Gedankensplitter zur Freiheit Teil IV: Der geheimnisvolle „man“ und die Freiheit

Zum Thema Freiheit habe ich meinen Gedanken freien Lauf gelassen. Da sie stärker als vermutet gesprudelt sind, habe ich sie unterteilt:

·        Teil I:      Erste Erfahrungen (Blog vom 29.08.2025) 
   Teil II:     Die Freiheit und Regeln (Blog vom 05.09.2025)
   Teil III:    Gesetze begrenzen unsere Freiheit (Blog vom 13.09.2025)
   Teil IV:    Der geheimnisvolle „man“ und die Freiheit (Blog vom 01.10.2025)
   Teil V:     Das Sterben von „man“ und seine Folgen
   Teil VI:    Die eigene Versklavung

Einige Punkte in diesem Teil weisen auf die bisherigen Artikel hin. Der Blog wird verständlicher, wenn du die bisherigen Teile zumindest grob kennst.

Kennst du den geheimnisvollen „man“? Der ist überwältigend! Was der alles kann, was der alles macht und was er alles nicht macht. „Man“ grüßt, wenn er jemand trifft, „man“ rülpst nicht in Gesellschaft, „man“ ist immer ordentlich gekleidet, „g‘schneuzt und kammplt“, freundlich … Eigentlich ein „Wunder-man“. Du findest ihn überall, in jedem Volk, in jeder Familie, in jeder Gemeinde, in jedem Unternehmen, in jedem Verein …. Alle sind auf ihn eingeschworen. Er ist so beliebt, weil er alle gleich machen will: gleich groß und gleich klein, gleich arm und gleich reich …… Wären alle wie „man“, fiele keiner auf, weder positiv noch negativ. Das wäre Sicherheit! Aber kaum ist jemand nicht wie „man“, breiten sich Angst und Unbehagen aus.

Auf zwei Wegen werden wir zur „Man-lichkeit“ erzogen: Da gibt es die harte, manchmal auch wirklich brutale Tour: Bist du kein „man“, wirst du schief angeschaut, wirst ignoriert, verlierst die Anerkennung, vielleicht sogar die Würde. Du wirst nicht mehr geachtet, sondern eher geächtet ….. Die zweite Erziehungsmethode zum „man“ ist die süße. Sie führt über Geschenke, Vergünstigungen und Belohnungen in allen möglichen Formen: Süßigkeiten für die Kinder, Ämter, Jobs, Mitgliedschaften, Arbeitserleichterungen etc. für die Großen. Wirst du auf keine dieser Arten zum „man“, bleibst du Außenseiter, dem man am besten gar nicht und wenn, nur mit Vorsicht begegnet. Du wirst eine „Persona non grata“, eine unerwünschte nicht akzeptierte Person.  

Für mich ist es einsichtig, dass eine Gesellschaft Gesetze für ein geordnetes Zusammenleben braucht. Über die Anzahl kann man diskutieren. Mit etwas gutem Willen sollten sogar die Zehn Gebote reichen. Warum ich aber in meiner Jugend keine langen Haare haben durfte, entbehrt jeder Logik. Alle hatten möglichst gleich zu sein, zumindest ähnlich auszuschauen. Keiner durfte aus der Masse heraus. Inzwischen ist der „Kurzhaarschnitt-man“ gestorben – ganz wenig auch durch mich. Es gibt aber noch genug „man“, die uns bestimmen wollen, die unsere Freiheit einengen und sie uns wegnehmen wollen, die riesige Stücke von unserer „Freiheitswurst“ abschneiden. Und was bekommen wir dafür zurück?

Geben wir dem Druck der Gesellschaft, uns zum „man“ zu machen nach, ersparen wir uns Verachtung, vielleicht sogar Ächtung. Als „man“, darfst du unbeschadet weiterleben. Ist das eine faire Gegenleistung für unsere „Freiheitswurst“? Nein! Eher gleicht es einer Erpressung und einer Vergewaltigung. Werden wir mit Vergünstigungen und Geschenken zum „man“ gemacht, ist der Schaden noch höher. Wir opfern nicht nur unsere Freiheit, sondern verleugnen sogar manche Teile unseres Charakters und unserer Persönlichkeit. Wir sind käuflich geworden, haben uns kaufen lassen. Gegen die Gleichmacherei durch selbsternannte Mehrheiten, durch das Establishment, hat sich die 68-er Bewegung gewehrt. Dass diese Bewegung zu wenig bewirkt hat, lag auch an zu vielen Geschenken und Verlockungen: Viele „Revolutionäre“ tauschten zu rasch den Kampfanzug gegen einen geschenkten, eleganten Zweireiher.

Hat die Gesellschaft eigentlich eine Berechtigung für ihre Forderung nach diesem „man“? Muss ich mich so benehmen wie alle anderen, damit ich dazugehöre? Muss mich die Gesellschaft nicht auch aufnehmen, muss sie mich nicht sogar schützen, wenn ich mich anders verhalte als die Masse? Der liebe Gott wollte keine Masse schaffen. Er will uns als Individuen – Einzelwesen, die sich von anderen durch ihre Einzigartigkeit unterscheiden. Niemand hat denselben Fingerabdruck wie du, niemand dieselbe DNA. Und das ist ganz wunderbar. Warum sollen wir diese Einmaligkeit aufgeben?

Die Gesellschaft, die der liebe Gott - oder wer auch immer - schaffen wollte, kannst du mit einer Blumenwiese vergleichen, wie es sie noch in meiner Kindheit gab. Daraus ist inzwischen eine eintönige Grasfläche mit gleich langen Grashalmen, mit einheitlicher Farbe … geworden. Wenn der liebe Gott heute durch unsere Wiesen geht, muss ihm das Weinen kommen. So stark haben wir seine Natur verunstaltet. Auch wenn er in unsere Gärten schaut, sieht er keine Blumenwiese mehr, sondern nur noch einen „gepflegten“ englischen Rasen. Mit Unkrautvernichtungsmittel (= Druck der Gesellschaft, wenn du aus der Reihe tanzt) und Rasendünger (= Belohnung, wenn du nach meiner Pfeife tanzt) sind alle Halme gleich – alle sind sie „man“. Keiner unterscheidet sich von seinem Nachbarn. Nach dem eigenen Selbstbewusstsein zu suchen, ist sinnlos. Sofort gibt es Gegenmaßnahmen. Keiner darf aus der Reihe tanzen. Und wenn einer gar nicht funktioniert, wird er ausgestochen.

Die Blumenwiese war aber nicht nur bunter als die heutigen landwirtschaftlichen Grasflächen. Den Ausdruck „Wiese“ verdienen die gar nicht mehr. Die Wiesen waren auch Unterschlupf und Lebensraum für alle möglichen Tiere. Nicht einmal die Mäuse fühlen sich heute dort noch wohl, weil sie sogar ein halbblinder Habicht auf dem Rasen erkennt. Wie die Grasfläche leidet auch unsere Gesellschaft an der „Man-isierung“, verliert an Individualität, Kreativität, Mut und Ideenvielfalt.

Eine Gesellschaft ist erfolgreicher, interessanter und lebenswerter, wenn sie den „man“ in den Griff bekommt. Wir werden „man“ nicht ausrotten können, aber wir müssen ihn skeptisch betrachten. Du selbst bist dafür verantwortlich, wieviel und bis zu welcher Grenze du „man“ sein musst und „man“ sein willst.

