich alles leisten können!). Bis vor wenigen Jahren wagte es kaum jemand zu sagen, dass er keinen Stress hat. Jemand ohne Stress galt als Loser, als Verlierer und Versager, der keine wichtige Position bekleidete, keine Macht hatte. Wer Stress hatte, war deswegen noch nicht angesehen, aber ohne Stress war es richtig schwierig, bedeutend zu erscheinen.

Warum (das dritte „warum“) ist aber die Anerkennung durch Freunde, Verwandte, manchmal auch durch die eigne Familie so wichtig? Warum muss der gesamten Umwelt bewiesen werden, dass man leistungsfähig, dass man wichtig ist? Vor allem – auch Stolz und Eitelkeit spielen hier eine Rolle - ist ein zu geringer Selbstwert schuld: Die Anerkennung von außen gleicht den kleinen eigenen Wert aus: Der Aufstieg zum Abteilungsleiter, das neue Auto, der Urlaub in der Karibik … sind die Instrumente dafür. Die Überforderung ist der Preis, der bezahlt wird.

Für die Anerkennung erfüllen wir nicht nur unsere Grundbedürfnisse, wir „überbefriedigen“ sie: Essen nicht zu Hause, sondern Speisen beim Haubenkoch, Fahren nicht mit den Öffis, sondern mit dem Zweit- oder Drittauto, Erholung nicht bei Wanderungen in der Umgebung, sondern durch einen Urlaub in der Karibik … Manchmal sind es auch Scheinbedürfnisse, die wir befriedigen. Niemals wäre ein Neandertaler auf die Idee gekommen, eine weitere Wildsau zu erlegen, damit er mehr Fleisch vorrätig hat als sein Nachbar.
Und diese unsere Schwächen nützt die Wirtschaft und lebt davon, lebt teilweise gut davon.

Der Druck, den wir uns so auferlegen, ist nicht nur für ein Burnout eine gute Basis. Auch einer zweiten Krankheit, der Kaufsucht, sind Tür und Tor geöffnet. Dabei sollten wir aber den Anteil von Neid und Gier nicht unterschätzen. Aber das ist eine andere Baustelle.

Warum werden die Spannungen aus dem Beruf nicht in der Freizeit abgebaut? Warum suchen viele diese Entspannung, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht? Warum haben wir das Leistungsprinzip aus dem Berufsleben sogar in unsere Freizeit mitgenommen? Warum ist aus der Freizeit teilweise ein Wettbewerb entstanden? Ist die Freizeit wirklich noch eine freie Zeit?
Warum muss man jedes Wochenende Freunde einladen, Einladungen wahrnehmen, sportliche Höchstleistungen bringen ….? Wird auch in der Freizeit nach Anerkennung, vielleicht nach Nähe, nach Liebe … gesucht?

Die Antwort auf diese „warum“ hatten wir schon weiter oben: ein zu niedriger Selbstwert. Anerkennung von außen ist notwendig, wenn wir uns selbst zu wenig wert sind. Wir brauchen die Liebe, wenn wir uns selbst zu wenig gernhaben. 

Die Folge von Überforderung im Beruf und von fehlender Entspannung in der Freizeit ist das Risiko, ein Burnout zu erleiden.

Noch ein letztes „warum“ (Es gibt noch unzählig viele „warums“.): Warum passierte dies gerade in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und in den Folgejahren?
Die Gesellschaft hatte sich verändert. Vorher waren Macht und Reichtum für den Großteil nur durch Besitz und nicht durch Arbeit zu erreichen. (1867 erschien der erste Band von „Das Kapital“ von K. Marx.). Mit fortschreitender Industrialisierung ergaben sich viele Möglichkeiten zu einem Wohlstand: Finanziell interessante Arbeitsplätze entstanden, der Weg in die Selbständigkeit war leichter geworden …...

Die Arbeitsweise hatte sich geändert: Ein Bauer bestellt im Frühjahr seine Felder. Dann lässt er die Natur und den lieben Gott arbeiten – jetzt kann er entspannen -, um später zu ernten. Im Winter kehrt Ruhe ein. Heute arbeiten wir in fast allen Berufen das ganze Jahr. Wir haben die Jahreszeiten und teilweise sogar die Tageszeit gleich gemacht. Natürliche Lebensrhythmen missachten wir.

