Wer oder was bestimmt unser Handeln: Die Vernunft, die Erfahrungen, die „guten“ Emotionen (Liebe, Dankbarkeit, Freude, Freundschaft, Lust …), die zerstörerischen Gemütslagen (Wut, Zorn, Hass, Rache, Feindschaft …), Gewohnheiten, Reflexe ….?
Die Größe, die unser Handeln bestimmt, bestimmt auch dessen Wert. Ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, insbesondere eine Kombination von Vernunft und Emotion, sind denkbar, aber selten. Meist dominiert einer. Bei starken Emotionen hat der Verstand kaum eine Chance mitzuentscheiden.
Unter dem Einfluss von Liebe, Wut, Zorn, Hass usw. werden wir kopflos: Wir handeln ohne den Kopf, in dem die Vernunft sitzt. Dadurch wird die Wahrnehmung (blind aus Liebe, Wut, Hass, Zorn …) gestört und rationale Entscheidungen werden verhindert. Klingt die Emotion ab, wird das Ausmaß der ganzen Katastrophe sichtbar. Danach sehen wir, wie kopflos wir waren: Kopflos, also ohne Kopf, aber genau mit diesem Kopf durch die Wand.
In jungen Jahren war ich ein richtiges „Bitzlhaferl“ (Oberösterreichischer Fachbegriff für einen ungeduldigen, rasch aufbrausenden und übertrieben reagierenden Menschen). Und beim „Bitzeln“ wird das Hirn ausgeschaltet. Es dominieren zerstörerische Emotionen. Wiederholt habe ich gemerkt, dass ich mit dem Kopf durch die Wand wollte. Die Wand hielt es aus. Mein Kopf hat den Schaden übernommen.
Mit fortschreitendem Alter wurde ich – so wie ein Wildbach, der in die Ebene kommt, - ruhiger. Dem Wildbach sind die Berge abhandengekommen. Die Berge machen ihn reizvoll, aber auch gefährlich. Welche Berge sind bei mir verschwunden?
Einen Teil der Steigung haben meine Erfahrungen überwunden. Langsam habe ich gelernt, dass meine Ausbrüche mehr kaputt machen, als sie bewirken (Wobei auf jeden Ausbruch möchte ich auch heute noch nicht verzichten.). Es setzte sich die Erkenntnis durch: Einzelne Fehler sind erlaubt, manchmal auch notwendig, aber laufend dieselben Fehler zu begehen, ist nur dumm.
Mit fortschreitendem Alter lässt die eigene Energie nach, auch die Energie für Wut- und Zornausbrüche. Die Ausbrüche werden seltener und sind weniger intensiv.
Sind auf normalen Wegen die eigenen Vorstellungen nicht zu verwirklichen, wählen wir den Ausbruch. Auch Vulkane brechen aus, wenn es im Inneren zu heiß wird. Nach diesen Ausbrüchen sehen wir, dass uns diese von unseren Zielen und Wünschen eher entfernt und nicht näher gebracht haben und dass andere Wege vielleicht doch die richtigen sind.
Die Lebenserfahrung zeigt uns, dass wir die
eigenen Wünsche und Ziele überbewerten oder dass es Alternativen gibt, die Ziele zu erreichen. Weisheit bedeutet auch, mehrere
Weisen für die Lösung von Aufgaben zu kennen. Man muss nicht mehr mit dem Kopf
voran usw.
Meist gibt es in der Wand, durch die man glaubt, nur
mit dem Kopf durchzukommen, auch eine offenstehende Tür. Und irgendwann
sieht man sie. Nur der Zorn, die Wut … machen sie unsichtbar - blind aus Liebe, blind vor Wut, blind durch unseren Hass ….
Mit dem Kopf durch
die Wand
Je öfter wir in ähnliche Situationen kommen, umso
vertrauter werden sie uns, umso weniger erregen sie unser Gemüt, umso
weniger gefährlich erscheinen sie uns. Sie sind nicht mehr so aufregend, regen
uns nicht mehr auf. Damit bekommt die Vernunft die Chance, Aufgaben zu lösen,
die vorher die Emotionen gelöst haben – und oft überfordert waren.
Wenn es trotzdem (hoffentlich) noch aufregende Situationen gibt, zähle ruhig bis 10. Dabei kann sich die Emotion zurückziehen und der Verstand erhält eine Chance.
Auf meinem Weg als Bach vom Hochgebirge ins Tal habe ich wahrscheinlich auch gelernt (Lernen aus Erfahrung ist meist die bitterste Art des Lernens.), Vieles nicht so wichtig zu nehmen, was nicht wichtig ist, auch mich selbst nicht nach dem Motto:
Du warst vor 100
Jahren nicht wichtig.
Du wirst in 100
Jahren nicht wichtig sein.
Warum nimmst du dich
heute so wichtig?
Einfach zum Nachdenken!