Dass wir ganz tolle Individuen sind, sollten wir auch zeigen. Denke bei jedem englischen Rasen daran, wie schön hier eine Blumenwiese wäre. Wenn du einen Garten hast, kannst du ein Zeichen für deine Individualität setzen: Belasse einige Quadratmeter von deinem Rasen als Wiese, als Beweis deines Glaubens an die Einmaligkeit aller Lebewesen. Nicht nur die Bienen, die Heuschrecken, die Regenwürmer …. werden es dir danken. Jede dort wachsende Blume erinnert dich an deine Einmaligkeit.

Mach’s einfach!

Leonding, 01.10.2025                                                                                Alois Markschläger

Freiheit - Gedankenspiel Teil III: Gesetze begrenzen die Freiheit

Zu dem Thema Freiheit habe ich meinen Gedanken freien Lauf gelassen. Da sie stärker als vermutet gesprudelt sind, habe ich sie unterteilt:

·        Teil I: Erste Erfahrungen (Blog vom 29.08.2025)  
Teil II: Die Freiheit und Regeln (Blog vom 05.09.2025)
Teil III: Gesetze begrenzen unsere Freiheit (Blog vom 13.09.2025)
Teil IV: Der geheimnisvolle „man“ und die Freiheit
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eil V: Das Sterben von „man“ und seine Folgen
Teil VI: Die eigene Versklavung

Einige Punkte in diesem Teil weisen auf die bisherigen Artikel hin. Der Blog wird verständlicher, wenn du die bisherigen Teile zumindest grob kennst.

Jeder Staat regelt das Leben seiner Bürger durch Gesetze und Verordnungen. Diese schränken die Freiheit ein. Wie entstehen diese Regeln? Wer setzt sie fest? Wo sind ihre Grenzen?

Die Regeln bestimmen die Mächtigen, im Staat die Regierungen. Je nach der Verteilung der Macht unterscheide ich: In einer Diktatur setzen einer oder wenige die Regeln fest. In sogenannten Volksdemokratien (Nationalsozialismus, Kommunismus …) bestimmt nur ein Teil der Bevölkerung, nur eine politische Gruppe die Regeln. Dabei hat diese Gruppe meist nicht einmal die absolute Mehrheit. Trotzdem erhebt sie den Anspruch auf die Vertretung des gesamten Volkes (Hitler hatte bei der Reichstagswahl 1933 nur 43,9% der Stimmen erreicht, sprach aber von „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“. In Österreich hat eine Partei mit weniger als 30% Anteil im Wahlkampf bereits einen „Volkskanzler“ propagiert.). In der dritten Form, der Demokratie, bestimmt nicht, wie man beim Wort Demokratie (= Macht des Volkes) vermuten möchte, das Volk, sondern seine Mehrheit die Regeln. Für die Mehrheit werden oft Koalitionen gebildet, wenn eine Partei nicht die Mehrheit erhält. Sich auf gemeinsame Werte und Regeln zu einigen, ist oft schwierig. Vor allem wesentliche Belange bleiben manchmal ungeregelt. Ein Zustand, unter dem Österreich und viele westliche Staaten schon seit einigen Jahrzehnten leiden.

Je nach Regierungsform eröffnen sich unterschiedliche Möglichkeiten des Bürgers, Einfluss auf die Regeln zu nehmen: In Diktaturen und in den Volksdemokratien ist das kaum und sogar nur unter Lebensgefahr möglich (KZ, Gulags etc.). In Demokratien sind Proteste in verschiedensten Formen einschließlich einer Abwahl der Mächtigen möglich. Dass Demokratie aber die absolute Freiheit bedeutet, ist eine Illusion. Die Freiheit beschränkt sich auf das Recht, dafür kämpfen zu dürfen. Das Durch- und Umsetzen der eigenen Ideen, meiner Freiheit, erfordert eine Mehrheit. Die ist nicht im Volk, sondern im Parlament zu suchen und zu finden (Ausnahmen: Volksbegehren und Volksabstimmung). Das macht die Sache nicht leichter. Denn dort dominieren nicht immer die Vernunft und das Wohl des Volkes, sondern oft auch das Wohl der Partei. Das Recht auf Freiheit dürfen wir also nicht mit Freiheit selbst verwechseln.

In der Demokratie bleiben vier Alternativen, wenn meine Freiheit und meine Rechte einge-schränkt sind: Ich kann die bestehende Ordnung akzeptieren, ich kann die Regeln mit demokratischen Mitteln bekämpfen, ich kann das System durch eine Revolution, friedlich oder gewaltsam, ändern oder - die letzte Möglichkeit - ich kann diese Gemeinschaft verlassen. Das Risiko von Revolutionen besteht darin, dass sie schwer steuerbar sind (Die Revolution frisst ihre Kinder.) und dass sie Freiheiten anderer verletzen. Die fünfte, für mich nicht zulässige, Alternative: Ich kann mich der JuS-Gemeinschaft (Gemeinschaft der Jammerer und Suderanten) anschließen und in Selbstmitleid verfallen.

Regeln, Verordnungen, Gesetze und gesetzliche Bestimmungen beschränken uns, schneiden ein Stück von der „Freiheitswurst“ ab, einmal mehr, einmal weniger spürbar.

Ich hoffe, dir mit meinen Ansichten und Ausführungen nicht deine Vorstellung von Demokratie zerstört zu haben. Aber wir profitieren von Regeln, auch wenn sie unsere Freiheit einschränken. Sie geben unserem Zusammenleben Sicherheit. So wie zwischen Freiheit und Regeln gibt es auch zwischen Freiheit und Sicherheit ein Zusammenspiel: Je mehr Sicherheit, umso weniger Freiheit. Was ist wichtiger? Als ich vor einiger Zeit in Linz in der Nacht auf der Landstraße unterwegs war, kamen mir Zweifel, ob ich nicht doch lieber ein Stück Freiheit gegen ein Stück Sicherheit tauschen sollte. Natürlich muss ich in der Nacht nicht unbedingt auf der Landstraße spazieren gehen, wenn es dort zu unsicher ist. Wie frei bin ich dann aber noch?

Die Möglichkeiten der digitalen Welt schüren unsere Angst, dass kein unbeobachteter Freiraum bleibt, dass wir die Freiheit verlieren. Andererseits fordern wir eine hohe Sicherheit. Wir wollen uns angstfrei bewegen, wehren uns aber dagegen, gefährliche Plätze videoüberwachen zu lassen. Gibt es vernünftige Grenzen, vernünftige Kompromisse? Mit einem 100%-en Datenschutz – leider inzwischen eine Illusion - wird unser Wunsch nach Sicherheit nicht zu befriedigen sein. Wie schaut aber eine „sichere Freiheit“ aus? Keine Lösung wird alle zufriedenstellen. Absolute Freiheit bei vollkommener Sicherheit zu fordern, ist wie der Wunsch nach Schwimmen im See, ohne nass zu werden. Oder ist diese Forderung nur ein Auswuchs von purem Egoismus oder einer kaum zu sättigenden Gier: Ich muss alles haben, will nichts hergeben. Viele glauben sogar, darauf ein Recht zu haben. Freiheit und Sicherheit – ein Gesetz von Geben und Nehmen, ein Tauschgeschäft? Etwas mehr Vernunft und noch mehr Demut könnten nicht schaden. Leider waren die beiden schon immer Mangelwaren.