Vielleicht haben uns auch Lebensängste und die Gier vorwärts getrieben. Den Bibelspruch "Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch," haben wir entweder nicht gelesen oder nicht verstanden.

Andererseits stiegen mit der Verkürzung der Arbeitszeit (geringere Wochenarbeitszeit, längere Urlaube ..) die Freizeitangebote, die genutzt werden wollten.
….. 

In den letzten Jahren hat sich eine neue Lebens- und Berufseinstellung in der Gesellschaft breit gemacht, die Work-Life-Balance: Der Beruf wird nicht über das Leben, sondern maximal gleichrangig zur Freizeit gestellt. Aus dem Extremmotto „Leben, um zu arbeiten“ wurde eher ein „Arbeiten, um zu leben“.

Auch hier die Frage nach dem „warum“.

Die jüngsten Generationen kennen „nur“ die neuen Gesellschaftsformen. Den Wandel selbst und die Zeit davor haben sie nicht erlebt.

Der wirtschaftliche Erfolg und die damit verbundenen Annehmlichkeiten sind selbstverständlich geworden. Arbeitslosigkeit und Armut sind so selten und besser abgesichert als früher, dass sie für einen Großteil nicht bedrohlich wirken.

Soziale und wirtschaftliche Unterschiede bestehen noch immer. Aber für viele ist heute das Leben auch ohne berufliche Überforderungen lebenswert gestaltbar: Höhere Verdienste, doppelte Familieneinkünfte, soziale Unterstützungen, geringere Kinderzahl, langfristige Sicherheit durch mögliche Erbschaften etc. ermöglichen dies.

Negative Kindheitserlebnisse durch überarbeitete Eltern, gesundheitliche Schwierigkeiten etc. sind weitere Gründe, einen neuen Weg zu gehen.

Es ist schwieriger geworden, zusätzliche Anerkennung einzuheimsen, wenn sich ohnehin – fast – jeder ein neues Auto, einen exklusiven Urlaub …. leisten kann.
Zur Auflockerung ein Witz: Ein Arzt und ein zugewanderter Türke wohnen nebeneinander. Sie vergleichen ihren Besitz und stellen fest, dass kaum Unterschiede bestehen. Zum Abschluss strahlt der Türke: „Aber wenn wir beide verkaufen wollen, ist mein Haus mehr wert. Ich kann dem Käufer sagen, dass sein Nachbar ein Arzt ist, und du musst ihm sagen, dass ein Türke sein Nachbar ist.“

Viele bisher logische Gründe für einen hohen Arbeitseinsatz haben ihre Bedeutung verloren.

Möglicherweise wird heute das Motto der Work-Life-Balance übertrieben und es wird für den wirtschaftlich notwendigen Gesamterfolg zu wenig gearbeitet (Die Jahresarbeitszeit ist in China um ca. 50% höher als bei uns.). Dadurch kann die Wirtschaft in Schwierigkeiten geraten. Aber wahrscheinlich ist dies wie bei vielen Gegenbewegungen: Zu Beginn schlägt das Pendel stärker aus. Ein vernünftiger Mittelweg zwischen „Burnout“ als Symbol der übertriebenen Geschäftigkeit und einer „gesunden“ Work-Life-Balance erscheint mir erstrebenswert und kann sich in den nächsten Jahren ergeben.

Dabei sollten wir bedenken, dass ein hoher Lebensstandard nur durch einen überdurchschnittlichen Einsatz errungen und gehalten werden kann. Dieses Niveau können wir nur mit Leistung und nicht über Zuschüsse oder Subventionen erhalten. Sind wir dazu nicht bereit, wird unser Standard sinken. Die Umwelt würde uns das danken.

Wollen wir den Standard halten, aber weniger arbeiten, dann müssen wir welche holen, die für uns die Arbeit machen. Die werden sich finden. Allerdings werden die, die die Arbeit machen, auch die sein, die uns bezahlen. Und dabei wird das Motto „Wer zahlt, schafft an“ weiter seine Gültigkeit behalten.

Vielleicht finden wir einen Mittelweg zwischen lebenswertem Komfort, menschlichem Arbeitseinsatz und Unterstützung durch zusätzliche Kräfte. Wenn wir diesen Weg nicht suchen, werden wir ihn nicht finden und werden ihn nie gehen können. Machen wir uns auf den Weg!

 

Leonding, 01.08.2025                                                                                   Alois Markschläger

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