Wie die Digitalisierung unsere Freiheit gefährdet, zeigt George Orwell erschreckend in seinem Roman „1984“. Das Buch soll uns wachsam machen, jede Regel und jede Bestimmung darauf zu prüfen, ob sie unsere Freiheit gefährdet. Aber die Freiheit ist nicht erst mit der Digitalisierung in Gefahr. Das Lied „Die Gedanken sind frei“ entstand Ende des 18. Jahrhunderts, zweihundert Jahre vor der Digitalisierung. Immer wollen die Mächtigen wissen, woher Gefahren für ihre Macht kommen können. Nicht die Mächtigen sind gefährlicher geworden, sondern die Perfektion der Informationen: von einfachen Spitzeln im Mittelalter, über Geheimdienste, Gestapo, Stasi bis zu systematisch gesammelten digitalen Daten. Immer wird die Sicherheit ins Treffen geführt, wenn uns Freiheit geraubt wird. Nicht das Sammeln von Informationen, sondern Machtgier und Machtmissbrauch sind die Gefahren.

In Österreich haben wir seit acht Jahrzehnten im Vergleich zu vielen anderen Ländern ein lebenswertes, wenn auch nicht optimales, Verhältnis von Freiheit und Sicherheit. Beide sind für uns selbstverständlich, an sie haben wir uns nicht nur gewöhnt, sie haben uns verwöhnt. Darauf können wir stolz sein. Trotzdem, oder gerade deswegen, müssen wir unaufhaltsam für und um sie kämpfen, müssen uns wehren gegen die Wölfe im Schafspelz, die Freiheit und Sicherheit gefährden, die sie uns wegnehmen wollen. Eine ausgeglichene Balance zwischen Freiheit und Sicherheit, eine „sichere Freiheit“, muss unser Ziel sein. Verantwortlich dafür sind wir alle. Umsetzen müssen es die Mächtigen. Dafür brauchen sie Weisheit, Demut, vor allem aber die Liebe. All das wünsche ich ihnen und somit uns allen.

 

 

Leonding, 13.09.2025                                                                              Alois Markschläger

Freiheit - Gedankenspiel: Teil II: Freiheit und Regeln

Zu dem Thema Freiheit habe ich meinen Gedanken freien Lauf gelassen. Da sie stärker als vermutet gesprudelt sind, habe ich sie folgendermaßen unterteilt:

·        Teil I: Erste Erfahrungen (Blog vom 29.08.2025)

·        Teil II: Die Freiheit und Regeln (Blog vom 05.09.2025)

·        Teil III: Gesetze begrenzen unsere Freiheit

·        Teil IV: Der geheimnisvolle „man“ und die Freiheit

·        Teil V: Das Sterben von „man“ und seine Folgen

·        Teil VI: Die eigene Versklavung

Einige Punkte in diesem Teil weisen auf die bisherigen Artikel hin. Der Blog wird verständlicher wenn du die bisherigen Teile zumindest grob kennst.

Teil II: Freiheit und Regeln

Regeln schränken uns ein. Gleichzeitig sollen sie uns schützen. Nicht immer sind wir begeistert und bereit, Regeln, die sich andere für uns ausgedacht haben, einzuhalten. Wir wehren uns gegen ein Leben, das andere für uns gestalten wollen. Halten wir die Regeln nicht ein, sollen uns Sanktionen „zur Vernunft“ bringen und zwingen. Meist gelingt das. Aber nicht immer lassen wir uns brechen, nicht immer lassen wir uns etwas von unserer „Freiheitswurst“ rauben. Auch wenn wir verstehen, dass eine Familie, eine Gemeinde, ein Verein, eine Schule, eine Gesellschaft nur mit funktionierenden Regeln bestehen können, wehren wir uns dagegen. Wir wollen das nicht. Diese Regeln stören unserer Ballonfahrt. Sie nehmen uns die Möglichkeit, in höhere Regionen aufzusteigen, einen besseren Ausblick zu haben ….

Möglicherweise schützen sie uns. Schützen uns vor noch unbekannten Gefahren, die in unergründeten Höhen liegen. Vielleicht unterschätzen aber die „Regelgeber“ unseren Mut, unser Können, unsere Geschicklichkeit. Es könnte sein, dass sie uns nicht in Höhen lassen wollen, in die sie sich selbst nie gewagt haben, in die sie nicht aufsteigen durften, …. Alle behaupten, es gut mit uns zu meinen. Aber wie so oft, ist auch hier „gut gemeint“ vielleicht das Gegenteil von „gut“.

Regeln werden nur gehalten, wenn Sanktionen bei ihrem Brechen gesetzt werden. Die Sanktionen sind recht unterschiedlich. Sie reichen vom scharfen Blick des Vaters, gehen über die sichtbare Enttäuschung der Mutter, dem Nachsitzen in der Schule, manchmal sogar über körperlicher Gewalt, bis zu Gerichtsverfahren mit entsprechenden Strafen. Hat die Gesellschaft Angst, jemand könnte sich auch künftig nicht an ihre Regeln halten, schließt sie ihn durch Haftstrafen – im Extremfall lebenslänglich – oder sogar durch die Todesstrafe aus. Regeln funktionieren nur mit Sanktionen: Beispiel: Ignorierst du laufend Geschwindigkeits-beschränkungen und wirst du dafür nie bestraft, wirst du dein Verhalten nicht ändern. Die Regel hat keine Wirkung. Ohne Sanktion kann man sie auch abschaffen.

Eine Gemeinschaft ohne Regeln gibt es nicht. Ohne Regeln zerfällt eine Gesellschaft. Deutlich sichtbar wird dies in Familien, in denen es keine Regeln mehr gibt oder diese ihre Gültigkeit durch fehlende Sanktionen verloren haben. Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in der Gemeinschaft „Schule“ zeigen auch, dass Regeln ohne Sanktionsmöglichkeiten wirkungslos sind. Die unwürdigen und menschenverachtenden Sanktionen der vorigen Jahrhunderte wurden in der Schule, Gott sei Dank, beseitigt. Neue wirksame Sanktionen an ihrer Stelle fehlen. Keiner weiß, wie die aussehen können. Die Folge ist teilweise ein Chaos, unter dem alle leiden. Ob ein Ausschluss aus dieser Gemeinschaft, wie dies auch sonst in unserer Gesellschaft praktiziert wird, eine richtige Sanktion wäre? Der Schaden durch einen Ausschluss könnte wie bei manchem anderen Ausschluss aus einer Gemeinschaft größer sein als ein möglicher Nutzen. Hat eine Gemeinschaft, die durch Regeln und Sanktionen nicht zu sichern ist, in dieser Form sogar ihre Existenzberechtigung verloren? Welche anderen Gemeinschaften oder Lernmethoden könnten die Schule ersetzen?

Mit steigendem Alter wachsen unsere Möglichkeiten, die Freiheit ausgiebiger zu nutzen, was nicht alle wagen. Wir sind reifer, sicherer, erfahrener geworden. Wir haben bereits viele Ballonfahrten hinter uns. Jetzt können wir uns schon höher hinauf wagen. Und unsere Umgebung lässt uns auch manche gewagte Fahrt unternehmen. Leider sind viele durch zahllose verhinderte Versuche schon so entmutigt, dass sie sich mit kleinen Ballonfahrten in gesicherten Höhen nur bei Schönwetter zufriedengeben. Ihre Neugier und ihr Freiheitsdrang haben unter Regeln und Sanktionen zu stark gelitten. Viele verhalten sich wie der Bär, der ein Leben lang in einem Gitterkäfig eingesperrt war. Als man das Gitter entfernte, verließ er trotzdem nicht den Käfig. Das ewige Gitter und wahrscheinlich auch das gute Essen hatten ihn zahm und gefügig gemacht. Aber so wie der eine oder andere Bär trotzdem seinen Käfig verlässt, können auch wir vielleicht erst im Alter ausbrechen. Dann sind wir wirklich frei, dann können wir unsere Ballonfahrt genießen. Es gelten nur noch die Regeln der Ballonfahrt. Die Erde ist so weit weg, dass sie uns nicht mehr beeinflusst. Es gibt keine Vorschriften mehr. Von der Erde aus sieht man unseren Ballon schon fast nicht mehr. Um mit Reinhard Mey zu sprechen: "Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein." So genussvoll könnte unsere Freiheit im und nach dem Tod sein. Wir wissen es nicht. Noch kein Ballonfahrer ist nach dieser Fahrt zurückgekommen. Vielleicht zieht er in ein Paradies ein. Hoffentlich hat sich inzwischen das Paradies geändert. Denn sogar im Paradies - für mich der Inbegriff der Freiheit - gab es für Adam und Eva eine Regel, an die sie sich zu halten hatten: „…aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon darfst du nicht essen…“. Die Sanktion zu dieser Regel war die Todesstrafe: „… denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben ...“ Also grenzenlos war die Freiheit nicht einmal im Paradies.

Vielleicht im nächsten Paradies – die Hoffnung stirbt zuletzt.


Leonding, 05.09.2025                                                                     Alois Markschläger


   

Freiheit - Gedankensplitter Teil I: Erste Erfahrungen

Zu dem Thema Freiheit habe ich meine Gedanken frei gelassen. Da sie sehr stark geflossen sind, habe ich sie etwas geordnet:

·        Teil I: Erste Erfahrungen

·        Teil II: Die Freiheit und Regeln

·        Teil III: Gesetze begrenzen unsere Freiheit

·        Teil IV: Der geheimnisvolle „man“ und die Freiheit

·        Teil V: Das Sterben von „man“ und seine Folgen

·        Teil VI: Die eigene Versklavung

Diese sechs Kapitel werde ich in den nächsten Wochen auf meinen Blog stellen.


Teil I: Erste Erfahrungen

Freiheit verbinde ich mit dem Bild von einem Heißluftballon. Ob der Ballon fährt (Heißluftballone fliegen nicht, sie fahren.) oder auf der Erde ist, hängt von einigen Faktoren ab: Von der Wärme im Ballon (dem Freiheitsdrang), ob ihn die Start- und Landeleine noch am Boden hält und von den Gewichten, die ein Aufsteigen hemmen oder verhindern. Wo ist dein Ballon der Freiheit gerade? Noch nicht angewärmt, festgehalten auf der Erde, in luftigen Höhen, in einen Sturm geraten weit über dem Boden ….?

Bei der Geburt ist unser Ballon am Boden. Das Feuer entwickelt noch zu wenig Wärme zum Aufsteigen. Noch müssen ihn kein Seil oder schwere Gewichte halten. Aber die Flamme, die ihn zum Abheben bringt, ist schon gezündet. Sie wird klein gehalten und jeder Versuch abzuheben, wird genau beobachtet und meist verhindert. Ob wir es wollen oder nicht, mit der Geburt sind wir Teil unserer Familie, unserer Gemeinde, unseres Staates geworden. In der Geburtsurkunde steht es schwarz auf weiß. Wir sind ein Teil eines Systems, ein Teil der Gesellschaft. Und diese Gesellschaft wirkt auf ihre Mitglieder. Sie beeinflusst und kontrolliert unsere Entscheidungen, unsere Freiheit. Mit der Aufnahme in die Gesellschaft haben wir einen Teil unserer Freiheit verloren. Man hat uns nicht einmal mitentscheiden lassen. Als Gegenleistung bekommen wir die Chance zu überleben. Ist ja auch nicht ganz unbedeutend. Es wurde, wie so oft noch in unserem späteren Leben, Freiheit gegen Sicherheit getauscht. Aber uns stehen ja noch viele Freiheiten in dieser Welt offen, die wir später noch nutzen können und nutzen werden. Jetzt wäre es noch zu gefährlich, allein mit unserem Ballon abzuheben. Aber schon bei unseren ersten Versuchen kommt jemand, befestigt Gewichte am Korb unseres Ballons und sichert ihn mit einer Leine: Zeiten zum Essen und zum Schlafen bestimmen wir nicht mehr alleine, keiner fragt uns, ob uns die uns verpasste Kleidung gefällt …. Schnell sind wir fremdbestimmt. Wenn das nicht unseren Vorstellungen von der Freiheit entspricht, äußern wir dies sofort und meist auch lautstark. Die Zustimmung und die Begeisterung für unseren Freiheitsdrang halten sich in überschaubaren Grenzen.

Bei der Geburt haben wir eine unvorstellbar lange „Freiheitswurst“ bekommen. Und fast gleichzeitig damit werden die ersten Scheiben abgeschnitten. Mit steigendem Alter mehren sich die Einschnitte: Vorschriften, Wünsche, Gewohnheiten, Erwartungen, Willkür ... beschränken unseren Lebensgenuss. Teilweise leben wir nicht, wir werden gelebt. So sehr wir uns bemühen, unser Ballon kommt fast nicht von der Erde weg. Aber irgendwann fliegen – Entschuldigung, fahren – wir. Und das Gefühl ist herrlich, wenn auch alle rund um uns darauf achten, dass wir nicht zu weit abheben. Je höher wir aufsteigen, umso mehr Regeln schränken uns ein, umso mehr Scheiben müssen wir von unserer „Freiheitswurst“ hergeben: Unser Essen, unser Reden, unser Benehmen …. bestimmen wir nicht mehr selbst. Wir müssen funktionieren. Viele sorgen sich um unsere Sicherheit und um unser Wohlergehen. Ist es doch so gefährlich da oben in unserem Ballon. Alle meinen es gut mit uns. Ganz schlimm wird es dann in der Schule: Verlust der Redefreiheit, der Bewegungsfreiheit, der Zwang zum Lernen, der Leistungsdruck … Keiner fragt uns, ob auch wir das wollen. Nicht wir, andere, die Eltern, die Familie, die Lehrer, die Gesellschaft, der Staat … machen die Regeln. Jede dieser Regeln raubt uns ein Stück unserer Freiheit, schneidet eine Scheibe von unserer „Freiheitswurst“ ab. 

Allmählich bemerken wir aber, dass diese „Freiheitswurst“ eine Wunderwurst ist: Je mehr jemand davon abschneidet, umso rascher und stärker wächst sie nach. Und sie ist nicht mehr so klein wie früher, sie wächst immer mehr. Sie wächst so gewaltig, dass sie unserer Umgebung fast das Fürchten lehrt. Wir müssen nur an ihre Kraft glauben, dann versetzt sie Berge. Das bezeichne ich als das Wunder der Freiheit. Leider kommen nicht alle in den Genuss, ihre „Freiheitswurst“ nachwachsen zu sehen. Ihre „Freiheitswurst“ wurde so radikal und brutal beschnitten, dass kaum etwas geblieben ist, dass sie nicht mehr wächst, dass sie nicht mehr wachsen kann. Mögen die, die diese Wurst geraubt haben, daran ersticken.

Für die gespendete, die geraubte oder die gestohlene „Freiheitswurst“ gibt es aber etwas zurück. Man verspricht uns, uns zu schützen, uns angenehm leben zu lassen. Für die „Freiheitswurst“ bekommen wir ein Stück „Sicherheitswurst“. Manchmal ist das Stück größer, manchmal kleiner, immer aber schmeckt sie anders als die geliebte „Freiheitswurst“. Sie ist nicht besser oder schlechter, nur anders. Angeblich brauchen wir beide für eine gesunde Ernährung. Die Freiheit entspricht dem Abheben unseres Heißluftballons. Wir können aber nicht immer oben bleiben, aus vielen Gründen müssen wir zurück auf die Erde. Dort ist es sicher. Freiheit und Sicherheit sind wie Yin und Yang: Das eine besteht nur, weil es das andere gibt und umgekehrt. Oft sehnen wir uns danach, wünschen uns und stellen uns vor, dass es nur die Freiheit gibt oder geben sollte. Die andere Seite sehen wir nicht, weil wir sie nicht sehen wollen. Hier gleichen wir verwöhnten Einzelkindern, die ihre Wünsche erfüllt haben möchten. Einzelkinder kennen keine anderen Kinder, kennen keine anderen Kinderwünsche. Nur ihre. Und sie setzen ihre Wünsche fast immer durch. Das ist ein tolles Gefühl. Das ist aber nicht das Leben. Das Leben ist Yin und Yang. Erst spät – manchmal zu spät – bemerken sie andere Sichtweisen und deren Berechtigung. Um das richtige Maß zwischen Freiheit und Sicherheit zu finden, brauchen wir die Demut, das Gefühl, das uns sagt, was uns zusteht und wo wir unsere Grenzen haben. Diese Grenzen decken sich aber nur selten mit den Grenzen, die uns unsere Umgebung setzt oder setzen will.


Leonding, 30.08.2025                                                                     Alois Markschläger


Mensch und Fluss, Fluss und Mensch - Gedanken fließen

Ein Fluss besteht fast zu 100 %, der Mensch zu 50% bis 65% aus Wasser. Sind wir ein halber Fluss? Wo sind wir einander ähnlich? Wie unterscheiden wir uns? Ist der Fluss Partner? Ist er ein Symbol? Ist er Lehrmeister?
Meinen Gedanken habe ich freien Lauf gelassen. Ich habe sie fließen lassen. Ich habe sie nicht in Flaschen oder Fässer gefüllt. Ich habe sie nicht fertig gestellt. Bei dir sollen sie weiterfließen.

Der Fluss strebt immer bergab. Er will nach unten. Er schafft sich seinen Weg. Je steiler es ist, umso schneller wird er, umso mehr gräbt er sich ein, umso höher wird das Ufer, umso weniger Freiheit hat er. Erst mit der Langsamkeit wird er zum Fluss, zum Strom. Erlangt er Würde. Das wilde Jugendliche ist gewichen … Vorbild, Abbild, Sinnbild oder Trugbild?

Der Fluss strebt immer nach vorne, er schaut nie zurück. Er sucht seinen Weg. Er scheut keinen Umweg (Schlögener Schlinge). Er kommt immer ans Ziel, ans Meer, ins Meer. Dort nur noch Wasser, kein Fluss mehr… Vorbild, Abbild, Sinnbild oder Trugbild?

Der Fluss ist selbstlos. Was ihm nahe kommt, nimmt er mit. Er prüft nicht, was es ist. Bemerkt nicht, ob es ihm schadet. Es muss weg. Ist es Gier, Gedankenlosigkeit, Güte, Raffsucht, Dummheit? .… Vorbild, Abbild, Sinnbild oder Trugbild?

Der Fluss ist hilfsbereit. Er transportiert alles. Er trägt Vieles, aber nie die Verantwortung: Falsch geladen, untergegangen … Vorbild, Abbild, Sinnbild oder Trugbild?

Der Fluss ist langsam, er fließt. Er läuft nicht, er springt nicht. Er verändert sich laufend, aber langsam. Er ist immer der gleiche, nie derselbe. … Vorbild, Abbild, Sinnbild oder Trugbild?

Der Fluss beginnt klein, sehr klein. Abwechslungsreich und turbulent ist sein Werden. Vielen ist er begegnet. Er hat sie aufgenommen. Er hat sie mitgenommen. So ist er gewachsen. Den Kleinen lässt er keine Chance. Die müssen mit. Die braucht er. Die nützt er. Er ist so brutal… Vorbild, Abbild, Sinnbild oder Trugbild?

Der Fluss fließt. An der Oberfläche ist er majestätisch. Nur starke Stürme wirbeln ihn auf. Unter der Oberfläche ist es nicht immer ruhig, oft turbulent. Das wissen aber nur die Eingeweihten, die Fische und die Taucher. … Vorbild, Abbild, Sinnbild oder Trugbild?

Der Fluss hat seine Grenzen. Die stören ihn. Gegen sie kämpft er an. Er will sich nicht unterordnen. Er setzt sich durch. Er ist kaum aufzuhalten. Bekommt er zu viel Wasser, wird er übermütig. Dann zeigt er seine Macht. Er wird gewalttätig. Es herrscht volle Brutalität … Vorbild, Abbild, Sinnbild oder Trugbild?

Der Fluss verändert. Er entwickelt. Er schleift die härtesten Steine. Er macht alles rund. Er nimmt sich Zeit für Veränderungen. Er verschont nichts. Er selbst aber bleibt gleich… Vorbild, Abbild, Sinnbild oder Trugbild?

Der Fluss ist geduldig. Er erlaubt Brücken über ihm. Er gestattet Tunnels unter ihm. Er akzeptiert Bauten in und um ihn. Aber er bestimmt ihre Grenzen: Grenze überschritten - eingestürzt … Vorbild, Abbild, Sinnbild oder Trugbild?

Du und der Fluss:
Er tut dir nie weh. Er ist immer zart. Er ist wie die Luft. Er trägt dich. Er bestimmt das Tempo. Mit ihm zu schwimmen, ist ein Genuss, ist Leichtigkeit. Da geht’s dahin. Quer oder gar dagegen wird schwierig oder unmöglich. Er setzt die Regeln. Er bestimmt auch die Sanktionen bei einem Regelbruch: Er lässt dich ersaufen. Hier gelten seine Regeln. Er ist der Chef. … Vorbild, Abbild, Sinnbild oder Trugbild?

Sollten die Eigenschaften und Besonderheiten von Flüssen auch bei uns Menschen im Verhältnis unseres Wasseranteils zutreffen, ist es vielleicht ganz angenehm, dass wir nicht zu zu stark verwässert sind. 50% reichen. Es stellt sich nur die Frage, welche 50% bei jedem Einzelnen von uns zum Tragen kommen.

 

Leonding, 18.08.2025                                                                                 Alois Markschläger

Zwischen Burnout und Work-Life-Balance

Burnout wird als „Zustand einer Erschöpfung, die als Folge exzessiver Anforderungen an die persönliche Energie, Kraft und Einsatz entsteht,“ definiert und wurde 1974 erstmalig von H. Freudenberger, einem Psychoanalytiker, verwendet. Es gab auch vor 1974 erschöpfte und ausgelaugte Menschen, aber nicht in der jetzt auftretenden Häufigkeit.

Was ist passiert? Warum gerade jetzt? Warum gerade in einer Zeit, in der es uns - zumindest uns in den Industriestaaten - immer besser ging?
Die Lösung dieser Fragen finden wir nicht nach einem „warum“. Dazu brauchen wir die Neugier eines Kindes: „Warum ist mir so heiß?“ - „Weil es hier so warm ist!“ - „Warum ist es hier so warm?“ - „Weil die Sonne so hochsteht!“ – „Warum ……?“ ……… Auf viele „warum“ gibt es mehrere Antworten, auf die ein weiteres „warum“ folgt. So entsteht ein „Fragen-Antworten-Baum“. Einige wenige Äste des Fragen-Antworten-Baumes „Burnout im zwanzigsten Jahrhundert und danach“ habe ich angeschaut. 

Häufig wird als Ursache für Burnout eine berufliche Überforderung genannt. Durch den Druck im Beruf entsteht eine Spannung. Ein überspannter Bogen bricht, wenn er nicht entspannt wird. So reagiert auch unser Körper: Spannungen kann er verkraften, sobald eine Entspannung erfolgt. Diese sollte in der Freizeit erfolgen. Freizeit dient der Erholung, dient der Entspannung. Burnout ist daher die Folge des Zusammenspiels von Beruf und von Freizeit.

Betrachten wir zuerst die Spannungen im Beruf. Das „falsche“ Freizeitverhalten kommt später. Eine berufliche Überforderung kann fachlich, zeitlich oder persönlich verursacht sein. Dabei ist die zeitliche meist auch durch die fachliche begründet: Fehlendes Wissen oder fehlende Persönlichkeitsmerkmale werden durch einen überdimensionalen Einsatz ausgeglichen. Ein Einsatz, der bei vielen Positionen als selbstverständlich gilt.
Durch die rasche Veränderung der beruflichen Anforderungen entsteht Unsicherheit. Ein ständiges Lernen, eine ständige Spannung sind die Folge.
Persönliche Überforderungen habe ich vor allem bei Workaholics festgestellt: Wenn sie arbeiten, plagt sie das schlechte Gewissen, weil sie Familie und Freunde vernachlässigen. Arbeiten sie nicht, vernachlässigen sie ihre beruflichen Aufgaben.

Ein hoher zeitlicher Einsatz führt nicht zwangsläufig zu einer Überforderung und zu einem Burnout. Gefährlich wird es, wenn Erfolgserlebnisse fehlen. Diese bewirken die notwendige Entspannung. Daher mein Leitsatz: Mach alles aus Begeisterung, nichts des Geldes wegen (Mit dem Zusatz: Aber lass dir deine Begeisterung gut bezahlen!)! Ich habe fast fünf Jahrzehnte lang nie unter 50, die meisten davon sogar mit 65 oder mehr Wochenstunden gearbeitet und war nie von einem Burnout bedroht. Die erlebten Erfolge haben mich entschädigt und waren teilweise „richtig geil“. (Vielleicht habe ich auch einen kleinen Vogel.)

Warum (das zweite „warum“) entscheidet sich jemand für einen Beruf, der ihn überfordert und er bleibt trotzdem? Dafür gibt es vor allem zwei Ursachen: Das höhere Einkommen und das höhere Ansehen in der Familie, bei Freunden, bei Kollegen und bei Bekannten. Auch das höhere Einkommen dient letztlich dem höheren Ansehen (Was die sich alles leisten können!). Bis vor wenigen Jahren wagte es kaum jemand zu sagen, dass er keinen Stress hat. Jemand ohne Stress galt als Loser, als Verlierer und Versager, der keine wichtige Position bekleidete, keine Macht hatte. Wer Stress hatte, war deswegen noch nicht angesehen, aber ohne Stress war es richtig schwierig, bedeutend zu erscheinen.

Warum (das dritte „warum“) ist aber die Anerkennung durch Freunde, Verwandte, manchmal auch durch die eigne Familie so wichtig? Warum muss der gesamten Umwelt bewiesen werden, dass man leistungsfähig, dass man wichtig ist? Vor allem – auch Stolz und Eitelkeit spielen hier eine Rolle - ist ein zu geringer Selbstwert schuld: Die Anerkennung von außen gleicht den kleinen eigenen Wert aus: Der Aufstieg zum Abteilungsleiter, das neue Auto, der Urlaub in der Karibik … sind die Instrumente dafür. Die Überforderung ist der Preis, der bezahlt wird.

Für die Anerkennung erfüllen wir nicht nur unsere Grundbedürfnisse, wir „überbefriedigen“ sie: Essen nicht zu Hause, sondern Speisen beim Haubenkoch, Fahren nicht mit den Öffis, sondern mit dem Zweit- oder Drittauto, Erholung nicht bei Wanderungen in der Umgebung, sondern durch einen Urlaub in der Karibik … Manchmal sind es auch Scheinbedürfnisse, die wir befriedigen. Niemals wäre ein Neandertaler auf die Idee gekommen, eine weitere Wildsau zu erlegen, damit er mehr Fleisch vorrätig hat als sein Nachbar.
Und diese unsere Schwächen nützt die Wirtschaft und lebt davon, lebt teilweise gut davon.

Der Druck, den wir uns so auferlegen, ist nicht nur für ein Burnout eine gute Basis. Auch einer zweiten Krankheit, der Kaufsucht, sind Tür und Tor geöffnet. Dabei sollten wir aber den Anteil von Neid und Gier nicht unterschätzen. Aber das ist eine andere Baustelle.

Warum werden die Spannungen aus dem Beruf nicht in der Freizeit abgebaut? Warum suchen viele diese Entspannung, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht? Warum haben wir das Leistungsprinzip aus dem Berufsleben sogar in unsere Freizeit mitgenommen? Warum ist aus der Freizeit teilweise ein Wettbewerb entstanden? Ist die Freizeit wirklich noch eine freie Zeit?
Warum muss man jedes Wochenende Freunde einladen, Einladungen wahrnehmen, sportliche Höchstleistungen bringen ….? Wird auch in der Freizeit nach Anerkennung, vielleicht nach Nähe, nach Liebe … gesucht?

Die Antwort auf diese „warum“ hatten wir schon weiter oben: ein zu niedriger Selbstwert. Anerkennung von außen ist notwendig, wenn wir uns selbst zu wenig wert sind. Wir brauchen die Liebe, wenn wir uns selbst zu wenig gernhaben. 

Die Folge von Überforderung im Beruf und von fehlender Entspannung in der Freizeit ist das Risiko, ein Burnout zu erleiden.

Noch ein letztes „warum“ (Es gibt noch unzählig viele „warums“.): Warum passierte dies gerade in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und in den Folgejahren?
Die Gesellschaft hatte sich verändert. Vorher waren Macht und Reichtum für den Großteil nur durch Besitz und nicht durch Arbeit zu erreichen. (1867 erschien der erste Band von „Das Kapital“ von K. Marx.). Mit fortschreitender Industrialisierung ergaben sich viele Möglichkeiten zu einem Wohlstand: Finanziell interessante Arbeitsplätze entstanden, der Weg in die Selbständigkeit war leichter geworden …...

Die Arbeitsweise hatte sich geändert: Ein Bauer bestellt im Frühjahr seine Felder. Dann lässt er die Natur und den lieben Gott arbeiten – jetzt kann er entspannen -, um später zu ernten. Im Winter kehrt Ruhe ein. Heute arbeiten wir in fast allen Berufen das ganze Jahr. Wir haben die Jahreszeiten und teilweise sogar die Tageszeit gleich gemacht. Natürliche Lebensrhythmen missachten wir.

Vielleicht haben uns auch Lebensängste und die Gier vorwärts getrieben. Den Bibelspruch "Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch," haben wir entweder nicht gelesen oder nicht verstanden.

Andererseits stiegen mit der Verkürzung der Arbeitszeit (geringere Wochenarbeitszeit, längere Urlaube ..) die Freizeitangebote, die genutzt werden wollten.
….. 

In den letzten Jahren hat sich eine neue Lebens- und Berufseinstellung in der Gesellschaft breit gemacht, die Work-Life-Balance: Der Beruf wird nicht über das Leben, sondern maximal gleichrangig zur Freizeit gestellt. Aus dem Extremmotto „Leben, um zu arbeiten“ wurde eher ein „Arbeiten, um zu leben“.

Auch hier die Frage nach dem „warum“.

Die jüngsten Generationen kennen „nur“ die neuen Gesellschaftsformen. Den Wandel selbst und die Zeit davor haben sie nicht erlebt.

Der wirtschaftliche Erfolg und die damit verbundenen Annehmlichkeiten sind selbstverständlich geworden. Arbeitslosigkeit und Armut sind so selten und besser abgesichert als früher, dass sie für einen Großteil nicht bedrohlich wirken.

Soziale und wirtschaftliche Unterschiede bestehen noch immer. Aber für viele ist heute das Leben auch ohne berufliche Überforderungen lebenswert gestaltbar: Höhere Verdienste, doppelte Familieneinkünfte, soziale Unterstützungen, geringere Kinderzahl, langfristige Sicherheit durch mögliche Erbschaften etc. ermöglichen dies.

Negative Kindheitserlebnisse durch überarbeitete Eltern, gesundheitliche Schwierigkeiten etc. sind weitere Gründe, einen neuen Weg zu gehen.

Es ist schwieriger geworden, zusätzliche Anerkennung einzuheimsen, wenn sich ohnehin – fast – jeder ein neues Auto, einen exklusiven Urlaub …. leisten kann.
Zur Auflockerung ein Witz: Ein Arzt und ein zugewanderter Türke wohnen nebeneinander. Sie vergleichen ihren Besitz und stellen fest, dass kaum Unterschiede bestehen. Zum Abschluss strahlt der Türke: „Aber wenn wir beide verkaufen wollen, ist mein Haus mehr wert. Ich kann dem Käufer sagen, dass sein Nachbar ein Arzt ist, und du musst ihm sagen, dass ein Türke sein Nachbar ist.“

Viele bisher logische Gründe für einen hohen Arbeitseinsatz haben ihre Bedeutung verloren.

Möglicherweise wird heute das Motto der Work-Life-Balance übertrieben und es wird für den wirtschaftlich notwendigen Gesamterfolg zu wenig gearbeitet (Die Jahresarbeitszeit ist in China um ca. 50% höher als bei uns.). Dadurch kann die Wirtschaft in Schwierigkeiten geraten. Aber wahrscheinlich ist dies wie bei vielen Gegenbewegungen: Zu Beginn schlägt das Pendel stärker aus. Ein vernünftiger Mittelweg zwischen „Burnout“ als Symbol der übertriebenen Geschäftigkeit und einer „gesunden“ Work-Life-Balance erscheint mir erstrebenswert und kann sich in den nächsten Jahren ergeben.

Dabei sollten wir bedenken, dass ein hoher Lebensstandard nur durch einen überdurchschnittlichen Einsatz errungen und gehalten werden kann. Dieses Niveau können wir nur mit Leistung und nicht über Zuschüsse oder Subventionen erhalten. Sind wir dazu nicht bereit, wird unser Standard sinken. Die Umwelt würde uns das danken.

Wollen wir den Standard halten, aber weniger arbeiten, dann müssen wir welche holen, die für uns die Arbeit machen. Die werden sich finden. Allerdings werden die, die die Arbeit machen, auch die sein, die uns bezahlen. Und dabei wird das Motto „Wer zahlt, schafft an“ weiter seine Gültigkeit behalten.

Vielleicht finden wir einen Mittelweg zwischen lebenswertem Komfort, menschlichem Arbeitseinsatz und Unterstützung durch zusätzliche Kräfte. Wenn wir diesen Weg nicht suchen, werden wir ihn nicht finden und werden ihn nie gehen können. Machen wir uns auf den Weg!

 

Leonding, 01.08.2025                                                                                   Alois Markschläger

Wortspiel: einmal "unter" einmal "über"

 

Lust zu einem Wortspiel?

Ein Spiel mit Worten lässt uns unsere Sprache besser verstehen. Vorsilben verändern oft den Sinn von Wörtern recht wesentlich. Ich habe mit „unter“ und „über“ gespielt.
Wie so oft bei Wortspielen: Nicht alles ist gescheit, nicht immer originell, aber Manches zum Nachdenken, Einiges vielleicht zum Schmunzeln.

Das Haus überschreiben - ja
Aber vorher den Vertrag unterschreiben.
Unterzeichne nichts,
was überzeichnet ist.

Ist der Empfänger untergeben?
Egal, das Übergeben zählt.

Überweisen ist einfach
Kann auch mit Unterweisen erledigt werden.
Überziehen kannst du vermeiden,
Musst dich aber der Sorgfalt unterziehen. 

Alle Unterlagen überlassen,
eher unterlassen.

Unterschlagen sollst du verhindern,
ohne dich zu überschlagen

Manchmal ist Unterwerfen vernünftiger
als sich zu überwerfen.

Untersteh dich, alles zu machen,
um es zu überstehen.

 Unterbleibt zu viel,
bleibst du über.

Zu viel unternehmen -
Übernehmen kommt sofort.

 Untergehen folgt,
wenn der Topf übergegangen ist.
Sorgen über dein Unterkommen
Werden dich überkommen.

Besser Unterbieten oder überbieten?
Hängt davon ab, auf welcher Seite du stehst.

Durch die Unterführung
Entging er der Überführung.
Ein gefährlicher Übergang
Wäre sein Untergang gewesen.
Untertauchen ist also besser,
als etwas zu übertauchen.

Auch einem Überläufer
können Fehler unterlaufen.

Sich überschätzen,
bedeutet Gefahren unterschätzen.
Manche fühlen sich überlegen,
obwohl sie eher unterlegen.sind
Hätten sie vorher überlegen sollen?

 Übertreiben liegt nahe an der Lüge -
Untertreiben auch nicht die Wahrheit. 

Unterbelegt – ein Schaden für den Hotelier
Überbelegt – ein Schaden für den Gast.

Überversichern kann teuer sein,
Unterversichern teuer werden.

Wir konnten alle überreden,
uns zu unterreden.
Viele haben untereinander
Übereinander getratscht.
Die Informationen überbringen,
können wir immer unterbringen.

Jede Überordnung
Verlangt eine Unterordnung.

Etwas mit Musik untermalen – romantisch.
Ein Bild übermalen – einfallslos.
Überbelichtet – unbrauchbar
Unterbelichtet – wenig erkennbar.

Gefahren unterspielen - falsches Heldentum,
Sie überspielen – vielleicht Dummheit.

Der Unterbau allein
Schützt nicht vor dem Einsturz.
Auch der Überbau muss okay sein.

Ein untertouriges Auto kann übersteuern,
vielleicht untersteuert das übertourige. 

Ein Gewitter überstehen
Unterstehen kann nicht schaden.

Unterbeschäftigung schadet der Wirtschaft.
Ganz toll ist Überbeschäftigung auch nicht.
Aber die Beschäftigung bestimmt,
ob du unterbezahlt oder überbezahlt bist.

Sogar Überbewertete können sich
Unterbewertet fühlen.

Bei Überforderung fehlt der Erfolg.
Unterforderung macht auch nicht glücklich.

Überfahren ist schmerzhaft,
unterfahren auch.

 Warum übersetzen ein Gegensatz von untersetzen ist,
muss mir noch einer übersetzen.

 Es gibt noch viele „über“ und „unter“,
Aber irgendwann muss Schluss sein,
soll es nicht drüber und drunter gehen.

Wenn dir zu Unterfallen, Unterheben, Unterliegen, Untermischen, Unterziehen, Unterfließen, Unterfallen, Unterdrücken, Unterbrechen, Unterstufe, Unterheblich, Unterhaltung, untersagen, unterladen, Unterhalt, Unterhemd …… noch etwas einfällt, schreibe es im Kommentar dazu. Ist sicher eher unterhaltsam als „überhaltsam“.

 

Leonding, Juli 2025                                                                          Alois Markschläger

Wir brauchen wieder richtige Männer - aber andere

Vor 76 Jahren im Jahr 1949 (zufällig auch mein Geburtsjahr) wurde die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in das Grundgesetz der BRD (In Österreich bereits 1920) aufgenommen. In diesen 76 Jahren haben sich die Stellung, die Achtung und das Leben der Frauen in unserer Gesellschaft deutlich verbessert, wenn diese Entwicklung auch noch nicht abgeschlossen ist. Wie bei vielen Entwicklungen gibt es auch hier Fehlentwicklung. So glaubten einige die Gleichstellung mit der Aneignung der Eigenschaften der „starken Männer“ zu erreichen: Rauchen, Saufen und Machogehabe. Statt emanzipierten Frauen sind Männerkopien entstanden.

Weitgehend verstehen wir unter Emanzipation die Gleichberechtigung und die Selbst-bestimmung der Frau. Allgemein formuliert bedeutet Emanzipation die Befreiung von äußeren oder inneren Zwängen. Wir Männer haben eine Befreiung von inneren und äußeren Zwängen kaum gefordert. Zu gering war für uns die Belastung durch diese Zwänge. Zu stolz, zu männlich waren (sind) wir, zu stark und zu mächtig haben wir uns eingeschätzt. Deshalb haben wir nicht um diese Befreiung von inneren und äußeren Zwängen gekämpft, haben wir eine Emanzipation nicht gebraucht. Außerdem glauben wir, die Macht in der Gesellschaft zu haben. Und die Mächtigen können die Welt gestalten. Die Welt vielleicht schon, aber uns selbst? Eine Veränderungsnotwendigkeit schien und scheint noch immer nicht gegeben.

Natürlich haben wir auf Emanzipationsbewegungen reagiert. Einige haben das traditionelle Bild des „harten und starken Mannes“ abgelegt oder sind ihm ausgewichen. So wurden aus vielen Männern teilweise sogenannte „Softies“ oder sie sind dazu erzogen worden. Aber so wie die harten und starken Frauen eine Kopie von Männern geworden sind, so sind die Softies vielfach Kopien des „alten“ Frauenbildes. Dabei gehen die Eigenschaften, die eigentlich den Mann bzw. die Frau ausmachen, bei beiden verloren.

Kaum haben wir Männer es geschafft, die 50% Frau, die uns mit der Zeugung mitgegeben wurden, in uns zu entdecken, geschweige denn zu leben und anzuerkennen: Ein Mann muss(te) stark sein. Ein Mann weint nicht. Ein Mann kennt keinen Schmerz …. Solche und weitere Botschaften haben uns Männer erzogen, geformt und sehr oft auch unglücklich gemacht.

Dadurch kommen viele befreiende Eigenschaften bei uns zu kurz. Hier benötigen wir eine Emanzipation. Es muss uns erlaubt sein, Emotionen zu zeigen und Emotionen zu leben. Auch bei Männern sind Emotionen keine Schwächen. Die emotionale Verarmung birgt die Gefahr, dass wir vor allem mit den seelischen und emotionalen Anforderungen nicht zurechtkommen. Darunter leiden besonders junge Männer, denen entsprechende Lebenserfahrungen fehlen. Die jungen Männer von heute sind Einflüssen und Belastungen ausgesetzt, die „wir Alten“ gar nicht kannten. Ich denke dabei vor allem an die ungefilterte Informationsflut durch die gesamte Medienlandschaft.

Alle Emotionen, die wir nicht aufkommen lassen oder die wir unterdrücken, arbeiten in uns weiter. Und viele kommen damit nicht zurecht, weil „starke Männer“ solche Schwächen nicht haben und nicht zeigen dürfen. Außerdem gilt es als Schwäche, wenn sie sich Hilfe holen wollen. Daher werden Probleme nach dem alten Männerbild (unterdrückte Emotionen, Isolation, Gewaltverherrlichung und Hilflosigkeit) wie schon seit Jahrhunderten mit Kraft und Gewalt gelöst. Amokläufe, wie der vor einigen Wochen in Graz, könnten auch dadurch – zumindest mitverursacht - sein. Diese Gräueltaten sind aber nur die Spitze des Eisberges. Darunter finden sich viele ge- oder zerstörte Persönlichkeiten junger Männer.

Die Gewalt der Männer, vor allem die Gewalt der Männer gegenüber Frauen, wird inzwischen – Gott sei Dank – angeprangert. Andererseits werden wir Männer zur Gewalt erzogen und zur Gewalt verpflichtet. Uns wird eine besondere Pflicht zugesprochen, die Wehrpflicht: Die Verpflichtung zum Töten, eine Verpflichtung zur männlichen Gewalt. So sehr ich die Betroffenheit in allen Bevölkerungsschichten über den Tod der Jugendlichen in Graz schätze, so betrübt mich die Dummheit, mit der wir Männer in Kriege geschickt werden, und die Dummheit, dass wir Männer als Helden für das Vaterland sterben müssen. Am meisten stört mich inzwischen vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der wir Kriege verteidigen – leider nicht nur die Männer, auch die Mütter von Söhnen.

Sich zu wehren, über andere siegreich zu sein, zurückzuschlagen, wenn wir angegriffen werden …, lernen wir Männer schon als Kinder. Der Missbrauch von Gewalt wird so teilweise gerechtfertigt und sozialisiert. Dabei sind unsere Kraft und unsere Stärke etwas Positives, etwas Männliches. Wir sollten sie auch gezielt einsetzen, einsetzen für die Gerechtigkeit, einsetzen für die Schwachen unter uns, einsetzen für die, die uns anvertraut sind, einsetzen in Verbindung mit Liebe und mit Einsicht. Das ist ein wichtiger Schritt einer erforderlichen männlichen Emanzipation.

Um emanzipiert zu sein, müssen wir den Zugang zu unserem Inneren zulassen und suchen, wir müssen die Wege zu unseren Seelen und zu unseren Emotionen finden. Es ist eine Stärke und keine Schwäche, dafür Hilfe zu suchen. Es ist eine Stärke, zu den eigenen Schwächen zu stehen. Es ist eine Stärke und keine Schwäche, Emotionen zu zeigen und Tränen zuzulassen. Richtige Männer können auch richtig weinen. Unsere Seelen müssen frei und somit menschlicher werden. Wir müssen zu uns selbst finden und uns als ganze Menschen, als Männer mit Körper, Geist und Seele annehmen.

Diese meine Gedanken sind nur ein Teil der erforderlichen männlichen Emanzipation. Dazu gibt es noch viele Ideen und Notwendigkeiten.

Wie das Yin-Yang-Symbol besteht auch die Menschheit aus zwei Teilen, die zusammen eine Einheit bilden. Kein Teil davon ist besser oder schlechter, aber jedes Teil ist etwas Besonderes. Beide Teile – Männer und Frauen – haben dafür ganz besondere Eigenschaften. Die Emanzipation von Männern und von Frauen führt zu einer tollen Einheit. 

Yin-Yang-Symbol

 

 

Leonding, Juli 2025                                                                                      Alois Markschläger

Kopflos oder mit diesem Kopf durch die Wand

Wer oder was bestimmt unser Handeln: Die Vernunft, die Erfahrungen, die „guten“ Emotionen (Liebe, Dankbarkeit, Freude, Freundschaft, Lust …)...